Das Podest rückt in Sichtweite

Die Berner Oberländerin Nathalie von Siebenthal reiht sich im Weltcuprennen von Davos als Fünfte ein – so weit vorne wie nie zuvor.

Dynamisch: Nathalie von Siebenthal läuft im Skatingschritt Richtung Weltspitze.

Dynamisch: Nathalie von Siebenthal läuft im Skatingschritt Richtung Weltspitze.

(Bild: Keystone)

Zufriedenheit ist auszumachen, Euphorie nicht. Nathalie von Siebenthal spricht von einem «wirklich guten Rennen», nachdem sie den 10-Kilometer-Skating-Wettkampf in Davos als Fünfte beendet hat, zeitgleich mit der Österreicherin Teresa Stadlober. Das Aber lässt nicht lange auf sich warten. «Leider habe ich das Tempo nicht ganz durchgehalten», ergänzt die Berner Oberländerin. Wäre ihr dies gelungen, hätte Ingvild Flug­stad Östberg ihren Triumph aus dem Vorjahr kaum wiederholt.

Sechste war von Siebenthal damals geworden, die Strecke fünf Kilometer länger gewesen. Die Lauenerin frohlockte; es handelte sich um das beste Weltcupergebnis in ihrer Karriere. 65 Sekunden trennten sie von erwähnter Norwegerin, das Spitzentrio hatte sich in einer eigenen Liga bewegt. Gestern belief sich der Rückstand auf Östberg auf 16 Sekunden, die Differenz zur drittklassierten Finnin Krista Pärmäkoski betrug 8 Sekunden. Wohlgemerkt, die Distanz war kürzer, das Feld jedoch besser besetzt. Das registriert, wer jene Athletinnen betrachtet, die von Siebenthal hinter sich gelassen hat.

Die Rede ist von Charlotte Kalla, Doppelolympiasiegerin und -weltmeisterin. Hinter der Schwedin findet sich «Miss Langlauf», die mittlerweile 37-jährige Muskelfrau Marit Björgen; neben ihr sieht von Siebenthal wie eine Grundschülerin aus. Björgens norwegische Landsfrau Astrid Jacobsen gilt es ebenso zu erwähnen wie Jessica Diggins, die Leaderin der starken Amerikanerinnen. Aus der Optik der Schweizerin eint die genannten Athletinnen, dass sie diese vor nicht so langer Zeit noch im Fernsehen bewundert hat.

Wie im Vorjahr realisiert von Siebenthal in Davos ihr bestes Weltcupresultat. Weiter vorne klassiert ist sie auf höchster Ebene einzig an der WM in Lahti gewesen, als sie auf der Zielgeraden des Skiathlons unter anderen Heidi Weng niedergerungen, sich überraschend Platz 4 gesichert hat. Vor diesem Hintergrund lässt sich im Zusammenhang mit der sonntäglichen Leistung von einem erstklassigen Auftritt sprechen. Von Siebenthal weiss das, den Gedanken an den Halbzeitstand kriegt sie trotzdem nicht aus dem Kopf.

Die Anzeigetafel leuchtete grün, als die beste Schweizer Langläuferin seit 30 Jahren nach fünf Kilometern durch das Stadion glitt. Was Bestzeit bedeutete und zur Frage führt, ob die 24-Jährige alles auf eine Karte gesetzt habe. Von Siebenthal verneint und stellt klar, sie sei kontrolliert gelaufen; Peter von Allmen spricht von einem «von A bis Z animierten Rennen». Der Trainer sagt, von Siebenthal habe die Taktik nahezu perfekt umgesetzt. «Am Ende hat die Kraft etwas nachgelassen, aber das gehört dazu.» Das Stehvermögen wird von Jahr zu Jahr höher, die Berner Oberländerin ist unter den besten Distanzläuferinnen die Jüngste.

Wobei Stadlober, die Ex-aequo-Fünfte, nur ein halbes Jahr älter ist als von Siebenthal. Was die sportliche Entwicklung und den Karriereverlauf anbelangt, trennen die Kontrahentinnen hingegen Welten. Die Österreicherin, Tochter der ehemaligen Slalom-Weltcup-Gewinnerin Roswitha Steiner und des einstigen Weltklasselangläufers Alois Stadlober, ist früh gefördert, technisch geschult worden. 2011 triumphierte sie an der (heute nicht mehr existierenden) U-18-Europameisterschaft im Massenstartrennen, an den europäischen Jugendspielen in Liberec reihte sie sich als Vierte und Fünfte ein.

Von Siebenthal belegte in Tschechien die Ränge 23 und 39, war hierzulande eine von fünf, sechs ähnlich eingestuften Juniorinnen. Sie bewegte sich ausserhalb der Verbandsstrukturen, liess sich zur Bergbäuerin ausbilden, trainierte unter der Obhut ihres Vaters Christian, ohne wissenschaftlich fundiertes Konzept. Was zumindest partiell erklärt, warum ihr in der klassischen Technik die Stabilität fehlt, ihr die Weggefährtin aus dem Nachbarland im Diagonalstil mindestens einen Schritt voraus ist.

Stadlober dient von Siebenthal seit geraumer Zeit als Orientierungspunkt. Weil sie weiss, dass der Weg stimmt, wenn sie sich auf Augenhöhe bewegt. Selbiges lässt sich im Zusammenhang mit dem Licht auf der Anzeigetafel festhalten. Sehr gut habe es sich angefühlt, das erste Mal Grün zu sehen und die schreienden Leute zu hören, sagt die Athletin und hält inne – womöglich geht ihr gerade der Was-wäre-wenn-Gedanke durch den Kopf. Klar ist: Das Podest rückt näher, die Ansprüche steigen.

Berner Zeitung

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