Nun drehen sie die Lebensspirale

Sie waren das Todes-Spiralen-Paar: Oleg Protopopow und Ludmilla Beloussowa. Die Olympiasieger leben in Grindelwald. Die Tickets für die EM in Bern sind ihnen zu teuer.

2011: Oleg Protopopow führt seine Ehefrau Ludmilla Beloussowa in Grindelwald galant übers Eis.

2011: Oleg Protopopow führt seine Ehefrau Ludmilla Beloussowa in Grindelwald galant übers Eis.

(Bild: Andreas Blatter)

Oleg Alexejewitsch Protopopow filmt sich selbst, als er die Fragen des Journalisten beantwortet. «Wissen Sie», sagt der 78-jährige Eiskunstläufer in passablem Englisch, «vielleicht kann ich eine Sequenz unseres Gesprächs später für meinen Film gebrauchen.»

In der engen Stube einer Grindelwalder Dreizimmerwohnung sieht es aus wie in einem Filmstudio. Mitten im Raum steht eine antiquierte Filmschnittanlage. Daneben liegen in kyrillischer Schrift fein säuberlich angeschriebene Videokassetten. Der Film soll dereinst so etwas wie das Vermächtnis von Protopopow und seiner Ehefrau Ludmilla Beloussowa, 75, werden. Der Film sei längst nicht fertig, betont die zierliche und jugendlich wirkende Seniorin mit ihren blonden Zöpfen. Immer wieder komme ein neues Kapitel hinzu – das gebe ihr Energie fürs Leben. «Als Titel würde mir Lebensspirale deshalb ganz gut gefallen», sagt Beloussowa.

1964 und 1968 Olympiagold

Die Todesspirale ist ein Element im Paarlaufen. Die Partnerin wird, fast horizontal über dem Eis auf einem Bein gleitend und nur vom ausgestreckten Arm des Partners an der Hand gehalten, um dessen Körperachse gezogen. Die Todesspirale gehörte zum Programm, das Protopopow/Beloussowa an den Olympischen Spielen 1964 und vier Jahre später zeigten. Das sowjetrussische Eiskunstlauf-Paar gewann sowohl in Innsbruck als auch in Grenoble die Goldmedaille. Unvergessen bleibt der Triumph 1964 über die favorisierten Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler. Mit einer perfekten Darbietung zum «Liebestraum» von Franz Liszt fügten Protopopow/Beloussowa dem deutschen Glamourpaar eine bittere Niederlage bei. Vier WM-Titel und vier goldene Auszeichnungen an kontinentalen Titelkämpfen vervollständigen das Palmarès der in Leningrad (heute St. Petersburg) gross gewordenen Sportler, die in den 1960er-Jahren das Eiskunstlaufen revolutioniert hatten. Ihr Stil war geprägt von Grazie, Anmut und tänzerischem Eislaufen und nicht wie bis dahin nur auf Kraft basierend.

Kein Geld für teure Tickets

Wenn am Montag in Bern die kontinentalen Titelkämpfe beginnen, schalten Oleg Protopopow und Ludmilla Beloussowa in ihrer Grindelwalder Stube den Fernseher an. «Wir können uns Eintrittskarten nicht leisten», sagt Beloussowa. Die Rente sei nicht so hoch, meint die gelernte Eisenbahningenieurin. Und das kleine, in den Profijahren (1979–1986) durch Showauftritte und zwei WM-Titel angehäufte Vermögen erlaube keine grossen Sprünge. «Aber wir sind glücklich in Grindelwald und haben hier viele wunderbare Menschen kennen gelernt, die uns unterstützen», erzählt Protopopow. Im August 1979 war das Paar während einer Europa-Tournee in der Schweiz abgesprungen und ersuchte hier um politisches Asyl. «Wir wussten, dass es in Grindelwald eine Eishalle hatte, die auch im Herbst geöffnet war», sagt Beloussowa. «Wir lebten drei Jahre lang im Hotel Schweizerhof, wo wir günstig wohnen durften.» 1995 erhielten die beiden den Schweizer Pass.

Den heutigen Paarlauf findet Protopopow eher langweilig: «Das ist Akrobatik und nicht mehr Kunst.» Heute würden die Sportler gewissermassen in ein Korsett gezwängt. «Es gibt so viele Elemente, die vorgeschrieben sind. Die Intuition geht dadurch verloren», sagt Beloussowa.

Trockentraining in der Stube

Das Wohnzimmer ist ein Mehrzweckraum: Ess- und Fernsehzimmer – via Satellit kommen die russischen Nachrichten ins Haus –, Filmstudio und Fitnessraum. Am Boden liegt eine 25-Kilo-Hantel. «Ich übe täglich», sagt Oleg Protopopow, der vor eineinhalb Jahren eine Streifung erlitten hat. Als er auf einer Drehscheibe Pirouetten trainiert, sagt Beloussowa erleichtert: «Glücklicherweise hat er sich gut erholt.» Auch dieses Jahr planen sie wieder, das halbe Jahr von Juni bis Dezember in Lake Placid zu verbringen, wo sie eingeladen sind und ihnen die Veranstalter der Show die Eisbahn zur Verfügung stellen. «Als Gegenleistung geben wir den Kids dort ein paar Tipps», sagt Protopopow.

Training als beste Medizin

Ludmilla Beloussowa klaubt eine Kartonschachtel hervor. Darin liegen alle Medaillen – und Lenin-Orden für verdienstvolle Leistungen. Stolz ist die Hausherrin auch auf regelmässig eintreffende Fanpost. Vor zwei Tagen kam ein Brief aus Deutschland mit der Bitte, die beigelegten alten Zeitungsartikel und Fotos zu unterschreiben.

Noch heute trainieren die zweifachen Olympiasieger jeden Tag eine Stunde lang in der Eishalle von Grindelwald. «Das ist die beste Medizin gegen Altersbeschwerden», sagt die 42 kg leichte Ludmilla Beloussowa mit einem Schmunzeln. Auch gestern lief sie mit ihrem kongenialen Partner, mit dem sie seit 53 Jahren verheiratet ist, Arm in Arm anmutig und graziös übers Eis. Ein kleines Mädchen verfolgte die «Kür» gebannt: «Müssen die beiden mal gut gewesen sein!»

Berner Zeitung

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