Das olympischste Dorf der Schweiz

Engelberg hat zwar nur 4200 Einwohner. Aber eine aktuelle Olympiasiegerin. Und gleich fünf einheimische Sportler, die ihr in Südkorea nacheifern wollen.

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Es muss ein hoher Feiertag anstehen, ­damit es mit so einem Foto klappt: Engelbergs Spitzenathleten vor verschneitem Panorama. Es ist am frühen Nachmittag des 24. Dezember, als sie sich im Klosterhof einfinden: Die ­Geschwister Gisin, Dominique, Michelle und Marc, dazu Denise Feierabend und Fabian Bösch. Es ist ein herzliches Wieder­sehen. Man kennt sich seit je, Michelle und Fabian etwa sassen als Kinder gemeinsam im Skiclub-Bus, der sie zum abendlichen Slalomtraining auf die Stöck­alp brachte. Mittlerweile verfolgen sie sich primär über die sozialen Medien, zu unterschiedlich sind die Saisonpläne.

Auch deshalb ist das Foto nur am Nachmittag vor Heiligabend möglich. Freeskier Bösch ist erst in der Nacht vom Weltcup in den Pyrenäen heimgekehrt. Nun deutet er auf den Gipfel im Hintergrund, den er am Morgen erklommen hat, erklärt dann den anderen vier kopfschüttelnd vom technischen Missgeschick, das ihm im Weltcup unterlaufen ist. Sie, allesamt Skifahrer, werden sich bereits am Weihnachtstag wieder aufmachen, Marc Gisin Richtung Bormio, seine Schwester Michelle und Denise Feierabend Richtung Lienz – die nächsten Rennen stehen an.

Zuzüger kommen wegen Sport

Auch so ist die Engelberger Athletengruppe nicht komplett: Es fehlt Lena ­Häcki. Die Biathletin verbringt die Weihnachtstage mit der Familie in Davos. Ausgerechnet Häcki, die einzige waschechte Engelbergerin, die Einzige, die immer hier gelebt hat. Die Gisins, Feierabends und Böschs zogen alle erst nach der Geburt ihrer Kinder ins Bergdorf, wenngleich das bei allen in frühen Jahren geschah.

Zufällig passierte das bei keiner Familie. Die Gisins konnten ein Sportgeschäft übernehmen – und weiterhin ihrer ­Passion für den Skisport frönen. Die ­Feierabends zog es zurück in den Heimatort des Vaters. Dieser hatte die Berge vermisst. Die Böschs nahmen einen ­Jobwechsel des Vaters zum Anlass, um vom Aargau in die Berge zu ziehen, auch sie sind leidenschaftliche Skifahrer.

Solche Familiengeschichten sind hier nicht die Ausnahme, sondern fast schon die Regel. Kaum ein anderer Wintersportort übt eine ähnliche Anziehungskraft auf sportbegeisterte Familien aus. Im Dorf mit den gut 4200 Einwohnern gibt es neben Schule und Arbeit nur ein Thema: den Sport. 73 Vereine sind ansässig. 26 – mehr als ein Drittel – widmen sich dem Sport. Von Badminton über Curling und Eiskunstlauf zum Langlauf. Vom Fussball übers Gleitschirmfliegen zum Seilziehen. Und natürlich: zum Skifahren. Der örtliche Skiclub hat einen hervorragenden Ruf in der Nachwuchsförderung.

«Auf den Pisten hier wirst du 
polysportiv gefördert.»

Skirennfahrerin Michelle Gisin

Beat Christen ist so etwas wie Engelbergs sportliches Gewissen, er hat schon mehrere Sportbücher verfasst. «Sportmuffel gibt es hier kaum», sagt er. Aus einem einfachen Grund: «Im Prinzip ist Engelberg eine einzige grosse Turnhalle. Ich gehe ein paar Schritte und stehe vor der Bergbahn. Oder an der Loipe. Oder im Schwimmbad. Oder kann Klettern gehen. Oder auf eine Biketour. Es gibt nichts, was ich nicht machen kann – und das alles auf wenigen 100 Meter Distanz.»

Dazu kommen viele Eltern, die ihren Kindern den Sport vorleben und diese fördern. Jene von Denise Feierabend arbeiteten als Skilehrer, entsprechend verbrachte die Tochter ihre Mittagspausen im Skigebiet. «Engelberg macht den Sport für Eltern und Kinder viel einfacher: Morgens gehst du in die Schule, nachmittags Ski fahren. Im Unterland wäre das nicht möglich», sagt Feierabend.

Schnitzelbrot – und ab auf die Piste

Michelle Gisin erzählt eine ähnliche ­Geschichte. Ihre Skischuhe standen im elterlichen Sportgeschäft stets bereit. Nach der Schule schlang sie ein Schnitzelbrot hinunter, und schon war sie auf der Piste.

Dort entwickelte sich weniger ihr Rennfahrer-Gen als die ganz generelle Liebe zum Skisport. Engelberg mag so schneesicher sein wie nur wenige ­Gebiete der Schweiz. Aber es bietet kaum breite Pisten, auf denen Rennläufe in allen Varianten ausgeflaggt werden können. «Du wirst hier polysportiv gefördert. Es hat anspruchsvolle, vielseitige, steile Pisten», sagt Michelle Gisin, die diese Basis in ihrer Technik wiederzuerkennen glaubt: «Sie ist ein Mix aus verschiedenen Fähigkeiten.»

Das gilt auch für die anderen: Free­skier Fabian Bösch ist für Gisin «immer noch ein sensationeller Alpinfahrer». Ihren Bruder Marc nennt sie «einen der besten Freerider hier am Berg». Der ­Abfahrtsspezialist ist der Einzige aus der Engelberger Gruppe, der die Olympiahürde noch nicht genommen hat: Nach einer Verletzung vergangenen Winter zeigt er aufsteigende Tendenzen. «Ich bin noch am Rumknorzen. Aber ich schaffe es auch noch, hoffentlich», sagt der 29-Jährige. Die anderen haben die Selektionsrichtlinien erfüllt – Dominique Gisin ausgenommen. Doch auch die zurückgetretene Olympiasiegerin von Sotschi wird nach Südkorea reisen: als TV-Expertin.

«Im Prinzip ist Engelberg eine einzige grosse Turnhalle.»Beat Christen, das sportliche Gewissen

Ihr grosser Tag vor vier Jahren hat die Engelberger Sportler geprägt. Lena Häcki war damals noch ein unbeschriebenes Blatt, durfte aber als Nachwuchssportlerin beim Empfang in einer Kutsche mitfahren. «Ich glaube nicht, dass mich Dominique damals schon kannte», sagt sie. «Olympia war für mich bis dorthin etwas Unerreichbares gewesen. Wenn du dann jemanden triffst, der das geschafft hat – das gibt dir Mut.» Gisin wiederum spürt in Engelberg bis heute, welch besondere Leistung ihr an jenem 12. Februar vor vier Jahren glückte. «Für einen Einkauf im Coop muss ich auch heute noch 30 bis 45 Minuten einberechnen», sagt sie.

Häcki ist die einzige Olympia-Newcomerin, Michelle Gisin, Denise Feierabend und Fabian Bösch waren bereits in Sotschi dabei. Mit ihrem Werdegang ist Häcki typisch und atypisch zugleich. Als Jugendliche übte sie eine Vielzahl von Sportarten aus. Sie kletterte, schwamm, ruderte, machte Eiskunstlauf, fuhr Mountainbike, Ski und Snowboard. Die 22-Jährige sagt: «Ich bin ein Bewegungsmensch – und meine Eltern liessen mich das ausleben.» Die Aussage könnte auch von ­jedem der Engelberger Spitzensportlern stammen. Die Gisins spielen alle hervorragend Golf, Marc stand mit 12 gar kurz vor der Aufnahme ins Juniorennationalteam – ehe er sich doch ganz fürs Skifahren entschied. Bösch spielt bis heute leidenschaftlich Eishockey.

Das Ultimatum des Rektors

Auf den Langlaufski versuchte sich ­Häcki erst mit 14, bald drehte sie auch mit dem Gewehr auf dem Rücken ihre Runden – nun hatte sie ihren Sport gefunden. Zu dem Zeitpunkt gehörten die anderen Engelberger Olympioniken längst Ski-Nachwuchskadern an. Häcki besuchte derweil das normale Gymnasium, erst mit 16 wechselte sie ans lokale Sportgymnasium. Gezwungenermassen: Der Rektor der Stiftsschule hatte ihre vielen Absenzen nicht mehr toleriert. Häcki wurde so zur ersten Biathletin der Sportschule, abseits der Piste trainierte sie mit den Alpinen. Heute ist das anders: Zwei Langlauf- und ein Biathlontrainer kümmern sich um die Schüler dieser Sparten. Auch an diesem Morgen Ende November.

Vor dem Bürofenster von Eskil Läubli, dem Leiter der Sportschule Engelberg, scheinen die Spitzen der Langlaufski einen Tanz zu vollführen: Die Schüler machen sich fürs Training bereit, der Unterricht folgt nach dem Mittagessen. «Statt der Schule steht bei uns der Sport im Zentrum», sagt Läubli. Neben Engelberg existieren nur mehr in Brig und Davos Sportschulen mit einem vergleichbaren Angebot für Wintersportler, alle auf halbprivater Basis. Von den 100 Schülern sind an diesem Tag nur 30 anwesend, die anderen sind irgendwo auf der Welt unterwegs, für Trainings oder Wettkämpfe. Athleten, die schon im Mittelschulalter zur Weltspitze gehören, verpassen so auch mal drei Viertel der Schultage. Was nicht heisst, dass sie das Jahr wiederholen. Sie büffeln das Verpasste in der Freizeit und den Sommermonaten nach.

Die Sportschule ist Engelbergs zweiter Trumpf für angehende Spitzensportler. Die einheimischen Olympioniken haben sie alle besucht, wenn auch Bösch sie nicht beendet hat. «Die Breite an Spitzenathleten ist ganz klar auf die Sportschule zurückzuführen. Zuvor waren wir diesbezüglich etwas bequem geworden, nur mehr Einzelne schafften es ganz nach oben», sagt auch Sportchronist Beat Christen. Die ersten erfolgreichen Sportler aus Engelberg sind die aktuellen aber nicht. Einst feierte Erika Hess unzählige Erfolge. Und noch viel früher der Bob von Fritz Feierabend (nicht mit Denise verwandt).

Hervorragender Ruf bei Freeskiern

Die Sportschule ist gegenüber dem Kloster untergebracht, in einer Kombination von Neubauten und bestehenden Räumlichkeiten: Der grosszügige, auf Wintersportler ausgerichtete Kraftraum wurde im ehemaligen Feuerwehrdepot eingerichtet. Und die Koordinationshalle, wo die Freestyler auf Trampolins und in Skateboard-Halfpipes trainieren, in der ehemaligen Sägerei.

Vor allem bei den Freeskiern hat ­Engelberg deshalb einen hervorragenden Ruf. Bereits vor acht Jahren, noch bevor der Sport olympisch wurde, ­begannen die Obwaldner diesen gezielt zu fördern. Prompt reisten 2014 vier ihrer Schüler nach Sotschi. 2018 wird die Zahl weiter steigen. Nicht nur das: Mit Andri Ragettli hat ein aktueller Schüler reelle (Gold-)Medaillenchancen.

Wer holt sich den weissen Tiger?

Oder gar auf den grossen, weissen Plüschtiger? Dieser liegt beim Empfang neben zwei Schachteln, voll mit kleinen Plüschkameraden. Es sind Glücksbringer für die aktuellen und ehemaligen Sportschüler. Bis zu 20 Swiss-Ski-Athletinnen und -Athleten könnten mit einem Tiger im Gepäck nach Süd­korea reisen, darunter grosse Medaillenhoffnungen wie Ragettli oder Wendy Holdener.

Nur der grosse Plüschtiger bleibt vorläufig in der Schule. Im Idealfall aber nur vorübergehend: Er ist für einen allfälligen Olympiasieger der Schule bestimmt. Das war schon vor vier Jahren so. ­Damals erhielten die Athleten Plüschbären für ihre Reise nach Russland. Weshalb heute ein riesiger Teddybär im Gästezimmer der ­Familie Gisin steht.

Bei wem der weisse Tiger Ende Februar seinen Platz erhält, ist noch offen. Sicher ist dagegen etwas anderes, als sich die fünf Wintersportler am 24. Dezember wieder auf den Heimweg ­machen: Das nächste Mal werden sie so nicht mehr in ihrer Heimat zusammentreffen. Sondern in Pyeongchang. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.01.2018, 22:30 Uhr

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