Die Solistin brilliert und parliert vom Kollektiv

Lara Gut triumphiert beim Weltcupprolog in Sölden, löst Sonja Nef nach fast elf Jahren als letzte Schweizer Riesenslalomsiegerin ab und hinterlässt auch abseits der Piste einen guten Eindruck.

Doppelte Premiere: Lara Gut gewinnt nicht nur ihren ersten Riesenslalom, sondern auch als erste Schweizerin das seit 20 Jahren existierende Gletscherrennen von Sölden.

Doppelte Premiere: Lara Gut gewinnt nicht nur ihren ersten Riesenslalom, sondern auch als erste Schweizerin das seit 20 Jahren existierende Gletscherrennen von Sölden. Bild: Keystone

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Sölden feiert die Besten – und sich selbst. Skianhänger vermischen sich in den frühen Abendstunden mit Partygängern, im 3000 Einwohner zählenden Dorf mit den 15000 Gästebetten erklingt die Schweizer Nationalhymne. Im Zentrum des Geschehens steht Lara Gut, sichtlich gerührt; wenige Stunden zuvor hat sie ihr viertes Weltcuprennen gewonnen, das erste im Riesenslalom, und dies mit Respektabstand, im Stil eines Champions. Auf der Bühne lassen die Moderatoren Gut, die zweitplatzierte Österreicherin Kathrin Zettel und die drittklassierte Deutsche Viktoria Rebensburg mit Fussbällen jonglieren. Ein bisschen Klamauk gehört dazu, die Schweizerin spielt ihre Rolle perfekt. Inmitten der johlenden Massen finden sich gut gelaunte Funktionäre von Swiss-Ski. Erstes Rennen, erster Triumph – welch ein Auftakt. In Sachen Siege ist die Summe der Vorsaison damit bereits erreicht.

Hans Flatscher schmunzelte, als Gut das Ziel erreichte. Er hoffe, seine Frau werde möglichst bald als letzte Schweizer Riesenslalomgewinnerin abgelöst, «bei aller Liebe», hatte der Cheftrainer und Gatte von Sonja Nef vor Saisonbeginn mit dem für ihn typischen, schelmischen Unterton verlauten lassen. Fast elf Jahre sind vergangen, seit die Appenzellerin in Bormio ihren 13. und letzten Riesenslalomsieg realisierte. «Einen solchen Start wünscht man sich immer, aber ich hebe deshalb nicht ab; das Pendel kann schon im nächsten Rennen anders ausschlagen», resümierte der Österreicher. Gut attestierte er markante Fortschritte, nicht nur in sportlicher Hinsicht: «Den schnellen Schwung hatte Lara schon als Teenager. Nun ist sie technisch stabiler und reifer geworden.»

Es war Mitte Oktober 2012, als Gut im Berner Paul-Klee-Zentrum optimistisch bis euphorisch vom hervorragend verlaufenen Sommertraining berichtete und dabei sinngemäss verkündete, der triste Vorwinter sei abgehakt, künftig werde man sie wieder auf dem Podest sehen. Die Frohnatur griff für ihren Kopfsponsor zum Kochlöffel, produzierte vor laufenden Kameras Schokoladenriegel, lachte, alberte herum – frei nach dem Motto Jubel, Trubel, Heiterkeit. Auf der Piste resultierten in der Folge der Abfahrtssieg in Val-d’Isère, der WM-Silbermedaillengewinn in Schladming und der dritte Riesenslalomplatz beim Weltcupfinal auf der Lenzerheide. Andere wären mit dieser Ausbeute glücklich gewesen. Gut jedoch, das trat zwischen den Zeilen deutlich zutage, hatte sich mehr erhofft.

Zu Beginn der letzten Woche lud die 22-Jährige neuerlich zum Medientreffen, sprach in Andermatt neuerlich vom hervorragend verlaufenen Sommertraining, verzichtete indes auf jegliche Showeinlagen und trat auf die Euphoriebremse, als sie mit der bevorstehenden Olympiapremiere in Sotschi respektive ihren Perspektiven in den nächsten Monaten konfrontiert wurde. Sie wolle gut Ski fahren, «einfach zeigen, was ich kann», erwiderte sie auf die obligate Frage nach den Zielen. «Und wenn ich gut fahre, werde ich mit dem Ergebnis zufrieden sein.» Die pragmatische Prognose ist auf schnellstmögliche Weise eingetroffen.

Die erwähnte Reife offenbarte sich auch nach dem Triumph auf dem Rettenbachgletscher. Gut verneinte vehement, als sie gefragt wurde, ob sie sich als Retterin der leidenden Skination betrachte. Sie erwähnte die neuntplatzierte Dominique Gisin – «sie hat im zweiten Lauf eine Superleistung gezeigt». Sie sprach über die mit den Schweizerinnen trainierende Liechtensteinerin Tina Weirather, welche trotz Startnummer 37 auf Platz 5 fuhr – «Wahnsinn, unglaublich». Und sie äusserte sich zu Jasmina Suter, der Schwyzerin, die als Fünfzigste ins Rennen gegangen war und dieses im Bereich der Ränge 7 bis 9 beendet hätte, wäre ihr 15 Sekunden vor dem Ziel, als der schwierigste Teil des Kurses bewältigt war, kein Konzentrationsfehler unterlaufen: «Jasmina ist 18-jährig und hat alles riskiert. Das ist viel besser, als wenn sie einfach runtergefahren und Dreissigste geworden wäre. Wir haben ein starkes Team, ich muss hier niemanden retten.»

Wie bei fast jeder Gelegenheit erwähnte Gut die «hervorragende Zusammenarbeit» mit Flatscher und dessen Trainerstab; sie lobte den Südtiroler Roland Platzer, welcher für sie zuständig ist, wenn sie sich im Kreis der Equipe aufhält. «Früher hatte ich das Gefühl, mein Vater und ich kämpften gegen Swiss-Ski und den Rest der Welt. Nun hilft mir Swiss-Ski, meinen Weg zu gehen, das macht alles viel einfacher.» Diesen Sätzen lässt sich entnehmen, dass die stürmische Zeit unter Flatschers Vorgänger Mauro Pini respektive die Fehde zwischen dem Tessiner und Guts Privatteam noch nicht restlos verarbeitet ist.

Und nun? «Ich werde mit beiden Füssen auf dem Boden bleiben», versicherte die Siegerin, wobei die Aussage lediglich im übertragenen Sinn zutrifft. Am 10.November fliegt sie in die Rocky Mountains, gut zwei Wochen später wird der Weltcup mit der WM-Hauptprobe fortgesetzt. Es überraschte nicht, sollte Lara Gut in Beaver Creek neuerlich zu den Gefeierten gehören – die Basis für einen erfolgreichen Winter ist jedenfalls gelegt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.10.2013, 09:56 Uhr

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Wenig fehlte, und eine Schweizerin hätte für die erste Sensation des Skiwinters gesorgt. 15 Sekunden vor dem Ziel verlor Jasmina Suter die Balance; die 18-Jährige aus dem Skiort Stoos wurde in ihrem zweiten Weltcuprennen aufgrund einer Unachtsamkeit von der Piste abgeworfen, nachdem die Startnummer 50 bei der zweiten Zwischenzeit noch 55 Hundertstel vor der im Schlussklassement auf Rang 9 erscheinenden Teamkollegin Dominique Gisin gelegen hatte.

Die Enttäuschung hielt sich in Grenzen, vorerst jedenfalls, und vielleicht auch, weil sie innert kürzester Zeit vom unbekümmerten Teenager zur gefragten Sportlerin avancierte und damit etwas überfordert wirkte. Cheftrainer Hans Flatscher meinte, «Jasmina hat alles richtig gemacht, solche Fehler gehören in ihrem Alter dazu. Nun weiss sie, dass sie auch bei den Grossen mithalten kann.» Das sei fast so viel wert wie ein gutes Resultat.mjs

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