Im Weltcup als Phantom unterwegs

SkicrossFränzi Steffen hat keinen kompletten Rennwinter bestreiten können – immer wieder war sie verletzt. Nach ihrem Rücktritt blickt die Saanerin auf denkwürdige Momente zurück. Sie wagt auch einen Blick in die Zukunft.

Rücktritt: Fränzi Steffen hängt ihre Skier an den Nagel.

Rücktritt: Fränzi Steffen hängt ihre Skier an den Nagel.

(Bild: Andreas Blatter)

Die Verletzungshexe muss Fränzi Steffen von Anfang an in ihr Herz geschlossen haben. In zwölf Wintern bestritt die 33 Jahre alte Saanerin gerade mal 34 Weltcuprennen. «Ich zog mir jedes Jahr eine neue Verletzung zu», sagt die Skicrosserin. Beckenprellung, Kreuzbandriss an beiden Knien, Meniskusschaden, am Schluss ein Bandscheibenvorfall und Rückenschmerzen – das ganze Repertoire. Als Sturzmarie möchte sich die Freestyle-Skifahrerin nicht bezeichnen. «Ich war eher ein Crashtest-Dummy», meint Steffen und lacht herzhaft über den Vergleich mit den lebensgrossen Puppen, die dafür verwendet werden, im Strassenverkehr einen Aufprall zu simulieren. Rücktritt hinausgezögert Fränzi Steffen will nicht mit ihrer Gesundheit hadern. «Meine grosse Stärke war es, nach Rückschlägen immer wieder aufzustehen», sagt die gelernte Kauffrau. Deshalb sei der Rücktritt erst jetzt erfolgt. «Ich hätte auch nach den Olympischen Spielen in Vancouver zurücktreten können. Dann aber begannen mich die Winterspiele in Sotschi zu reizen. Und nach Sotschi wollte ich an die Freestyle-WM nach Kreischberg reisen.» Die mandelförmigen Augen der im Winter semiprofessionell tätig gewesenen Skicrosserin beginnen zu leuchten, als sie von ihrem schönsten Moment erzählt: «Ich wurde für Vancouver nachselektioniert. Emilie Serain hatte sich vor Ort im Training verletzt.» An den erlösenden Anruf frühmorgens um sechs Uhr erinnert sich Steffen genau: «Normalerweise stelle ich das Handy auf lautlos. Weil ich an diesem Morgen jedoch an ein Rennen der Coop-Skicross-Tour fahren wollte, war ich schon wach», sagt Steffen. Um anzufügen: «Als mich der Disziplinenchef fragte, ob ich nach Vancouver reisen möchte, wurde ich zuerst hässig, weil ich glaubte, er mache einen blöden Witz. Dann klärte er mich auf. Meine Gefühle spielten verrückt.» Drei Tage später bestritt sie in Cypress Mountain die Qualifikation – mit nur einem Trainingstag in den Beinen. «Im Rennen verpasste ich den Start komplett. Ich konnte nur noch Adieu winken und wurde schliesslich 29.»

Ein Sieg im Weltcup

Nachdem Steffen im Alpinbereich verschiedene Kaderstufen durchlaufen und 2002 an ihrem Hausberg ein FIS-Riesenslalomrennen gewonnen hatte, wandte sie sich 2003 dem Skicross zu. In dieser Disziplin, in der ihr Bruder Andreas weltcupmässig unterwegs war, rechnete sie sich mehr Chancen aus. Im ersten Weltcuprennen, am 18.Januar 2003 in Laax, war Steffen als Phantom unterwegs. In der Datenbank des Weltskiverbandes heisst es hinter ihrem Namen: disqualifiziert. «Dabei wurde ich Zweite. Ich bekam sogar einen Pokal. Irgendetwas muss bei der Resultatübermittlung schiefgelaufen sein», sagt Steffen. Im darauf folgenden Winter schaffte die Oberländerin den Durchbruch. «Ich schlug ein wie eine Bombe.» Im zweiten und dritten Weltcuprennen «wiederholte» sie das Ergebnis von Laax, im vierten stand Steffen in Pozza di Fassa (It) zuoberst auf dem Podest – als erste Schweizerin in dieser Winterdisziplin. Es sollte der einzige Sieg im Weltcup bleiben (7 Podestplätze). «Ich duellierte mich in Pozza di Fassa mit der heute noch aktiven Ophélie David.» Die Französin ist die weltweit erfolgreichste Athletin und Gewinnerin von 26 Weltcuprennen.

Steffen steigt mit zwei Teilpensen ins Berufsleben ein. Sie arbeitet als Sachbearbeiterin bei der Einwohnergemeinde Saanen und als Steuersekretärin bei der Einwohnergemeinde Bolligen. Sie pendelt zwischen den Wohnsitzen Muri, wo sie mit dem Lebenspartner wohnt, und Saanen, wo ihre Familie zu Hause ist, hin und her. Im Alter von drei Monaten wurde Fränzi Steffen aus Indonesien von ihren Eltern adoptiert. «Ich habe mir noch kein neues Ziel gesetzt, lasse alles auf mich zukommen», sagt Steffen. Das bereite ihr ein wenig Angst, «aber da müssen alle Sportrentner durch». Das Kofferpacken und die Suche nach fehlenden Gepäckstücken am Flughafen werde sie aber nicht vermissen, meint die Oberländer Frohnatur.

Berner Zeitung

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