«Es sind nicht nur Nuancen»

Silvan Zurbriggen, vor zwei Jahren Sechster im Gesamtweltcup, kann diese Saison als Bestergebnis einen 14. Rang vorweisen. Vor der Super-Kombination sprach er über die Probleme und Aussichten des Teams.

Silvan Zurbriggen will heute Freitag «dem Publikum etwas bieten».

Silvan Zurbriggen will heute Freitag «dem Publikum etwas bieten».

(Bild: Andreas Blatter)

Zwischen Anspruch und Realität ist im Schweizer Team eine gewaltige Differenz auszumachen. Wie steht es um Ihr Befinden vor den Lauberhornrennen? Silvan Zurbriggen: Die Freude am Sport und die Motivation sind immer noch vorhanden, obwohl ich zwischendurch, wie hier nach dem zweiten Abfahrtstraining, mehr oder weniger ratlos und manchmal sogar deprimiert bin. Die Emotionen jedoch werden wie üblich hochkommen, wenn ich am Freitag und am Samstag im Starthaus stehen werde.

Die Körpersprache lässt aber bei sämtlichen Schweizern nicht auf positive Emotionen schliessen. Wir lesen es, wir hören es, wir wissen es. Es ist logisch, dass wir nicht vor Selbstvertrauen strotzen; es ist verständlich, dass darüber diskutiert wird. Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern Viertel nach zwölf. Aber ich kann Ihnen versichern, dass wir alles tun, um die angesprochene Differenz zu verkleinern. Ich stehe seit Neujahr fast täglich auf den Skiern, bestritt als Vorbereitung, nur um ein Beispiel zu nennen, vor einer Woche in Wengen die Europacupabfahrten; ich betreibe einen riesigen Aufwand.

Woran lässt sich denn arbeiten, wenn man ratlos ist? Es gibt Bereiche, in denen wir sehr wohl wissen, was zu tun ist. Es sind nicht nur Nuancen, die uns von den Schnellsten trennen. Nehmen wir als Beispiel die Hockeposition: Bei mir lag der Winkel zwischen Ober- und Unterschenkel bei 90 Grad. In Svindals Fall hingegen ist der Winkel grösser; seine Position erlaubt es ihm, mit den Beinen mehr zu arbeiten. Leider lässt sich das nicht von heute auf morgen korrigieren.

Etliche Experten glauben, Ihnen fehle der Slalom – als Ausgleich, aber auch wegen der Technik. War es ein Fehler, sich auf die schnellen Disziplinen zu konzentrieren? Ich stehe hinter diesem Entscheid, wobei ich zugebe, mir alles einfacher vorgestellt zu haben. Im Slalom sind die Torabstände deutlich kleiner geworden. Schauen Sie sich die dominierenden Fahrer an, das sind geschmeidige, wendige Typen. Ich müsste zehn Kilogramm abnehmen, damit ich die Voraussetzungen hätte, um mit diesen Leuten im Slalom mitzuhalten.

Im Riesenslalom sind die Torabstände ebenfalls kleiner geworden. Im Zuge der Materialänderung gelingt es immer mehr Slalomspezialisten, sich auch im Riesenslalom auszuzeichnen. Kommt diese Entwicklung nicht auch Ihnen entgegen? Vermutlich schon, und wenn ich die Chance erhielte, mit der Nummer 31 zu starten, würde ich diese sofort wahrnehmen. Aber weil ich weder Riesenslalom-FIS-Punkte noch 500 Weltcuppunkte habe, müsste ich mit der 70 starten, was wiederum aussichtslos wäre. Die Alternative ist, FIS- und Europacuprennen zu bestreiten, dieser Umweg würde mich aber mindestens eine Saison kosten, eher zwei. Ich bin 31-jährig, so viel Zeit habe ich nicht mehr.

Die Lauberhornrennen werden am Freitag mit der Super-Kombination eröffnet. Reihen Sie sich unter die besten 15 ein, hätten Sie zumindest einmal die WM-Norm erreicht. Daran habe ich noch keine Sekunde lang gedacht – ehrlich. Das ist ein attraktives, oft sehr enges Rennen mit enorm vielen Zuschauern. Ich war hier dreimal Dritter und will dem Publikum auch in diesem Jahr etwas bieten. Wir haben sogar auf dem Slalomhang trainiert...

...was demnach sonst nicht der Fall ist. Ich bin nun seit zwölf Jahren dabei, und es war das erste Mal, dass ich auf diesem Hang trainieren durfte. Ich habe mich bei Urs Näpflin (Rennleiter/die Red.) explizit dafür bedankt. Natürlich kenne ich den Hang, aber wenn man vor dem Rennen darauf trainieren kann, fühlt man sich im Rennen ein bisschen mehr zu Hause. Zurück zur WM-Norm: Da halte ich es wie Janka; wer die Kriterien nicht erfüllt, hat an der WM nichts verloren.

Gino Caviezel wurde im Riesenslalom von Adelboden für eine hervorragende Leistung mit dem 11.Rang belohnt. Hilft ein derartiges Ergebnis eines Jungen auch den Arrivierten? Es hilft primär den Jungen, die mit ihm trainieren, weil sie sehen, was möglich ist, wenn man sein Leistungsvermögen im Rennen abrufen kann. Aber klar, auch wir profitieren indirekt davon. Es ist sehr schön, wenn die Jungen nach vorne drängen, aber es liegt nicht an ihnen, das Blatt zu wenden. Cuche und Feuz sind nicht mehr da, und von den anderen Arrivierten hat keiner einen Schritt vorwärts gemacht. In der Pflicht stehen die älteren, allen voran Défago, Janka und ich.

Was darf den Schweizern am Lauberhorn zugetraut werden? Es wäre in unserer Situation kontraproduktiv, etwas Besonderes erreichen zu wollen. Wir müssen zeigen, was wir können. Es braucht auch ein bisschen Glück, aber wenn wir das haben, sollte ein Top-5-Platz möglich sein.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt