«Die Finanzindustrie interessiert mich sehr»

Simon Ammann verrät, was er hätte machen können, wenn er zurückgetreten wäre. Der vierfache Olympiasieger sagt auch, warum Olympia ihn so stark macht.

Simon Ammann, der vierfache Olympiasieger im Interview.

Simon Ammann, der vierfache Olympiasieger im Interview.

(Bild: Urs Flueeler)

Gab es einen Zeitpunkt, an dem Sie dem Rücktritt näher standen als der Fortsetzung Ihrer Karriere?
Simon Ammann: Das ist schwierig zu sagen. Ich machte vor einem Jahr eine Auslegeordnung. Nach dem Rücktritt meines langjährigen Weggefährten Andreas Küttel standen Veränderungen an. Ich nahm mir Zeit, um die Folgen abschätzen zu können. Nach vier olympischen Goldmedaillen stellte sich auch die Frage nach neuen sportlichen Zielen. Es gab interessante Alternativen.

Wir sind gespannt.
Ich spielte mit dem Gedanken, mein Studium als Elektroingenieur wieder aufzunehmen. 2007 hatte ich an der ETH in Zürich zwei Semester lang studiert. Aber auch ein Engagement bei der Bank Julius Bär wäre eine reizvolle Aufgabe gewesen. Die Finanzindustrie interessiert mich ebenfalls sehr.

Was gab schliesslich den Ausschlag, dass Sie weitermachen? Der erfolgreich verlaufene Winter nach den beiden Olympiagoldmedaillen in Vancouver. Ich wurde in der Saison 2010/2011 Zweiter im Gesamtweltcup und Zweiter bei der Vierschanzentournee – ich war besser in Form als nach meinen Olympiasiegen in Salt Lake City 2002.

Aus sportlichen Gründen haben Sie mit Olympia 2014 ein interessantes Ziel vor Augen. Ich werde in Sotschi zum fünften Mal an Olympischen Spielen teilnehmen. Sie üben für mich eine schier unglaubliche Faszination aus. Diese Eindrücke werde ich mein Leben lang in Erinnerung behalten. Olympia macht mich stark. Ich brauche ein Ziel, das sich wie ein Polaroidbild entwickelt – erst sehe ich nur die Konturen, dann wird es immer konkreter. Olympia ist so ganz anders als die Vierschanzentournee.

Der Sieg an der Vierschanzentournee fehlt noch in Ihrem grossartigen Palmarès. Wäre das nicht ein Ziel für 2013? Um meinen Palmarès abzurunden, fehlt mir eigentlich nur noch der Sieg bei der Vierschanzentournee, das ist richtig. Erzwingen kann man ihn aber nicht – Roger Federer hat das Grand-Slam-Turnier in Paris auch nicht auf Anhieb gewonnen (Federer gewann im elften Anlauf, die Red.). Meine Regenerationsfähigkeit kommt mir an diesen Wettkämpfen nicht entgegen. Bei der Vierschanzentournee muss man die Zelte im Zweitagesrhythmus abbrechen. Das liegt mir nicht. Ich brauche einen Ort, wo ich mich entfalten kann. Das Wohlgefühl, zu dem auch eine gute Unterkunft und Verpflegung beitragen, ist ein wichtiger Faktor. Deshalb behagen mir Olympische Spiele. Hätten Sie auch weitergemacht, wenn die Olympischen Winterspiele nicht in Sotschi, dem Heimatland Ihrer Ehefrau Yana, stattgefunden hätten? Das ist eine hypothetische Frage. Die Spiele in Sotschi verschaffen Yana und mir einen starken emotionalen Bezug zum Gastgeberland. Dank meiner Frau kann ich mich früher als die Konkurrenz akklimatisieren. Ich erhalte sofort Antworten, wenn mir etwas unklar ist. Ich bin überzeugt, dass ich mich in Sotschi wohl fühlen werde.

Wenn Sie sich an einem Ort wohl fühlen, können Sie Ihr ganzes Potenzial abrufen – so wie in Salt Lake City und in Vancouver. Das ist richtig. In Salt Lake City und Vancouver wurde ich getragen von der Begeisterung der einheimischen Bevölkerung. Diese Herzlichkeit und diesen familiären Charakter vermisste ich in Turin 2006 (Ammann belegte die Ränge 15 und 38, die Red.). Das waren chaotische Spiele an einem Ort mit wenig Skisprungtradition. In Sotschi werden grossartige Wettkämpfe stattfinden.

Was bedeutet Ihnen Russland? Ich kenne die Heimat meiner Frau noch nicht so gut. Einmal besuchten wir Yanas Grossmutter, die in der Nähe des Ladogasees nördlich von St.Petersburg wohnt. Es hat mich berührt, wie die Menschen trotz ihres bescheidenen Lebens eine innere Zufriedenheit ausstrahlen.

Wussten die Menschen im Dorf, dass ein Sportstar unter ihnen ist? Vielleicht wussten es ein paar. Ich wurde jedenfalls nicht herumgereicht, wenn Sie das meinen. Mir war das auch recht so. Ich wollte einer von ihnen sein. Bei einem Grillfest lernte ich die russische Mentalität kennen, den Humor und die Herzlichkeit der Russen.

Wie haben Sie sich mit den Russen unterhalten? Meine Frau fungierte als Dolmetscherin. Ich beabsichtige jedoch, mir einen Grundwortschatz anzueignen. Gegenwärtig kenne ich nur drei, vier russische Wörter. Mit Yana spreche ich Schweizerdeutsch.

Nach dem Rücktritt von Andreas Küttel fehlt Ihnen ein Gradmesser. Es ist zu hören, dass sich Swiss-Ski um eine Trainingsgemeinschaft mit dem polnischen Team bemüht. Was halten Sie davon? Für junge Athleten ist eine solche Zusammenarbeit erstrebenswert. Als Routinier halte ich mir diese Möglichkeit noch offen. Skispringer sind argwöhnische Menschen. Da werden nicht alle Geheimnisse verraten. Aber wir müssen das Know-how von Andreas Küttel unbedingt ersetzen und uns weiterentwickeln. Eine Kooperation mit den Polen könnte im Hinblick auf die kommenden Sommerwettkämpfe eine Option sein.

Wegen Regeländerungen bezüglich Gewicht und Skilänge haben Sie sich im vergangenen Sommer weiter Muskeln antrainiert, damit Sie mit der maximalen Skilänge springen können. Sie bringen 3,5 Kilogramm mehr auf die Waage als vor zwei Jahren. Werden Sie von Ihrem physischen Eingriff erst in ein, zwei Jahren profitieren? Ich denke schon. Das Zusammenspiel von Körper, Technik und Material stimmt noch nicht ganz. Mein fünfter Platz im Weltcupspringen von Predazzo war sicher eine Art Befreiungsschlag. Ich muss Geduld haben. Momentan ist es eine Knochenarbeit.

Was sind Ihre nächsten Ziele? Ende Februar findet auf der grössten Flugschanze der Welt in Vikersund die Skiflug-WM statt. Da bin ich Titelverteidiger.

Berner Zeitung

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