Beat, der Lokomotivführer

Beat Feuz ist das Zugpferd im Schweizer Abfahrtsteam, in Wengen ist er der einheimische Trumpf. Der Emmentaler hat sich vom Mitläufer zum Wortführer entwickelt, der unangenehm werden kann.

Volle Kraft voraus in Wengen: Beat Feuz fühlt sich am Lauberhorn zu Hause auch wenn er seit Jahren im österreichischen Kitzbühl wohnt.

Volle Kraft voraus in Wengen: Beat Feuz fühlt sich am Lauberhorn zu Hause auch wenn er seit Jahren im österreichischen Kitzbühl wohnt.

Der Bub drückt durch im Mann. Den Zug von Lauterbrunnen hinauf nach Wengen hat Beat Feuz Dutzende Male bestiegen, in der Führerkabine aber ist er nie zuvor gesessen. Ein Monitor, ein paar Knöpfe und Hebel, Geschwindigkeitsanzeigen sieht er vor sich, Feuz schaltet und waltet, vielleicht ist es ganz gut, haben die Offiziellen die Systeme vor dem Fototermin aus Sicherheitsgründen heruntergefahren.

Gerne hätte der Emmentaler aufs Tempo gedrückt, so wie er das 1500 Höhenmeter weiter oben am Lauberhorn jeweils tut. 2012 und im vergangenen Jahr war er der Schnellste, zwei Siege in Wengen, keinem anderen Schweizer ist dies im Weltcup gelungen. Er ist der meistgenannte Favorit für die Abfahrt vom Samstag, die Schweizer Hoffnung, natürlich. «Wenn es nach ganz vorne gehen soll, muss Feuz es für uns richten», sagt Cheftrainer Tom Stauffer. Zumal Mauro Caviezel nach einem spektakulären Trainingssturz zuletzt Schmerzen bekundet hat.

Feuz ist das Zugpferd im Schweizer Abfahrtsteam, der Lokomotivführer. Mag er vom Charakter her nicht der laute Antreiber sein, so ist er doch die Leaderfigur, an der sich die Kollegen orientieren, hinter dem sie in Ruhe gelassen werden, von dem sie profitieren. «Beat ist der Gradmesser, den wir im Training brauchen», sagt Gilles Roulin, «dank seinen starken Ergebnissen ist die Gefahr klein, dass in der Mannschaft Unruhe aufkommt.»

Er sagt es, wenn ihm etwas nicht passt

Im Februar, während der Weltmeisterschaft in Are, wird Feuz 32. Er ziehe mittlerweile «schon am Karren», sagt er und ergänzt, er stehe auf, wenn es die Situation erfordere, er öffne den Mund, wenn ihm etwas nicht passe und er verlange Massnahmen, wenn im Team Probleme bestünden. Als er dies sagt, schielt er rüber zu Kanadas Alpinchef Martin Rufener, der im selben Zug sitzt, und schmunzelt. Von 2004 bis 2011 hatte Rufener die Schweizer betreut, Feuz meint, damals sei er noch jung und ruhig gewesen.

Auf die Frage, ob er auch einmal unangenehm werden könne, findet die Nummer 1 in der Abfahrtsweltrangliste keine Antwort. Äussere er Kritik, so tue er dies mit voller Überzeugung, meint er nur. Coach Stauffer sagt, Feuz könne ziemlich Gas geben, er sei nicht harmoniesüchtig, was auch gut sei. «Beat ist der Beste, also muss die Trainingsqualität auch optimal sein. Seine Einwände sind immer berechtigt, manchmal aber sieht er nicht, wenn die Schuld für einen Fehler nicht bei uns, sondern woanders liegt. Dann müssen wir ihn bremsen.»

Feuz Wort hat Gewicht, umso mehr, als Carlo Janka hinterher fährt und Patrick Küng nicht mehr in die Spur zu finden scheint. Auf die beiden zugehen und ihnen Ratschläge erteilen, kommt für den Führenden im Abfahrtsweltcup nicht infrage, «wir sprechen hier von ehemaligen Weltmeistern, das wäre unangebracht». Auch auf die jüngeren Athleten innerhalb der Equipe geht Feuz nicht aktiv zu, er hätte das früher auch nicht gewollt, schliesslich handle es sich um eine Einzelsportart. «Hat aber jemand ein Anliegen oder braucht jemand einen Input, dann habe ich für jeden ein offenes Ohr.» In der Post-Feuz-Ära könnten die Schweizer im Speedbereich zumindest vorübergehend schwierige Zeiten durchmachen. «Die Konkurrenz in der zweiten und dritten Garde ist derzeit überschaubar», hält Feuz fest, noch immer seien dieselben Typen am Drücker wie vor zehn Jahren.

Er wünscht, sich ins Hotel beamen zu können

Die Schweiz zu repräsentieren, hat Beat Feuz schätzen gelernt; er spricht von einem Privileg, besonders in Wengen. Er mag den Berg, der Berg mag ihn, auch wenn es eine rätselhafte Liebesgeschichte ist, weil die lange Strecke mit den vielen Gleiterpassagen und wenigen technischen Herausforderungen an und für sich nicht auf ihn zugeschnitten ist. Die Anreise bezeichnet er als Heimkommen; die Mitarbeiter der Jungfrau-Bahn kennt er persönlich, im Dorf grüsst er diesen und jenen. In Wengen sind sie besonders oft zu sehen, die Leute, welche Feuz auf die Schulter klopfen, mit ihm posieren wollen. «Läuft es gut, dann fällt es leicht, tausendmal hinzustehen», sagt der Jungvater. «Nach einem schlechten Rennen, wenn es jeder besser weiss, dann möchte ich mich aber ins Hotel beamen können.»

Seit Jahren lebt Feuz in der Nähe von Innsbruck, wo Partnerin Katrin Triendl aufgewachsen ist. Dort dreht sich kaum jemand nach ihm um, und so staunt er jeweils, wenn er nach einiger Zeit wieder in seine Heimat kommt, ihn die Menschen lange anschauen, gar mit dem Finger auf ihn zeigen. Nach Wengen folgt mit Kitzbühel quasi ein weiteres Heimrennen, wobei sich Feuz nicht festlegen will, ob er einen ersten Sieg auf der Streif dem dritten am Lauberhorn vorziehen würde.

In Österreich übrigens sind bereits Wetten abgeschlossen worden darüber, ob Feuz halbjähriges Töchterchen dereinst für rot-weiss oder für rot-weiss-rot Skirennen bestreiten wird. Feuz lacht und meint, es sei noch nicht entschieden, ob seine Lebensgefährtin oder er selbst Clea das Fahren beibringen werde.

Berner Zeitung

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