Was nützen die neuen Riesenslalom-Ski?

Seit der Saison 2012/13 sind im Weltcup-Riesenslalom neue Skimasse vorgeschrieben. Aber hat die Regeländerung diese Disziplin wirklich sicherer gemacht?

Bilder, die niemand gefallen: Die Schweizerin Martina Schild wird in St. Moritz mit Kreuzbandriss abtransportiert (27. Januar 2010). Foto: Keystone

Bilder, die niemand gefallen: Die Schweizerin Martina Schild wird in St. Moritz mit Kreuzbandriss abtransportiert (27. Januar 2010). Foto: Keystone

Christian Andiel@tagesanzeiger

Für Professor Erich Müller ist die Sache klar. «Die Statistiken belegen eindeutig, dass die Zahl und die Schwere der Verletzungen seit drei Jahren zurückgegangen sind.» Müller leitet den Fachbereich Sport- und Bewegungswissenschaften an der Uni Salzburg, und seine Forschungen haben massgeblich dazu beigetragen, dass auf den Winter 2012/13 hin die Masse bei den Riesenslalom-Ski verändert wurden. Es galt vor allem, der grossen Zahl an Kreuzbandrissen entgegenzuwirken.

Die Verringerung der Taillierung und Erhöhung des Radius wurde von der Mehrzahl der Fahrer und Fahrerinnen heftig kritisiert, die neuen Modelle würden deutlich mehr Kraftaufwand erfordern. Auch Trainer waren skeptisch, der internationale Skiverband (FIS) blieb hart.

Und für Erich Müller völlig zu Recht. Er zitiert die neueste Untersuchung des Instituts Oslo Trauma Research, das das Risiko von Verletzungen nach Zeiteinheiten auf den Ski misst, und dabei Training und Wettkampf zusammennimmt. «Wir sehen bei den Männern im Riesenslalom einen deutlichen Rückgang um mehr als die Hälfte», sagt Müller. Generell sind bei den Männern auf Weltcup-Niveau weniger Verletzungen zu beklagen, Müller sagt dann auch: «Der Rückgang liegt nicht nur an den neuen Ski, es ist das Gesamtpaket, das dafür verantwortlich ist.» Mit diesem Gesamtpaket meint Müller die Fortschritte in der Pistenpräparierung, die vom Start bis ins Ziel einheitlicher sei als früher. Und die Kurssetzung, mit der in den vergangenen Jahren das Tempo immer mehr verringert wurde, auch und gerade im Riesenslalom.

«Abenteuerliche» Interpretationen der Statistik?

Es gibt wohl noch einen anderen Grund für die bessere Bilanz. «Wann sind wir denn in den vergangenen zwei Jahren auf den wirklich harten, eisigen Pisten gefahren, die uns immer die grössten Probleme gemacht haben?», fragt Karlheinz Waibel. Er war jahrelang Cheftrainer des deutschen Männerteams und ist ein weltweit anerkannter Experte in Sachen Material und Sicherheit. Für Waibel sind manche Interpretationen von Erich Müller fast schon «abenteuerlich», schliesslich sei die Zahl der Verletzungen während Weltcuprennen im Riesenslalom wieder gestiegen. Aber grundsätzlich sei die Zeitspanne viel zu kurz, um überhaupt schon klare Aussagen machen zu können, «wir hatten immer ein Auf und Ab in Sachen Zahl der Verletzungen», sagt Waibel, «und wir fahren seit zwei Jahren mehrheitlich auf viel weicheren Pisten», weil eben die Schneeverhältnisse anders sind.

Müller lässt sich in seiner Einschätzung nicht beirren. Zwar belegt die offizielle Statistik der FIS im letzten Winter einen Anstieg im Riesenslalom, doch dies ist für Müller «statistisch nicht relevant, da geht es um zwei Verletzungen mehr oder weniger». Ihn interessiert mehr, dass die hohen Zahlen der Jahre bis 2011 nicht mehr erreicht werden. Tatsächlich scheint sich das Niveau auf einem niedrigeren Level einzupendeln.

Jetzt geht es um chronische Rückenbeschwerden

Für Müller zeigen die Statistiken auch in negativer Hinsicht eine klare Tendenz. Denn eine eindeutig höhere Zahl an Verletzungen gibt es bei den Frauen im Speedbereich. «Das», sagt Müller, «ist momentan die eine grosse Herausforderung.» Gemäss der erwähnten jüngsten Untersuchung aus Oslo hat sich die Zahl in der Abfahrt mehr als verdoppelt, im Super-G sogar mehr als vervierfacht. Einen Grund kennt Müller nicht, und er schliesst sich hier immerhin der Einschätzung Waibels an: «Wir sind noch nicht sicher, ob es sich um eine generelle Tendenz handelt.»

Die zweite grosse Herausforderung sind die chronischen Rückenbeschwerden praktisch aller Fahrer und auch der meisten Fahrerinnen. In dieser Hinsicht gibt es ebenfalls neueste Untersuchungen. Das Problem in Slalom und Riesenslalom: Es treten im Körper starke Rotationen und Bewegungen nach vorne und zur Seite auf. Diese sind durch moderne Trainingsmethoden und systematische Aufbauarbeit von Jugendtagen an zwar durchaus kontrollierbar, «aber bei Verlust der Körperkontrolle oder bei unachtsamen Bewegungen kann das zu einer zu starken Belastung werden», sagt Müller. Genau aber in diesem Punkt gebe es deutliche Anzeichen, dass die neuen Riesenslalom-Ski die Belastung bei Rotation und Vorwärtsbewegungen verringern. Da mittlerweile die neuen Ski auf allen Ebenen und Altersstufen eingesetzt werden, erhofft sich Müller in der Zukunft positive Auswirkungen für die allgemeine Rückenproblematik.

Es wird also weiter um die Sicherheit im Skisport gerungen. Mit dem Airbag, der im Januar erstmals im Wettkampf eingesetzt werden kann, ist die Entwicklung noch nicht zu Ende.

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