Ambitioniert und bald startklar

Vier Berner Schneesportler, vier Geschichten: Alle starten mit hohen Erwartungen in die Saison ­– egal, ob sie sich mit einer Verletzung herumschlagen, in ein höheres Kader von Swiss-Ski aufgestiegen sind oder sogar einen überraschenden Weg eingeschlagen haben.

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Stephan Dietrich
Peter Berger@PeterBerger67

Es ist der entscheidende Sprung. Michael Schärer steht an den Olympischen Spielen in Pyeongchang oben an der steilen Rampe. Kurz darauf wird er über den Big-Air-Kicker sausen, Saltos und Schrauben vorführen und sicher im Schnee landen. Rang 6 und ein olympisches Diplom sind für den Spiezer verdienter Lohn für einen starken Finalwettkampf. Erst später stellt sich heraus, dass Schärer zu diesem Zeitpunkt bereits gravierend verletzt ist. Im ersten Sprung hat er sich eine Sehne in der linken Schulter gerissen, exakt an derselben Stelle wie zwei Jahre zuvor.

Geduld ist gefragt

«Ja, es hat wehgetan. Aber ich habe auf die Zähne gebissen», erzählt Schärer. Den Final wollte er damals unbedingt durchziehen. Da er die Sprünge zwei und drei sicher stand, lohnte sich das Risiko. Noch heute schwärmt der 21-Jährige vom Wettkampf. «Olympische Spiele waren immer mein grosses Ziel, und sie bleiben es auch für die Zukunft.» Kein Gedanke an Rücktritt, trotz schwerer Verletzung.

«Bei meiner ersten Verletzung war das anders. Damals dachte ich konkret darüber nach, meine Karriere zu beenden.» Diesmal stellte sich die Sinnfrage nicht. «Ich habe nach Olympia viele aufmunternde Worte erhalten. Mein Auftritt in Pyeongchang hat einiges ausgelöst.» Das hilft auf dem Weg zurück. Im März wurde Michael Schärer operiert. Es folgten viele Stunden Physiotherapie, die er teilweise während seiner Zeit im Sport-WK in Magg­lingen in Anspruch nehmen konnte. Der Heilungsprozess verläuft gut, aber Schärer will sich Zeit lassen.

Im Moment befindet sich der Berner Oberländer noch im Kraftaufbau. Vor einer Woche erfolgte sein erstes Schneetraining. «Geduld ist gefragt», sagt Schärer. In dieser Saison wird er nicht mehr viele Wettkämpfe bestreiten. Realistisch ist ein Comeback im März.

Hochgestecktes Ziel

Vielleicht wird es sogar etwas früher. Im Hinterkopf hat der Snowboarder nämlich die Weltmeisterschaften. Diese finden Anfang Februar im amerikanischen Park City statt. Trotz Vernunft, trotz gefragter Geduld will Schärer die Teilnahme an den Titelkämpfen nicht ausschliessen: «Ich weiss, dass der Zeitplan bis zur WM sehr knapp ist. Deshalb werde ich sicher kein unnötiges Risiko eingehen. Sollte ich aber bis Februar in Form kommen, ist die WM ein Ziel. Ganz klar.»

Schärer ist sich aber bewusst, dass die aktuelle Saison nicht entscheidend ist. Die nächsten Olympischen Spiele finden 2022 in Peking statt. Bis dahin bleibt genügend Zeit, neue Tricks einzuüben. Viel wichtiger ist es, gesund zu bleiben. (stü)

Kopfsache

Sandra Gerber sitzt am Computer und büffelt. Von Zeit zu Zeit schweift sie ab und träumt von den vergangenen Zeiten, von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Sie ist ein Wettkampftyp, und mit dem Gedanken, sich nicht mehr mit den Konkurrentinnen messen zu können, tut sich die Emmentalerin immer noch schwer. Obwohl schon 33 Jahre alt, war der Rücktritt nicht unbedingt geplant. «Es war ein rationaler Entscheid. Einer, der unter den gegebenen Umständen nicht zu umgehen war.» Ende der letzten Saison fiel Gerber aus dem Swiss-Ski-Kader raus. Das Leben als Snowboardprofi wäre dadurch logistisch und finanziell schwierig geworden. Vor allem aber wusste Gerber, dass es unrealistisch war, das einstige Leistungsniveau wieder zu erlangen.

Der Karriereknick kam bei ihr im November 2015. Ein Misstritt beim Skateboarden führte zum kaputten oberen Sprunggelenk am rechten Fuss. Von dieser Verletzung erholte sich Gerber nie mehr. «Im Alltag geht es mir ziemlich gut, der Spitzensport war hingegen schwierig.» Hadern will die Zollbrückerin jedoch nicht: «Ich bin zufrieden mit meiner Karriere. Die zehn Jahre als Snowboarderin möchte ich nicht missen.» Gerber stand erst mit 22 Jahren erstmals rennmässig auf einem Brett. Die Spätzünderin machte rasch Fortschritte und gewann sechs Europacuprennen. Der Umstieg in den Weltcup gelang ebenfalls. Höhepunkt waren die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi. «Die Piste war technisch herausfordernder als alles, was ich vorher und nachher gesehen habe. Es war eine Grenzerfahrung.»

Gerber ist ein Bewegungsmensch, weshalb sie weiter fleissig trainiert. «Auf dem Schnee war ich seit meinem Rücktritt jedoch noch nicht.» Und wenn, dann würde sie sich Skier statt des Snowboards anschnallen. Das Training im Fitnessraum ist der Ausgleich für die Kopfarbeit am Computer. Gerber schreibt die Masterarbeit in Sportwissenschaften. Das Leben nach dem Sport muss weitergehen. (stü)

Traumberuf Polizistin muss warten

Die Saison 2017/2018 war die beste von Muriel Jost. Drei Europacuprennen hat sie gewonnen und die zweithöchste Serie schliesslich als Gesamtzweite beendet. Der Erfolg wurde mit der Berufung ins Weltcupteam belohnt. «Es ist ein riesiger Schritt und derzeit noch ein Herantasten. Alles ist neu für mich», erzählt Jost. Den Leistungssprung im vergangenen Winter führt sie darauf zurück, «dass ich intensiver trainiert habe. Zudem habe ich sehr viel Mentaltraining betrieben.» Ihre drei Siege feierte sie alle in Frankreich (zwei in Puy-St.-Vincent und einen in Isola). «Die Kurse dort liegen mir, aber ansonsten habe ich keine Vorlieben für Frankreich», sagt sie und fügt lachend an, «in der Schule gehörte Französisch jedenfalls nicht zu meinen Lieblingsfächern.»

Die Schule ist für Jost vorerst kein Thema mehr. Im Sommer hat sie die Sporthandelsschule abgeschlossen. «Jetzt bin ich Profi.» Diese Saison geht es ihr darum, sich im Weltcup zu etablieren und Erfahrung zu sammeln. «Ich möchte mich aber auch für die Weltmeisterschaft in den USA qualifizieren.» Dazu sind eine Platzierung in den Top 10 oder zwei in den Top 16 nötig. «Wenn ich nicht überzeugt wäre, das zu schaffen, würde ich es mir auch nicht als Ziel setzen», sagt die ehrgeizige Bernerin.

Als Kind habe sie immer Polizistin werden wollen. «Das war mein Traumberuf. Aber der muss warten, denn vorerst setze ich nun auf die Sportkarriere.» Im Frühjahr 2019 wird Jost dann die Spitzensport-Rekrutenschule in Angriff nehmen. «Man geniesst dort die beste Unterstützung und Betreuung», begründet sie. Apropos Betreuung: Einen Tick hat sich Jost auch im Weltcupteam bewahrt. «Vor jedem Lauf muss mir der Trainer ein High Five geben und dreimal auf den Rücken schlagen.» (pbt)

Noch nicht am Ziel

Lars Rösti ist nach nur einem Jahr bei Swiss-Ski vom C- ins B-Kader aufgestiegen. «Geändert hat sich dadurch nicht viel. Ich gehöre immer noch der gleichen Europacup-Speedgruppe an», meint der 20-Jährige aus St. Stephan. Geblieben sind auch seine Vorlieben. Rösti mag vor allem Abfahrt und Super-G. «Aber auch Riesenslaloms bestreite ich weiterhin, diese Disziplin ist bezüglich der Technik wichtig.»

Slalom hat er hingegen erst an fünf Tagen trainiert, drei davon auf derjenigen Piste, die er selber eingeweiht hat. Mitte Oktober flitzte Rösti zusammen mit Altmeister Michael von Grünigen auf der Tschentenalp oberhalb von Adelboden über die erste Snowfarming-Piste. «Der weisse Strich in der grünen Landschaft sah zu diesem Zeitpunkt zwar schon speziell aus, aber das Projekt ist hervorragend und für den Nachwuchs sehr wertvoll», sagt Rösti über die Piste, die aus eingelagertem Schnee von der vergangenen Saison besteht.

Während der ausgebildete Schreiner im Vorjahr im Sommertraining vor allem Muskelkraft zugelegt hatte, hat er sich diesmal vornehmlich konditionell verbessert. Rösti, der nach der Saison den zweiten Teil der Spitzensport-RS absolvieren wird, fühlt sich für die Rennen jedenfalls bereit: «Im Europacup möchte ich regelmässig in die Top 10 fahren», sagt er.

Höhepunkt soll jedoch im Februar die Junioren-WM in Italien werden. «Für mich werden es die letzten Weltmeisterschaften als Junior sein.» Im vergangenen Winter war Rösti an den Nachwuchstitelkämpfen in Davos in der Abfahrt Dritter geworden, bloss drei Hundertstelsekunden hinter Sieger Marco Odermatt. Dieser fährt nun bereits im Weltcup mit. Und genau dort will auch Rösti hin. (pbt)

Berner Zeitung

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