Der Bobpilot, der ständig alle überrascht

Bei Rico Peter ist immer alles möglich. An diesem Wochenende beim Weltcup mit EM in St. Moritz.

Rico Peter hat mit dem Vierer in St. Moritz einen Podestplatz im Visier. Foto: Keystone

Rico Peter hat mit dem Vierer in St. Moritz einen Podestplatz im Visier. Foto: Keystone

Kommt er zum Fahren? Das ist die eine Frage. Sie betrifft allerdings nicht nur Rico Peter, sondern alle Piloten, die am Wochenende in St. Moritz die letzten Rennen vor der WM in Igls (AUT) bestreiten. Noch immer steht der Weltcup mit integrierter EM-Wertung auf der Kippe, es geht um jedes Grad, um welches das Thermo­meter in der Nacht auf heute unter die Null-Grad-Marke gesunken ist. Wegen zweistelliger Plustemperaturen konnte weder vorgestern noch gestern trainiert werden. Geht es auch heute nicht, ist vorzeitig Schluss. Je zwei Trainingsfahrten mit dem Zweier und Vierer sind das reglementarische Minimum.

Die andere Frage ist: Wenn gefahren wird, wie fährt Rico Peter? Zum Sieg im Vierer, aufs Podest im Zweier? Oder ist ein Top-Ten-Platz einmal mehr das höchste der Gefühle? Alles möglich, auch wenn der Aargauer aus Kölliken, der seit dieser Saison für den Bobclub Zürichsee startet, mit dem schweren Schlitten erstmals in seiner siebenjährigen Piloten­karriere so etwas wie Konstanz bewiesen hat. Nie schlechter als Fünfter war er in den bisherigen sechs Weltcuprennen klassiert, dreimal stand er sogar auf dem Podest. Mit dem Zweier hingegen lief es auch in diesem Winter ähnlich wie bisher (fast) immer: Auf die Ränge 7, 8, 5 und 9 folgte mit dem Überraschungssieg im ­kanadischen Whistler ein Peter-typischer Ausreisser, den er mit einem weiteren 7. Platz nur 24 Stunden später auch gleich wieder «kompensierte».

Seine Beharrlichkeit, sein Wille

Solche Hochs und Tiefs über Jahre hinweg sind für einen Schweizer Bobfahrer ungewöhnlich, der vom Einstieg in den Sport bis zum Aufstieg ins Nationalteam wie Peter eine ganz normale Entwicklung hatte. Und es gibt noch weitere Beispiele neben jenem von Whistler. So holte der Aargauer seinen ersten nationalen Titel 2011 in St. Moritz sozusagen aus dem Nichts, liess den Weltcup-Piloten Hefti und Baumann keine Chance und tauchte umgehend wieder in die ­Anonymität des Europacups ab. Noch krasser war es ein Jahr nach Sotschi: Auf der Olympiabahn realisierte Peter im ­Januar 2015 im Zweier zunächst seinen ersten Weltcupsieg überhaupt, anderntags fand man ihn nach seinem Sturz im Vierer nicht einmal mehr im Klassement.

Aber vielleicht spricht ja gerade das für den 32-Jährigen, den ein Turnvereins­kollege, der frühere Europacup-Pilot Francisco Banos, vor 15 Jahren zum Bobsport brachte: seine Beharrlichkeit. Sein Wille, ein Ziel, das er sich ­gesetzt hat, auch zu erreichen. Seine Charakterstärke, mit Rückschlägen ebenso gut umgehen zu können wie mit dem ­Erfolg – sofern sich dieser doch einmal einstellt.

Nein, Selbstzweifel kennt Rico Peter nicht. Er glaubt an sich, an seine Stärken, um die auch Wolfgang Stampfer weiss, der frühere Spitzenpilot und heutige Coach der Schweizer. Für den Österreicher ist Peter «an den Lenkseilen einer der Besten, die es zurzeit für mich gibt». Er fügt aber umgehend an: «Athletisch hat er noch grössere Reserven.»

«Profi wollte ich nie werden»

Das weiss auch Rico Peter; daran arbeitet er hart mit seinem «verschworenen Team», das auch neben der Bahn gut harmoniert. Von März bis September fährt er für eine Abbruchfirma im Aargau Lastwagen, das ist dem gelernten Landschaftsgärtner wichtig: «Bob-Profi wollte ich nie werden. Ums Geld gehts mir nicht.»

Und jetzt, was geht in St. Moritz – wenn es von der Bahn her denn überhaupt geht? «Ich weiss es nicht», sagte Peter gestern. Einen Platz in den Top Fünf strebt er am Samstag im Zweier an, mit dem Vierer hofft er auf einen Podestplatz. Vom Sieg spricht er nicht. Da lässt er sich offenbar weiter überraschen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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