«Das persönliche Scheitern gehört zum Leben»

Stéphane Lambiel, der vom Wettkampfsport zurückgetretene zweifache Weltmeister (25) fungiert an der EM in Bern als Botschafter und nimmt am Schaulaufen teil. Er spricht über Schmerzen, Geltungsdrang und Homosexualität im Eiskunstlauf.

Stéphane Lambiel gerät nicht aufs Glatteis: «Ich habe erst begonnen, ein neues Kapitel zu schreiben. Meine Zeit als Eiskunstläufer ist noch lange nicht vorbei», sagt der zweifache Weltmeister.

Stéphane Lambiel gerät nicht aufs Glatteis: «Ich habe erst begonnen, ein neues Kapitel zu schreiben. Meine Zeit als Eiskunstläufer ist noch lange nicht vorbei», sagt der zweifache Weltmeister.

(Bild: Keystone)

Mit welchen Gefühlen blicken Sie den Europameisterschaften in Bern entgegen? Stéphane Lambiel: Die EM ist für die Stadt Bern und den Schweizer Verband ein Glücksfall. Eiskunstlaufen geniesst in vielen europäischen Ländern einen sehr hohen Stellenwert, dieses Schaufenster gilt es auszunutzen. Es ist ein facettenreicher, faszinierender Sport, mit dem man junge Leute ansprechen und begeistern sollte. Ich bin stolz, dass ich meinen Teil dazu beitragen kann.

Sie sind zurückgetreten, Sarah Meier wird es Ihnen nach der EM gleichtun. Droht dem Schweizer Eiskunstlauf der Fall in die Bedeutungslosigkeit? 2002 fand die EM in Lausanne statt, ich war 16-jährig und zählte nicht zu den Favoriten. Vor eigenem Publikum zu laufen, verlieh mir jedoch unglaubliche Impulse, und ich wurde Vierter. Es ist an der Zeit, dass die jungen Schweizer aus ihrer Haut treten und für Überraschungen sorgen. Die Rahmenbedingungen sind gut, Unterstützung ist vorhanden. Ausreden gibt es keine.

Sie sind «nur» im Schaulaufen dabei. War die EM im eigenen Land kein Antrieb, die Karriere um eine Saison zu verlängern? Die EM war für mich nie ein Thema. Das soll kein Affront gegen die Berner Veranstalter sein; selbst wenn die Titelkämpfe im Wallis oder in Genf stattfinden würden, hätte ich mich nicht umstimmen lassen. Mein Ziel war Olympia 2010, diesem habe ich alles untergeordnet. Im Sport verträgt es keine Halbheiten.

Haben Sie die Geschehnisse in Vancouver mittlerweile verarbeitet? Es war ein langer Prozess. Nachdem ich die Medaillen verpasst hatte, war ich einige Zeit am Boden. Später wurde mir aber bewusst, dass ich nicht versagt habe. Das persönliche Scheitern gehört zum Leben, ich tanke daraus Kraft und Motivation für die Zukunft.

Schliessen Sie ein zweites Comeback als Wettkampfläufer kategorisch aus? Ja. Aber ich habe erst begonnen, ein neues Kapitel zu schreiben. Meine Zeit als Eiskunstläufer ist noch lange nicht vorbei. Ich trainiere weiterhin jeden Tag, konzentriere mich nun aber auf Projekte wie etwa «Art on Ice».

Sie erlitten in den vergangenen Jahren diverse Verletzungen, auch deshalb haben Sie Ihre Wettkampfkarriere beendet. Betreibt man als Eiskunstläufer Raubbau am eigenen Körper? Ich kenne keinen Läufer, dem nicht irgendetwas weh tut. Man lernt jedoch, mit dem Schmerz zu leben. Die Belastungen auf Muskeln und Gelenke sind nicht zu unterschätzen; im Fernsehen ist dies kaum ersichtlich, auch weil man ja immer lächeln sollte. Dank einem kanadischen Physiotherapeuten, der auch alternative Methoden praktiziert, habe ich meine Schwachstellen mittlerweile gut im Griff.

Haben Sie manchmal dennoch den Eindruck, dass Eiskunstlauf nicht als echter Sport wahrgenommen wird? Im konditionellen Bereich habe ich mit Judokas, Rugby-Spielern und Fussballern zusammen gearbeitet. Ich wurde von ihnen immer respektiert, auch weil sie nicht härter trainiert haben als ich. Mich kümmert es nicht, dass Eiskunstläufer zuweilen belächelt werden.

Trotz Schmerzen haben Sie das Laufen nie völlig aufgegeben. Weshalb? Mein ganzes Leben habe ich dem Sport gewidmet. Die Begeisterung, auf dem Eis zu laufen, entwickelte ich schon im Vorschulalter, ich hatte damals nichts anders im Kopf. Die Leidenschaft ist bis heute geblieben.

Sind Sie eher Künstler oder Sportler? Ich bezeichne mich als artistischen Wettkämpfer. Ich hatte stets die Absicht, meinen Programmen eine persönliche Note zu geben. Im Eiskunstlauf sind Gefühl und Ausdruck zentrale Elemente – es ist nicht einfach, sich solche Qualitäten anzueignen. Ästhetik mit Kraft zu verbinden, ist sehr schwierig.

Sie haben portugiesische Wurzeln. Ein Latino-Gen ist diesbezüglich sicher kein Nachteil... ...das ist keine Frage der Herkunft. Wichtig ist, dass man bereit ist, dem Erfolg alles unterzuordnen. Vielleicht haben einige Schweizer Läufer in dieser Hinsicht noch Luft nach oben.

Inwiefern? Es gibt viele Talente. Einige geben sich wohl zu schnell mit etwas zufrieden, schöpfen ihr Potenzial nicht ganz aus.

Sie interessieren sich für die Schauspielerei, Tanz, die Kreation von Mode. Verspüren Sie den Drang zur Selbstdarstellung? In gewisser Weise schon. In meinem Kopf wimmelt es von Ideen, teils sind sie ziemlich ausgefallen. Ich könnte mir etwa vorstellen, in einem Film einen Verrückten oder einen Bösewicht zu spielen. Ich will mich ständig weiterentwickeln, strebe nach neuen Abenteuern.

Brauchen Sie viel Aufmerksamkeit? Ich muss nicht ständig im Mittelpunkt stehen, erst recht nicht, wenn es um persönliche Dinge geht. Auf dem Eis jedoch stehe ich gerne im Fokus. Ich brauche die Energie und Unterstützung der Zuschauer. Es ist kein Zufall, dass ich in halb leeren Hallen meist schlechte Leistungen gezeigt habe.

Das Vorurteil, alle Eiskunstläufer seien homosexuell orientiert, hört man immer wieder. Ärgert Sie das? Eigentlich nicht. Sexuelle Vorlieben sind Privatsache, sie tangieren den Sport in keiner Weise. Meine Mutter war einst der Ansicht, Eiskunstlauf sei etwas für zierliche Mädchen. Gegen solche Worte habe ich mich stets gewehrt und gezeigt, dass solche Abgrenzungen lächerlich sind. Ich habe in Portugal einige Stierkämpfe verfolgt. Die Toreros werden dort als kräftige, breitschultrige Männer betrachtet und verehrt. Dabei tragen sie ausgefallene bunte Kostüme – aber niemand käme auf die Idee, zu sagen, einer von ihnen sei schwul.

Nach den Olympischen Spielen sind Sie ins Profilager gewechselt, Sie konzentrieren sich auf Showveranstaltungen. Ist es befriedigender, ohne Druck und Wertungsrichter zu laufen? Ich schätze es, mehr Freiheiten zu haben. In Shows kann ich bewusster auf die Zuschauer eingehen und experimentieren. Es geht nicht mehr um Sieg und Niederlage, sondern darum, die Leute in seinen Bann zu ziehen, sie emotional zu berühren.

Werden Sie jetzt erst reich? Natürlich wird Geld jetzt nach und nach zum Thema. Ich befinde mich in einer Karrierephase, in der ich vorsorgen kann. Als 40-Jähriger werde ich schliesslich keine Vierfachsprünge mehr zeigen können, auch mein Marktwert wird irgendwann sinken. Geld ist aber nicht zentral, es treibt mich auch nicht zum Laufen an. Wäre dies der Fall, würde mein Programm auf dem Eis nicht authentisch wirken.

Was dürfen die Zuschauer im EM-Schaulaufen von Ihnen erwarten? Ein Feuerwerk (lacht). Ich weiss, dass die Zuschauer von mir Aussergewöhnliches erwarten, dementsprechend bereite ich mich auf meinen Einsatz vor. Es ist auch meine Aufgabe, die Leute nachhaltig für das Eiskunstlaufen zu begeistern.

Berner Zeitung

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