«Ich bin kein Freund der vollkommenen Harmonie»

Walter Hlebayna amtet seit letztem Frühling als Cheftrainer der Schweizer Skifahrer. Vor den Lauberhornrennen spricht der 48-jährige Österreicher über seinen Einstand, die Unstimmigkeiten in der Abfahrtsgruppe und die Entwicklung von Beat Feuz.

Cheftrainer Walter Hlebayna: «Es ist keine gemähte Wiese.»

Cheftrainer Walter Hlebayna: «Es ist keine gemähte Wiese.»

(Bild: Andreas Blatter)

Das Lauberhorn ist das Schaufenster des Schweizer Skisports. Was darf von Ihrem Team in Wengen erwartet werden? Walter Hlebayna: In Anbetracht der bisherigen Ergebnisse rechne ich mir Klassierungen im Bereich von Rang 10 aus – und den einen oder anderen Spitzenplatz.

In welcher Disziplin? In Super-Kombination und Abfahrt können wir uns nahe am oder auch auf dem Podest einreihen, wenn alles passt. Im Slalom sind wir noch nicht so weit.

Didier Défago und Patrick Küng wären in Bormio womöglich auf dem Abfahrtspodest gestanden, wenn es bei sämtlichen Fahrern geschneit hätte. Intern haben wir das analysiert. Aber solange das Wetter nicht in die Wertung einbezogen wird, ist es müssig, darüber zu diskutieren – der Zuschauer kann damit sowieso nichts anfangen.

Wie meinen Sie das? Bei den Skispringern werden die Windverhältnisse berücksichtigt. Bei uns ist der Einfluss des Wetters auf die Rangliste ähnlich.

In Adelboden sah die Rangliste aus Schweizer Sicht ziemlich düster aus. Ist das Team unter Wert geschlagen worden, oder lässt sich vom Spiegel der Realität schreiben? Schaue ich, wie das in den vorherigen Rennen war, ist das Fazit simpel: In Adelboden sind die Jungen ob dieser Kulisse erschrocken. Sie konnten nicht zeigen, was sie draufhaben.

Was insofern erstaunt, als die meisten Jungen bereits im Vorjahr am Start gewesen waren... ...aber unter anderen Voraussetzungen. Im letzten Jahr waren sie einfach dort gewesen. Nun wussten sie, dass sie relativ weit nach vorne fahren können. Das ist nicht als Ausrede zu verstehen. Bei mir gibts kein Wenn und Aber, es war ungenügend.

Nachdem Sie und Alpinchef Rudi Huber vorgestellt worden waren, standen Sie im Gegenwind; viele hatten sich Schweizer Trainer gewünscht. Wie haben Sie die Situation empfunden? Es ist generell keine leichte Aufgabe, keine gemähte Wiese, was die Sache jedoch interessant macht. Die Reaktionen empfand ich nicht als Gegenwind. Es ist normal, dass das nicht jedem gepasst hat. Ich habe in meiner Karriere viele Cheftrainer erlebt, und mir hat auch nicht jeder gepasst. Entweder findet man zusammen oder dann halt nicht.

Wie sieht das in diesem Fall aus? Die Kooperation ist gut, die Basis stimmt. Natürlich sind wir nicht immer gleicher Meinung, aber wir können das gemeinsam ausdiskutieren. Das gefällt mir, ich bin kein Freund der vollkommenen Harmonie.

Im Abfahrtsteam wird seit der Rückkehr aus Nordamerika zwischen den Rennen individuell trainiert; Abfahrtstrainer Walter Hubmann geriet in die Kritik. Wie ist das zu verstehen? Es waren nicht alle der gleichen Meinung, aber den Entscheid tragen alle mit. Wir haben nicht die Gruppe aufgesplittet; es handelt sich bloss um Optimierungen.

Inwiefern? Wir lassen die Athleten regional trainieren, verkürzen die Wege. Ich habe vier Jahre lang Renate Götschl trainiert. Unsere Wohnorte lagen 600 km voneinander entfernt. Die 1200 km hin und zurück bin immer ich gefahren. Jede Minute, die sie mehr regenerieren konnte, war eine gute. Das gilt auch für unsere Athleten.

Beeindruckend ist für Aussenstehende vorab die Geschichte von Beat Feuz. Wie beurteilen Sie seine jüngste Entwicklung? Beat hat trotz langer Pause nichts verlernt. Dank seines Talents kann er auch auf anderthalb Beinen sehr schnell Ski fahren. Das stimmt mich zuversichtlich, obwohl kein Mensch weiss, wie diese Geschichte weitergehen wird. Ich bin über jeden Tag glücklich, an dem er Ski fahren kann.

Berner Zeitung

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