Michael von Grünigen: «Wir durchschreiten ein tiefes Tal»

Der 43-jährige Schönrieder Michael von Grünigen hat in Adelboden mitgelitten. Der Gewinner von 23 Weltcuprennen spricht über Defizite bei der Linienwahl, über den Nachwuchs sowie über Stars wie Ligety und Hirscher.

MvG mit Kennerblick: Michael von Grünigen, seine Frau Anna und Sohn Lian schauen gespannt den Zielhang hoch.

MvG mit Kennerblick: Michael von Grünigen, seine Frau Anna und Sohn Lian schauen gespannt den Zielhang hoch.

(Bild: Andreas Blatter)

Wie viel Zeit würden Sie im Riesenslalom pro Lauf auf Ted Ligety verlieren? Michael von Grünigen: Oh, bestimmt mehr als vier Sekunden. Wenn nicht, müsste ich schon einen saumässig guten Tag erwischen (schmunzelt). Es wäre ein Armutszeugnis für den Schweizer Skisport, wenn ich mich heutzutage für einen zweiten Lauf qualifizierte – zehn Jahre nach meinem Rücktritt.

Hätten Sie Probleme mit der Piste am Chuenisbärgli? Technisch nicht, nein. Aber die harte Piste würde mir Schwierigkeiten bereiten. Mir fehlen nebst dem täglichen Training Kraft und Kondition. Ich wiege fünf Kilo weniger als zu meinen Aktivzeiten, ich habe Muskelmasse abgebaut. Mir fehlte das Timing dafür, auf der Ideallinie zu fahren.

Wie beurteilen Sie die Situation im Schweizer Skisport? Die Lage ist schwierig. Es tut mir leid für die Fahrer, die ihr Bestes geben. Ich leide mit ihnen. Als Rennsportkoordinator von Fischer bin ich gelegentlich an Weltcuprennen dabei. Wir durchschreiten ein tiefes Tal. Die jüngere Generation mit einigen vielversprechenden Athleten braucht noch etwas Zeit. Es fehlen Leadertypen wie Didier Cuche und Beat Feuz – ohne sie hätte es schon im letzten Winter nicht viel anders ausgesehen.

Carlo Janka, Didier Défago und Marc Berthod wären solche Leadertypen. Ja, und sie müssten nach ihrem Reifeprozess jetzt die Früchte ernten. Aber sie sind nicht imstande, die Lücken zu schliessen. Das stimmt mich bedenklich. Als Aussenstehendem fällt mir auf, dass die arrivierten Schweizer Fahrer keine Ausstrahlung haben, gewissermassen ohne Freude Ski fahren. Ihre Körpersprache ist negativ. Das hängt natürlich mit den fehlenden Resultaten zusammen – auch mit dem Druck, den Medien und Sponsoren erzeugen. Diesen Druck haben Cuche und Feuz letzte Saison von den anderen weggenommen. Bleibt der Erfolg aus, beginnt man zu grübeln, probiert neue Sachen aus und will mit der Brechstange ein positives Resultat erzwingen – ein Teufelskreis.

Was stellen Sie fest, wenn Sie die Schweizer Fahrer mit den Weltbesten vergleichen? Ich möchte betonen, dass ich nur eine Aussenansicht geben kann, ich bin ja an keinem Training dabei. Mir fällt auf, dass die Schweizer Defizite bei der Linienwahl aufweisen. Möglicherweise ist bei der Umstellung auf das neue Material zu wenig berücksichtigt worden, dass die Tore nicht mehr so direkt angefahren werden können wie vor der Regeländerung (der Radius der Skitaillierung wurde heuer von 27 auf 35 Meter erhöht, die Red.). Heute müssen die Fahrer vor dem Tor einen Bogen machen, um Geschwindigkeit aufzunehmen. Der neue Fahrstil erfordert Geduld. Vor allem die arrivierten Fahrer haben Schwierigkeiten mit dieser Entwicklung.

Hätten die Trainer dieses Manko nicht längst erkennen müssen? Ich möchte niemandem etwas unterstellen. Die Athleten wissen, dass sie ihren Fahrstil verändern müssen. Ohne Leader fehlt im Männerteam aber ein Massstab – können sich die Fahrer nicht an Richtzeiten orientieren, wissen sie nicht, wie sie im internationalen Vergleich dastehen. Dies allein für den schlechten Saisonstart verantwortlich zu machen, würde zu kurz greifen. Der Skisport ist eine komplexe Angelegenheit. Die Materialabstimmung und das Selbstvertrauen spielen ebenfalls eine bedeutende Rolle.

Wie sieht es mit dem Schweizer Nachwuchs aus – in FIS-Rennen oder im Europacup gehören die jungen Fahrer zu den Besten, im Weltcup können sie ihre Leistungen noch nicht bestätigen? Da bin ich zuversichtlich – gerade im Slalom qualifizierten sich mit Ramon Zenhäusern und Luca Aerni zwei Talente für den zweiten Lauf. Bis auf Juniorenstufe ist Swiss-Ski gut aufgestellt, das zeigen die zahlreichen Medaillen an Juniorenweltmeisterschaften. Wir haben zwei starke Jahrgänge: 1992 (Ramon Zenhäusern, die Red.) und 1993 (Luca Aerni). Das sind erfreuliche Perspektiven. Die erfolgversprechenden Talente können sich gegenseitig pushen.

Elia Zurbriggen gab am Samstag im Alter von 22 Jahren in Adelboden sein Weltcupdebüt. Sein Bruder Pirmin junior (20) fährt ebenso erfolgreich FIS-Rennen wie Ihr 17 Jahre alter Sohn Noel. Erstaunt es Sie, dass diese drei Kinder Söhne grosser Schweizer Skirennfahrer sind? Unsere Vergangenheit als Skirennfahrer hat die Kinder natürlich beeinflusst, sich für diesen Sport zu begeistern. Sie haben unsere eigenen Karrieren miterlebt und sind in den Skisport gewissermassen hineingewachsen. Pirmin Zurbriggen und ich haben unsere Söhne aber nie forciert, sondern sie in ihrer sportlichen Betätigung lediglich unterstützt.

Zurück zu den Stars: Marcel Hirscher und Ted Ligety fahren gegenwärtig in einer anderen Liga. Weshalb dominieren sie den Weltcup derart souverän? Sowohl Marcel Hirscher als auch Ted Ligety sind ausgezeichnete Techniker und dominierten schon im vergangenen Winter. Sie sind enorm motiviert, strotzen vor Selbstvertrauen und beweisen grossen Mut. Diese Eigenschaften muss man sich zuerst hart erarbeiten. Der Umstellungsprozess war für sie einfacher, weil sie schon vorher gut drauf waren.

Berner Zeitung

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