Ein Stehaufmännchen zwischen Erfolg und Fangnetz

Urs Kryenbühl war Zweiter in Bormio – und fällt nun auf unbestimmte Zeit aus. Der 25-Jährige hat schon einige Tiefs erlebt, doch er kämpft sich immer wieder heraus.

In der Abfahrt von Bormio trat er ins Scheinwerferlicht: Urs Kryenbühl. (Video: SRF)
René Hauri@tagesanzeiger

Wieder einmal war bei Urs Kryenbühl das Pech stärker als das Glück. «Versecklet» habe es ihn schon oft, so sagt es der Schwyzer herrlich unverblümt. Das sah am Dienstag so aus: erstes Training zur Abfahrt am Lauberhorn, erste Kurve, Abflug in die Fangnetze – Aus auf unbestimmte Zeit.

Der 25-Jährige erlitt eine Zerrung im Bereich der Syndesmose am rechten Sprunggelenk, wenigstens ist nichts gerissen, gab es keine Absplitterung des Knochens, wie seine Betreuer erst befürchtet hatten. Ein Rückschlag ist es auch so, «und zwar für das ganze Team». Das sagt Vitus Lüönd, einst selber Abfahrer, seit 2015 Trainer auch von Kryenbühl, erst im Europacup, seit drei Jahren im Weltcup. «Er ist für uns Gold wert, weil er eine Frohnatur ist, immer einen Spruch parat hat und doch voll da ist, wenn es ernst gilt.» Kryenbühls erste Reaktion nach dem Sturz: Jetzt könne er endlich den Oberkörper trainieren, damit er am Start besser werde. Kryenbühl mit schmerzverzerrtem Gesicht nach seinem Sturz in Wengen: (Bild: Keystone)

So ist das beim jungen Mann aus Unteriberg. Er ist schon oft hingefallen, er ist immer aufgestanden. Lüönd sagt: «Er wird stärker zurückkommen.»

Der böse Sturz 2018

Lüönd erzählt, er habe sich mit seinem Athleten oft über Glück und Pech unterhalten: «Die Einstellung von Urs ist: Über eine Karriere gesehen, werden sich die beiden die Waage halten.» Das Glück hat einiges aufzuholen.

Im letzten Winter stürzte Kryenbühl in Beaver Creek böse, mit einer leichten bis mittelschweren Gehirnerschütterung, einem kleinen Riss am Innenband und starken Prellungen im Schienbein kam er noch glimpflich davon. Doch mit Gehirnerschütterungen ist es so eine Sache. «Ich glaube, dass sie viele unterschätzen», sagt er. Es ist Montag, der Tag vor dem Sturz in Wengen. Und er erzählt: «Es ist nicht wie bei einem kaputten Knie, dass die Folgen schnell absehbar wären. Beim Kopf weiss man nie so recht.» Und diesen habe er sich schon oft angeschlagen. Wie oft? Er hat nicht mitgezählt.

Doch er habe sich stets schnell erholt, «ich hatte nie Folgeerscheinungen, keine Einschränkungen. Aber in dem Moment, in dem es passiert, kommt schon auch Angst auf und die Frage, was sein wird.»

Er habe gelernt, damit umzugehen mit dem Risiko, das sein Sport nun einmal mitbringe. Und die schönen Momente, die ihn dafür entschädigen, gibt es auch. Etwa in Bormio, kurz vor dem Jahreswechsel, als Kryenbühl geradezu einen Wundertag erlebte.

In der Abfahrt auf der von Schlägen durchsetzten Piste Stelvio raste er auf den 2. Rang, hinter Dominik Paris, vor Beat Feuz, zwischen die beiden besten Abfahrer der Gegenwart. Es war ein Vorgeschmack darauf, was kommen könnte. Lüönd sagt: «Ich bin überzeugt, dass er eine grosse Zukunft vor sich hat.»

Vor dem Start in Bormio sei er unter Spannung gestanden, sagt Kryenbühl, «fast schon aggressiv», damit er bereit war für das blanke Eis, für die harten Schläge, «ich darf nicht wie ein Lappen dort oben stehen».

Bevor er sich abstösst, brummen deshalb die Bässe der australischen Hardrock-Band Airbourne in seinen Ohren, kreischen die Gitarren und die Sänger – und am Abend stimmt Kryenbühl auf dem Schwyzer­örgeli von Teamkollege Nils Mani den Ländler an.

Es ist seine Art, Abstand zu gewinnen vom Sport, die Gedanken in eine andere Richtung zu bewegen. Auf den Reisen war früher oft seine Ukulele dabei, zu Weihnachten kriegte er eine Gitalele geschenkt, eine Mini­gitarre, die er im Hotelzimmer zur Hand nimmt. Die harten Gitarrenriffs überlässt er anderen: «Spiele ich das Instrument, bin ich eher der Schnulzige.»

Veganer im Vorteil

Sensibilität beweist Kryenbühl auch beim Essen. Zusammen mit seiner Freundin Nadine Marty, einer einstigen Fussballerin, entschied er sich im Herbst, vegan zu leben. «Der Gedanke war, dass mir das helfen könnte bei der Erholung», sagt Kryenbühl. Auslöser war der Dokumentarfilm «The Game Changers» mit veganen Sportlern wie Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton. «Ich machte mir schon lange Gedanken darüber», sagt er, «danach wollte ich es ausprobieren.»

Er sagt, die Regeneration falle ihm leichter, «der Säure-Basen-Haushalt ist besser und dadurch die Sauerstoffaufnahme des Bluts». Gerne würde er die Umstellung anderen empfehlen, «aber ich will nicht derjenige sein, der ihnen vorschreibt, was sie zu tun und zu lassen haben». Kryenbühl, der Feinfühlige.

Dieser drückt auch auf der Piste durch. Franz Heinzer, sein Trainer im Europacup und 15-facher Abfahrtssieger, hat ihn deshalb auch schon mit Beat Feuz verglichen. «Das ist toll», sagt Kryenbühl, «aber Beat hat eine Riesenkarriere gemacht und macht sie noch immer. Ich bin Urs Kryenbühl und will meinen eigenen Weg gehen.»

Dieser führte ihn im alten Jahr in die höchsten Sphären – und jüngst in die Netze von Wengen. Kryenbühl wird wieder aufstehen.

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