«Ich bin ein Heimweg-Toggenburger»

Skispringer Simon Ammann möchte 2014 in Sotschi noch einmal eine Medaille holen. Und dann? Den schwächelnden Tourismus im Obertoggenburg würde er gern managen und voranbringen.

«Für mich geht es nun darum, dass ich den Sport super abschliessen kann»: Skispringer Simon Ammann. (Foto: Dominique Meienberg)

«Für mich geht es nun darum, dass ich den Sport super abschliessen kann»: Skispringer Simon Ammann. (Foto: Dominique Meienberg)

Seit kurzem sind Sie lizenzierter Privatpilot. Wie fühlt es sich an, im Cockpit zu sitzen?
Gut. Es ist eine super Abwechslung. Heute Morgen bin ich mit einer Cessna 152 geflogen. Ein Zweiplätzer. Eine fliegende Schüssel. Das ist, wie wenn man einen VW-Käfer durch die Luft steuert.

Wo flogen Sie?
Vom Flugplatz Wangen-Lachen aus, Kanton Schwyz. Es war eigentlich bloss eine Platzrunde auf drei, vier Kilometern Höhe, es ging darum, dass ich diesen neuen Flugzeugtyp kennen lerne. Das Fliegen bringt mir die Seite des Lebens näher, die im Unterschied zum Sport nicht endlich ist.

Fällt einem Skispringer das Fliegen eines Flugzeugs leichter?
Nicht jeder Skiflieger ist als Pilot ein Talent. Mir bereitete vor allem das Landen Schwierigkeiten. Und die ganze Theorie, all die technischen und rechtlichen Dinge, das war aufwendig zu lernen. Wenn sie mit einem Fluglehrer aufsteigen und ein bisschen das Steuer übernehmen und das Fusspedal bedienen dürfen, dann ist das simpel. Aber das Landen! Wir hatten heute Seitenwind, in einer solchen Lage muss man verstehen, was passiert, um korrekt zu reagieren. Und dies unter Zeitdruck.

Gibt es keine Gemeinsamkeiten zum Skispringen?
Fliegen ist einfacher zu lernen. Ich benötigte dafür zwei Jahre und kann heute um die Welt fliegen, sofern das Wetter gut ist. Beim Skispringen dauerte es einiges länger, bis ich so weit war, gut zehn Jahre vom Anfang bis zum Olympiasieg.

Wo wollen Sie als Pilot hin?
Vielleicht zum Instrumentenflug. Ich fragte mich in den letzten zwei, drei Wochen, ob ich weitermachen soll. Die ganze Lernphase fürs Pilotenbrevet war sehr intensiv. Die Fliegerei gab mir einen Boost. Einen Schub. Sobald ich das Brevet hatte, war mir langweilig. Im Skisprung-Weltcup passiert nur an den Wettkämpfen etwas.

Ist das Skispringen im Vergleich langweilig?
Die Wettkämpfe nicht. Aber der Alltag ist zäh. Das Fliegen tut mir gut, es ist eine grosse Veränderung.

Haben Sie Ihre Frau schon auf einen Flug mitgenommen?
Ich hatte noch keine Zeit.

Würde sie sich trauen?
Auf alle Fälle. Ich bin ja ausgebildet worden, kann entscheiden, ob an einem bestimmten Tag das Wetter gut genug ist. Wenn ich will, kann ich mit ihr nach Lugano fliegen, zum Pizzaessen. Der Fluglehrer muss auch nicht mehr mit, ausser wenn ich einen neuen Flugzeugtyp lerne.

Sie sind auch Fallschirmspringer. Woher kommt im Bauernsohn die Faszination für den Nervenkitzel? Sprangen Sie mit fünf vom Miststock?
Eher vom Heuboden in den Heuhaufen.

Seifenkistenrennen?
Nein. Aber wir hatten einen Wasserfall hinter dem Haus, gingen dort herumklettern. Im Sommer zogen wir auf die Alp, da konnten wir einiges anstellen, was heikel war, aber das ist für Bauernkinder normal. Mir tut der Blick in die Ferne gut, merke ich. Wenn ich um die Churfirsten fliegen kann, geht es mir gut.

Ist die Anspannung auf der Schanze grösser als beim Fallschirmspringen?
Mit der Zeit gibt es eine Abflachung, auch wenn der Körper nach wie vor Adrenalin ausschüttet. Manchmal schauten wir die Schanze extra nicht an, blickten oben stur auf den Balken, um die ganze Pracht schlagartig vor uns zu haben und so doch den Kitzel zu bekommen. Aber meine ruhige Seite ist mir auch sehr wichtig.

Was ist Ihre ruhige Seite?
Ich game gern und oft, um abzuschalten.

Wir dachten eher an Lesen, Meditieren, Yoga. Gamen ist doch nervös!
Kommt darauf an, was man spielt. Aber das ist meine Sache, ich verrate Ihnen nicht, was. Denken Sie deswegen jetzt nicht gleich an die Shooterspiele, wo man reihenweise Monster ins Jenseits befördern muss.

Der finnische Starspringer Janne Ahonen trat ab und will mit 35 wieder zurück auf die Schanze. Kommt man vom Skispringen nur los, wenn man es durch Ähnliches ersetzt?
Es kommt vermutlich darauf an, wie man seine Karriere abschliesst. Der Pole Adam Malysz ging in den Autorennsport, absolvierte die Rallye Paris-Dakar, kam unter die ersten 20. Er trainiert wie ein Wilder und hat jetzt einen Riesenhals. Er hat sich offensichtlich sofort ein anderes Ziel gesetzt; er muss einfach ans Limit gehen.

Sie liebäugeln ja für die Zeit nach der Skispringerei mit der einjährigen Ausbildung für Quereinsteiger bei der Bank Bär. Können Sie sich dabei ausleben?
Man muss sich selber auslasten können, das ist das Wesentliche. Sie müssen sehen, dass das Skispringen zunehmend auch Probleme birgt. Der Sport ist in den letzten zehn Jahren um einiges härter geworden. Es gibt viel mehr Rivalität. Auf Dauer ist es schwierig, im Weltcup gute Freunde zu finden. Die meisten werden es erst, wenn man nicht mehr springt.

Muss man überhaupt Freunde haben im Skispringen?
Ich habe da sicher nicht die gleiche Anschauung wie ein Gregor Schlierenzauer, der erst 23 ist und der momentane Superstar. Mit der Zeit wird man anspruchsvoller. Man erwartet, dass sich etwas entwickelt, wenn man mit Leuten jahrelang immer wieder zusammenkommt. Aber manche Leute schauen einen auch nach Jahren kaum an. Die ganz Jungen kenne ich nicht mehr gut. Für mich geht es nun darum, dass ich den Sport super abschliessen kann.

Wie schliesst man gut ab?
Wichtig ist, dass es sich um einen Prozess handelt, der eine Zeit dauern kann. Ich habe mir drei Jahre gegeben, von 2011 bis zu den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 in Russland. Ich muss in dieser Zeit auch ein wenig genug bekommen von diesem Sport.

Was sagen Sie zur Saison bisher? Sie ist ja eher durchzogen.
Bisher war es ein Auf und Ab. Jetzt aber stimmt die Form. Meine Medaillenchancen an der WM nächste Woche sind intakt.

Was ist das Ziel in Sotschi? Teilnehmen? Gut abschneiden? Siegen?
Erfolg ist wichtig. Das Ziel für mich in Sotschi ist sicher eine Medaille. Welche – da muss ich realistisch sein. Jede wäre gut, auch wenn ich viermal olympisches Gold geholt habe. Für mich und meine Frau ist es ein Riesenglück, dass die Spiele in Russland stattfinden. Das faszinierte uns beide.

Ihre Frau ist Russin.
Jana und ich waren uns früh einig, dass ich bis Sotschi den Spitzensport ins Zentrum stelle. Sie kommt sicher mit. Sie ist diesmal ein Teil des Ganzen. Zu den Spielen in Vancouver, Kanada, 2010 konnte ich sie nicht mitnehmen, unter anderem, weil das mit dem Visum schwierig war.

Die Russen verbauen umgerechnet 30 Milliarden Franken und machen vieles kaputt.
Die Russen bauen viel, sie bauen gigantisch, das stimmt. Sie wollen sich präsentieren mit den neusten Bahnen. Nachher haben sie aber auch ein super Skigebiet. Sie müssen sehen, wie riesig das Land ist. Der Bär kann dann im Nachbartal herumlaufen, wo nichts ist.

Kürzlich wurde bekannt, dass Sie selber investiert haben, in die Bergbahnen Toggenburg AG, die einen neuen touristischen Aufbruch anstrebt. Sie werden gar Hauptaktionär.
Das wird eine Supersache! Ich habe in der Welt Geld verdient und kann jetzt in der Heimat etwas auslösen. Ich habe nicht so viel Geld, um das ganze Tal umzubauen, aber . . .

. . . wie viel haben Sie denn investiert? Sechsstellig?
Es ist keine unbedeutende Summe. Wir können das Gebiet weiterbringen. Die Auslastung der Hotels im Obertoggenburg liegt heute bei 30 Prozent, neben «Stump’s Alpenrose» in Wildhaus haben wir keine Tophotels. Aber der Wind kann drehen. Das Toggenburg ist eine schöne Region, in der man sich gut erholen kann. Es braucht das Gespür, dass man richtig investiert, dazu kann ich beitragen. Für mich ist das ein Schritt zurück in die Heimat.

Sind Sie ein Heimweh-Toggenburger?
Ich bin ein Heimweg-Toggenburger, bin es immer gewesen.

Was ist so toll an dem Tal?
Im Obertoggenburg ist man oben. Man hockt nicht im Loch. Die Berge sind aber auch nicht schroff, es ist eine sanfte Region, die einzige Zone in der Schweiz neben dem Napfgebiet, wo man kaum Lichtverschmutzung hat. Es ist sehr ruhig. Es gibt keinen Fluglärm . . .

. . . ausser Sie kurven um die Churfirsten . . .
. . . und nachts sieht man die Sterne.

Können Sie sich vorstellen, Tourismusmanager im Toggenburg zu werden? Durchaus, wenn es um die Erhaltung und Pflege von Unterwasser und des Obertoggenburgs als Ganzes geht.

Werden Sie also wieder in Unterwasser leben, wo Sie geboren und aufgewachsen sind?
Das ist sehr wahrscheinlich. Jedenfalls ist dieses Projekt ein Neuanfang. Und eine Vision. Deshalb machte ich mit, als die Leute von den Bergbahnen auf mich zukamen. Als Erstes wird jetzt bis 2015 auf dem Chäserrugg das neue Bergrestaurant gebaut. Nach dem Entwurf der Stararchitekten Herzog & de Meuron.

Haben Sie zu Hause auch Neider?
Es gab keine Gegenstimmen, als man mich in den Verwaltungsrat wählte. Das ist ein gutes Zeichen. Ich bin einfach ein Toggenburger, der im Toggenburg etwas Gutes realisieren will.

Tages-Anzeiger

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