«6., 7. und 8. – das Resultat hat ebenso viel Wert wie ein Sieg»

Für Roland Platzer ist der Auftritt der Schweizer Abfahrer «ein Befreiungsschlag» gewesen. Der Cheftrainer der Speed-Gruppe erklärt, weshalb Silvan Zurbriggen vor der Super-Kombination wie verwandelt auftritt.

6., 7. und 8. – haben Sie mit einer derart geschlossenen Mannschaftsleistung vor der WM-Abfahrt gerechnet? Roland Platzer: Nein, aber ich hoffte auf einen ähnlichen Exploit wie in Vancouver. Dort hatte Didier Défago die interne Qualifikation bestreiten müssen. Wenig später wurde er Olympiasieger. Silvan Zurbriggen, Patrick Küng und Défago sorgten an der WM für einen Befreiungsschlag. 6., 7., und 8. – das Resultat hat ebenso viel Wert wie ein Sieg. Im laufenden Weltcup waren wir in zehn Speedrennen noch nie besser klassiert als im 10.Rang. Und etwas anderes ist auch wichtig.

Sagen Sie es uns. Dieses Resultat hat zur Folge, dass in der Weltcupstartliste vorläufig keiner aus den Top-30 rutscht. Mit Nummer 60 auf die Strecke zu gehen, wäre ein beträchtlicher Nachteil.

Könnte das anständige Resultat auch damit zusammenhängen, dass Zurbriggen, Küng und Défago in der WM-Abfahrt bereit waren, mehr Risiko einzugehen als in «gewöhnlichen» Weltcuprennen? Das würde ich so nicht sagen. Den Athleten lief es schon im Training entsprechend gut. Zurbriggen profitierte davon, dass er sowohl im Super-G als auch in der Abfahrt Qualifikationsläufe bestreiten musste.

Nur Carlo Janka ist kein «Ausreisser» nach vorne gelungen – als 19. bestätigte er seine schlechten Leistungen im Weltcup. Janka fuhr über weite Strecken zu passiv. Im Vergleich zur Konkurrenz war er nicht bereit, das letzte Risiko einzugehen.

Silvan Zurbriggen präsentiert sich in Schladming wie verwandelt. Schon im Super-G war der Walliser als 11. bester Schweizer, wurde aber nachträglich wegen eines Materialfehlers disqualifiziert. Weshalb tritt Zurbriggen an der WM so euphorisiert auf? Zurbriggen reagiert sehr empfindlich auf das Material. Er ist heuer auf dem aggressiven, keinen Fehler verzeihenden Kunstschnee nicht zurechtgekommen. Auf der WM-Piste ist die Schneebeschaffenheit hingegen anders. Auf dem grobkörnigen Naturschnee hat er Selbstvertrauen gefasst.

Was trauen Sie Zurbriggen in der Super-Kombination zu? Am Sonntag trainierte Zurbriggen mit den Österreichern auf der benachbarten Reiteralm Slalomläufe. Wenn er bereit ist, das letzte Risiko einzugehen, traue ich ihm einiges zu.

Können Sie Zurbriggens Probleme mit dem Slalomschwung erklären – vor zehn Jahren gewann er an der Weltmeisterschaft in St.Moritz Slalomsilber? Vor drei Jahren hatte sich Zurbriggen wegen seiner Erfolge in den Speeddisziplinen entschieden, die Sparte zu wechseln. Dadurch vernachlässigte er das Slalomtraining. In dieser Disziplin konnte er sich nicht mehr optimal auf die Rennen vorbereiten.

SRF-Experte Bernhard Russi kritisierte im Interview mit dieser Zeitung die zu kleine Zusammensetzung der Trainingsgruppen. Er plädiert für eine Durchmischung der Gruppen. Weshalb hat Swiss-Ski Techniker und Speedspezialisten in der Saisonvorbereitung nicht gegeneinander antreten lassen? Ich bin für eine klare Trennung zwischen Technikern und Speedspezialisten. Die erfolgreichen Nationen Italien und Frankreich separieren diese beiden Bereiche auch. Schauen Sie mal die Gruppendynamik bei den Italienern an. Innerhofer, Paris, Heel, Fill, Klotz und Marsaglia pushen sich gegenseitig zum Erfolg, keiner von ihnen bestreitet Riesenslaloms. Auch in Frankreich trainieren die Speedspezialisten unter sich. Clarey, Théaux, Poisson, De Tessières, Brice und Fayed setzen auf die schnellen Sparten. Aber in einem Punkt gebe ich Russi recht.

In welchem? Ich bin auch der Meinung, dass wir die Trainingsgruppen im Speed-Bereich zusammenlegen müssten. So würde eine Dynamik entstehen, wir hätten mehr Anhaltspunkte. In einer grossen Gruppe wären auch verschiedene Skimarken vertreten – die Anpassung an neues Material würde leichter fallen, gerade nach einem Skimarkenwechsel. Über die Vergrösserung der Trainingsgruppe müssen meine Vorgesetzten entscheiden.

Wie sieht es gegenwärtig aus? Momentan haben wir auf der Speedseite drei Gruppen: Techniktrainer Sepp Brunner betreut Janka, Berthod, Viletta und den momentan verletzten Feuz. Ich trainiere Défago, Küng, Zurbriggen, Lüond, Gisin und Spescha. In der dritten Gruppe sind die Europacupfahrer Weber, Mani und Schmed vereint. Wenn man von der Skikrise spricht, muss man auch differenzieren. Nach einer Verletzung hat selten einer eine starke Saison.

Sie sprechen die Kreuzbandrisse von Küng, Lüond und Gisin an. Ja. Diese Verletzungen haben uns in der Vorbereitung ein halbes Jahr zurückgeworfen. Im Sommer trainierte ich nur mit drei Athleten.

Swiss-Ski will im Frühling eine fundierte Analyse machen und auf die Krise im alpinen Männer-Team reagieren. Fürchten Sie um Ihren Job? Nein. Ich spüre, dass die Athleten hinter mir stehen. Wir arbeiten viel intensiver als vor drei Jahren, wo es dank den erfolgreichen Cuche, Défago und Büchel fast von alleine ging. Unterstützte mich Swiss-Ski nicht mehr, würde ich etwas anderes machen.

Berner Zeitung

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