Sanna Lüdi hat ihren Humor nicht verloren

Einmal mehr heisst es für Sanna Lüdi: Zurück zum Start. Die Berner Skicrosserin arbeitet nach ihrem Kreuzbandriss in der Schulthess-Klinik am Comeback für den Weltcup – und Olympia 2018.

Sanna Lüdi beginnt nach ihrem Kreuzbandriss Anfang Januar mit dem Reha-Programm in der Schulthess-Klinik in Zürich.

Sanna Lüdi beginnt nach ihrem Kreuzbandriss Anfang Januar mit dem Reha-Programm in der Schulthess-Klinik in Zürich.

(Bild: Keystone)

Ihre Karriere erinnert immer mehr an das Bild vom Storch, der einen Frosch im Schnabel hält, ihn aber nicht herunterschlucken kann, weil ihn die Kröte mit beiden Händen würgt. «Never give up» steht unter der Karikatur geschrieben. Sanna Lüdi lacht, als sie in der Schulthess-Klinik auf die Pointe dieses Cartoon angesprochen wird. Dann sagt sie aber: «Es hat etwas. ‹Gib niemals auf› ist mein Lebensmotto.»

Die 28 Jahre alte Skicrosserin aus Leimiswil wurde am vergangenen Freitag in Zürich operiert, nachdem sie sich beim Weltcuprennen in Val Thorens einen Kreuzbandriss im linken Knie sowie einen Meniskusschaden zugezogen hatte. Die Operation sei gut verlaufen, entwarnt die Oberaargauerin. «Die Ärzte waren erstaunt, wie schön das Knie schon wieder aussieht. Der zerstörte Meniskusteil konnte zusammengenäht werden», sagt Lüdi.

Ein dumpfer Knall

Es passierte vor zehn Tagen im höchst gelegenen Skiort Europas (2300 Meter über Meer). Im Halbfinal setzte Sanna Lüdi nach dem letzten, zu kurz geratenen Sprung unglücklich auf. Sie merkte sofort, dass das Kreuzband gerissen war. «Ich habe einen dumpfen Knall gehört.» Dann habe sie einen stechenden Schmerz verspürt. «Nein, jetzt kann ich nicht am Final teilnehmen», sei ihr erster Gedanke gewesen, sagt die Gewinnerin von drei Weltcuprennen. Sie habe den Sturz analysiert. Die ganze Woche sei sie «brutal sicher auf dem Ski gestanden». Sie habe die Läufe dominiert, in jedem Durchgang geführt. Im Halbfinal jedoch, in dem Lüdi ebenfalls vorne lag, habe sie auf einmal zu hören versucht, ob ihre Gegnerinnen näher gerückt seien «Ich habe mich nach hinten orientiert, verlor dadurch in der letzten Kurve an Geschwindigkeit, wurde von hinten gestört, angegriffen und abgedrängt. Womöglich war diese taktische Fahrweise ein Fehler», mutmasst die Freestylerin.

Wieder wurde Sanna Lüdi am Fuss des Montblanc der letzte Sprung zum Verhängnis – wie schon ein Jahr zuvor. «Damals hatte ich mir eine Fraktur des Fibulaköpfchens zugezogen. Ich konnte später an den Olympischen Spielen in Sotschi teilnehmen», sagt das prominenteste Mitglied des Skiklubs Ahorn-Eriswil. «Hätte ich vor zehn Tagen nur einen Kreuzbandriss erlitten, wäre ich vermutlich an die Weltmeisterschaft am Kreischberg gefahren. Das war im Zielraum auch meine Hoffnung gewesen.» Mit einer Knieorthese aus Karbon wäre eine WM-Teilnahme in Österreich möglich gewesen. «Überhaupt», flüchtet sich die in Langenthal wohnhafte Lüdi in Galgenhumor, «am besten würde ich wohl mit einer Ganzkörperorthese fahren – wie ein Roboter.» Eine Orthese wird in der Medizin als Hilfsmittel zur Stabilisierung von Gliedmassen oder des Rumpfes eingesetzt.

Keine Rücktrittsgedanken

Seit fast fünf Jahren erleidet die zweifache Olympiateilnehmerin immer wieder Rückschläge. Lüdis Krankengeschichte liest sich wie das «Abc der Gesundheit» von «Reader’s Digest». Zahlreiche Brüche, Bänderrisse, Schulterkomplikationen, drei Operationen nach Sotschi. Nun der Meniskusschaden. Es erstaunt nicht, dass Lüdi bis heute verletzungsbedingt nur 32 Skicross-Weltcuprennen und erst eine WM – jene 2009 in Japan (Platz 9) – bestritten hat. «Statt der Tapferkeitsmedaille hätte ich lieber eine richtige Medaille», sagt Lüdi. Als sie in Val Thorens im Schnee lag, habe sie «keine Sekunde an einen Rücktritt gedacht». Im Gegenteil: «Die Woche in Val Thorens war genial gewesen. Nach einer im Sommer harzig verlaufenen Vorbereitung bekam ich wieder extrem Freude an meinem Sport. Es wurde mir bewusst, dass Skicross für mich das Schönste im Leben ist», schwärmt die Patientin. Sie sei jedenfalls noch nie so motiviert in einen Operationssaal gegangen wie am Freitag. «Das ist selbst den Ärzten aufgefallen.» Lüdi gibt sich kämpferisch: «Ich freue mich schon jetzt auf das nächste Weltcuprennen. Da will ich vom Start bis ins Ziel vorne liegen.» Das Comeback im Weltcup und Olympia 2018 sind ihre Triebfedern.

In den nächsten sechs Wochen hat die Wundheilung Priorität. Lüdi wird jeden Tag in der Klinik zur Physiotherapie erwartet, zu Hause entspannt sie sich mit Mentaltraining. Normalerweise liest Sanna Lüdi die gelesenen Krimis ihrer in Finnland geborenen Mutter Pia. Momentan hat die schweizerisch-finnische Doppelbürgerin eine andere Motivation: «Ich möchte eine Ausbildung machen und werde mich demnächst festlegen. Ich habe verschiedene Ideen im Kopf.» Die Skicross-WM werde sie vor dem Fernseher verfolgen, sagt Lüdi. «Es wird schwierig, klar. Aber ich bin neugierig und will wissen, wer gewinnt.»Thomas Wälti

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Berner Zeitung

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