«Wir wollen den Medaillensatz nicht verlieren»

Letzten Frühling hat Markus Waldner (51) das Amt des abgetretenen FIS-Renndirektors Günter Hujara übernommen. Im Interview spricht der Südtiroler über Probleme und Perspektiven rund um die Kombination, welche heute in Wengen ausgetragen wird.

«Den Allrounder gibt es nicht mehr.» Markus Waldner ist bestrebt, das Format der Kombination dem Istzustand anzupassen.

«Den Allrounder gibt es nicht mehr.» Markus Waldner ist bestrebt, das Format der Kombination dem Istzustand anzupassen.

(Bild: Marcel Bieri)

Wie beurteilen Sie das aktuelle Format der Kombination? Markus Waldner: Das muss man differenziert betrachten. In Wengen funktioniert es ausgezeichnet. Der Freitag ist ein wichtiger Tag, die Zuschauerzahl hoch. Bei den Frauen zeigt sich ein gegensätzliches Bild – wir finden kaum Orte, die bereit sind, eine Kombination zu organisieren.

Woran liegt das? Unser Vermarkter Infront bezahlt für die Durchführung einer Kombination im Vergleich mit den andern Disziplinen bestenfalls die Hälfte. Seitens der Industrie ist die Wertigkeit der Kombination gleich null; die Siegesprämien sind deutlich tiefer als in den andern Disziplinen. Die Ursache dieser Fakten ist jedoch das Bild, welches der Zuschauer im Wohnzimmer zu sehen kriegt.

Wie meinen Sie das? Heute sind primär Spezialisten am Werk. Auf schwierigen Slalomhängen wie jenen in Wengen und Kitzbühel machen viele Abfahrer keine gute Figur, sehen aus wie Anfänger. Die Leute vor dem Fernseher lachen; zum Teil lachen die Athleten über sich selbst. Nun stellt sich die Frage...

...ob man die Fahrer der Lächerlichkeit preisgeben soll? Genau; die Athleten verkörpern Weltklasse, aber eben nur in einer Disziplin. In der anderen trainieren sie kaum. Früher hatten wir Leute wie Kjetil André Aamodt und Pirmin Zurbriggen, die in allen Disziplinen aufs Podest fahren konnten. Mittlerweile ist die Spezialisierung sehr weit fortgeschritten, den Allrounder gibt es nicht mehr. Kommt dazu, dass häufig kein Spannungsbogen entsteht.

Können Sie ein Beispiel nennen? Erinnern Sie sich an Kitzbühel im letzten Jahr? Alexis Pinturault war nach dem Super-G Zwölfter. Im Slalom blieb er fast fehlerfrei; er setzte sich an die Spitze. Von den elf Fahrern, die nach ihm an der Reihe waren, konnte keiner auch nur annähernd mithalten. Einige von ihnen rutschten mehr den Hang hinunter, das Rennen war träge, plätscherte vor sich hin.

Was niemandem etwas bringt. Wengen und Kitzbühel sind unsere Topdestinationen, da lässt sich fast alles machen. Vermutlich kämen die Zuschauer sogar, wenn wir Rodelrennen durchführen würden. Aber schauen wir in den Europacup: Letzte Woche fand in Wengen eine Abfahrt statt. Von den über 100 Teilnehmern fährt kein einziger Slalom.

Warum nicht? Täte dies einer, würde er womöglich irgendwann aus dem Kader fliegen, weil es in beiden Disziplinen 10 oder gar 20 Bessere gäbe.

Unter dem Strich ist es paradox, an der Kombination festzuhalten. Gibt es sie nur noch, weil sie olympisch ist? Das ist einer der Hauptgründe. Wir wollen den Medaillensatz nicht verlieren. Zudem ist der Reiz bei Grossanlässen ein anderer, die Spannung automatisch höher, weil etwas Unvergängliches auf dem Spiel steht.

Wird dieses Paradoxon zum Dauerzustand? Wir haben im Sommer mit den Veranstaltern von Wengen und Kitzbühel über eine Modifizierung des Formats diskutiert und einen Ansatz gefunden. Noch ist er nicht ausgereift. Wenn es uns gelingt, ihn umzusetzen, werden wir eine Kombination mit hochklassigem Sport präsentieren.

Haben Sie in den ersten Monaten Ihrer Amtszeit auch andernorts Reformbedarf gesichtet? Wir haben hervorragende Veranstalter, das System funktioniert. Es wird keine Revolution geben, nur eine Evolution. Die Abfahrtspisten haben wir einen Tick schärfer gemacht. Zudem haben wir die Regisseure der wichtigen Fernsehstationen stärker eingebunden, mit ihnen geschaut, wie sich die Qualität der Bilder durch Anpassungen bei der Kurssetzung optimieren lässt.

Im Europacup wurde im Dezember ein Slalomformat mit drei Durchgängen getestet. Soll dieses künftig auch im Weltcup zur Anwendung gelangen? Wir testen Varianten, werden aber nichts überstürzen. Es geht nicht darum, den Slalom neu zu erfinden. Die Klassiker wie Wengen, Kitzbühel und Schladming werden wir sowieso nicht antasten, die laufen viel zu gut. Der Grundgedanke sieht vor, kleinere Veranstaltungen wie jene zu Beginn oder gegen Ende der Saison aufzuwerten.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz berichtet ab 10.30 Uhr live von der Superkombination

Berner Zeitung

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