Hannibal im Eiskanal

Verkehrte Bobwelt: Der 48-jährige Billi Meyerhans fährt mit einem Nationalrat im Weltcup, Beat Hefti im Europacup.

Das Schweizer Bob-A-Team in Anlehnung an eine US-TV-Serie: Pilot Billi Meyerhans, Andreas Baumann, Marius Broening und Marcel Dobler (von links). Foto: PD

Das Schweizer Bob-A-Team in Anlehnung an eine US-TV-Serie: Pilot Billi Meyerhans, Andreas Baumann, Marius Broening und Marcel Dobler (von links). Foto: PD

Nichts ist so wie sonst bei Swiss Sliding. Jedenfalls nicht jetzt, zu Jahresbeginn. Dass in Lake Placid zum Auftakt der nordamerikanischen Weltcupserie mit Rico Peter nur ein einziges Schweizer Team am Start steht, ist einmalig. Klar: Der Doppelrücktritt der Olympiateilnehmerinnen Fabienne Meyer und Regula Späni nach Sotschi hat ein grosses Loch ins Frauenkader gerissen. Aber jetzt zieht sich auch noch Beat Hefti nach dem verletzungsbedingten Ausfall seines Standardpartners Alex Baumann und deshalb missratenen Weltcupauftakt in den Europacup zurück, um sich mit Blick auf die WM im Februar neu aufzubauen.

Der fehlende Nachwuchs ist aber nicht nur das Problem von Hefti, sondern von Swiss Sliding generell. Dass wenigstens Rico Peter bisher im Weltcup akzeptable Resultate erzielte und in Königssee mit seinem Viererteam sogar auf dem ­Podest stand, verdankt der Aargauer nicht zuletzt den Qualitäten seines holländischen Anschiebers Bror van der ­Zijde. Hefti, der auch als 37-Jähriger Olympia 2018 in Südkorea im Fokus hat, verzichtet hingegen auf Massnahmen, die nicht mit Olympia kompatibel sind.

So setzt Hefti nach Alex Baumanns monatelangem Ausfall auf völlig unerfahrene, junge Anschieber, die er erst in diesem Sommer rekrutiert hat. Die Konsequenz ihres zu früh erfolgten Ein­satzes: Mit Sandro Ferrari kam der zweifache Weltcup-Gesamtsieger weder in Altenberg noch in Winterberg in die Top Ten, mit André Höppli rutschte er gar auf Rang 18 ab. Jetzt hofft er in den nächsten drei Europacuprennen in Königssee, Igls und St. Moritz nach intensivem, athletischem Training über die Feiertage auf entsprechende Fortschritte. Und darauf, dass Alex Baumann wieder fit wird.

Die Stunde des Veteranen

Ironie des Schicksals: Der temporäre Rückzug eines der erfolgreichsten Weltcup-Piloten verhilft dem «ewigen» Europa­cup-Piloten Billi Meyerhans zu einem ersten Weltcup-Einsatz. Und das im 18. Jahr seiner Bobkarriere, die beim Landwirt mit Jahrgang 1967 und eigenem Hof im luzernischen Emmen immer sehr bewegt, aber selten gradlinig verlaufen ist. Was dem Naturell des preisgekrönten Steinstössers, der sich nie in gängige Schemen pressen liess, aber sehr wohl entspricht.

Er sah sich vom Verband stets «eher verhindert denn gefördert». Doch jetzt braucht Swiss Sliding nach Heftis Verzicht auf die Rennen in Übersee ein zweites Team, um der Schweiz den zweiten Startplatz im Weltcup auch für die nächste Saison zu sichern. Und sieht im Zweier wie im Vierer keine Alternative. Derlei Kalkül lässt Meyerhans kalt. «Heiss» findet er hingegen, wie es ihm neben ansprechenden Leistungen in der Bahn gelungen ist, sich zusätzlich ins ­Gespräch zu bringen: als Hannibal im Eiskanal. Klingt verwegen, ist aber so. Denn nach aussen tritt der neu formierte Meyerhans-Vierer genau so auf, wie es einst die Helden der US-Action-Serie ­«A-Team» vor über 20 Jahren taten.

Dabei spielt der Pilot als Hannibal ­natürlich die Hauptrolle. Die Nummer 2, Face genannt, gibt mit Marcel Dobler nicht nur ein erfolgreicher Zehnkämpfer (Schweizer Meister 2009) und Unternehmer (Digitec), sondern auch ein neuer Nationalrat (er holte für die FDP St. Gallen den zweiten Sitz). Aber auch Murdock namens Andreas Baumann, dessen Bestwert über 100 Meter einst bei 10,3 Sekunden lag, und B. A., der als Anschieber Marius Broening heisst und vor zehn Jahren mit der deutschen Sprintstaffel im WM-Final stand, sind noch immer ambitionierte Sportler.

Autogrammkarten bereit

Wie ambitioniert, beweist das illustere Quartett mit Platz 3 im Europacup-­Zwischenklassement. Jetzt schliesst es in Königssee übermorgen Samstag das geforderte Pensum für den Aufstieg in den Weltcup mit der sechsten Prüfung ab.

Übrigens: Poster und Autogrammkarten des A-Teams, auf der selbst­redend auch jene Sponsoren zu sehen sind, die Meyerhans mit der Idee von «Hannibal im Eiskanal» zusätzlich gewinnen konnte (etwa SBB und Post), liegen für den Flug nach Übersee und die Rennen in Salt Lake und Whistler ebenfalls bereit.

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