224 Tonnen Gewichte, 240 Sprints, 4500 Kniebeugen

Hintergrund

Lara Gut schilderte im 5-Stern-Haus The Chedi in Andermatt ihre Vorbereitung auf den Olympiawinter. Ihre Weigerung, sich mit Rangzielen zu beschäftigen, hat System.

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Emil Bischofberger@bischofberger

Das gelingt nur Lara Gut. Der 22-jährigen Skirennfahrerin nimmt man selbst eine Aussage ab, die bei jeder anderen Athletin als Allgemeinplatz abgetan würde. Des Langen und Breiten und in drei Sprachen berichtet sie, wie sie sich den Sommer über auf die Weltcupsaison vorbereitet hat, die am Samstag in Sölden mit dem Riesenslalom der Frauen beginnt. Nur eines vergisst sie. Von dem zu sprechen, von dem jeder Athlet zuallererst spricht: von den Zielen.

Und auch wenn sie später konkret auf diese angesprochen wird, bleibt sie bewusst im Ungefähren, sagt: «Wenn ich von Zahlen spreche, mache ich mir Druck. Ich fahre so schnell wie möglich, alles andere kann ich nicht beeinflussen. Mein Ziel ist es, meine schnellste Kurve so oft wie möglich zu wiederholen.» Eben: ein Allgemeinplatz. Nur schafft es Gut, diese Aussage zu stützen. Ihre Weigerung, sich mit Rangzielen zu beschäftigen, hat System, das wird offensichtlich, wenn sie gefragt wird, ob sie im Olympiawinter auch mit einem Mentaltrainer zusammenarbeite. «Das ist er», sagt sie, zeigt auf ihren Vater Pauli, der sie von klein auf trainiert hat, und lächelt. Dann fügt sie an: «Am besten bin ich, wenn ich nicht denke.» Sofort kommt ein Bild hoch: Jenes von der WM in Val-d’Isère 2009, als sie im Starthaus mit ihrem Servicemann noch gescherzt hatte, Sekunden vor dem Start – und dann zu Silber gefahren war.

Vorkehrungen für Olympia

Man nimmt ihr deshalb auch ab, wenn sie mit derselben Lockerheit von den Spielen in Sotschi spricht: «Wenn du mitmachst und wie alle anderen nur von Olympia sprichst, hast du schon verloren. Es ist nicht arrogant, zu sagen: ‹Es ist nur ein Rennen.› Denn ich kann ja nur meine Fahrt beeinflussen.»

Anders als mancher Athlet, der sein Sportlerdasein, seine Karriere über einen solchen Grossanlass definiert, sagt Gut ganz nüchtern: «Ich fahre nicht wegen Olympia Ski, sondern weil ich schnell Ski fahren möchte.»

Natürlich ist das nicht die ganze Wahrheit, die sie in der halb fertigen Bar des künftigen Prunkstücks von Andermatt erzählt, im 5-Stern-Haus The Chedi. Die Tourismusregion gehört zu Guts Sponsoren. Das Team Gut hat gewisse Vorkehrungen für Olympia getroffen. Trainer Pauli Gut antizipierte die drohenden Rennverschiebungen als dringlichstes Problem und versuchte, dies im Training zu simulieren. Dass sie schon ein gewisses Talent für diese Situationen hat, weiss Lara Gut und erinnert an die WM vergangenen Februar in Schladming, wo das Wetter auch alle Pläne durchkreuzte, sie aber Silber im Super-G gewann. Das Adaptionstraining im Sommer erfolgte nicht immer freiwillig, etwa als das Team in Südamerika in der ersten Skistation schlechte Bedingungen vorfand, nach einer Trainingswoche kurzerhand umdisponierte und weiter nach Süden flog.

Warnsystem gegen Ermüdung

Im Training lief laut Pauli Gut und Konditionstrainer Patrick Flaction alles rund. Davon zeugt die Bilanz mit 375 Trainingsstunden in 5 Monaten, in denen 224 Tonnen Gewichte gestemmt wurden, dazu kamen 240 Sprints und 4500 Kniebeugen. Flaction ist zudem daran, ein neues Frühwarnsystem auszuklügeln. Mithilfe verschiedener objektiver und subjektiver Parameter, die wöchentlich eruiert werden (erstere im Krafttraining), will er Anzeichen finden, die auf eine Ermüdung hinweisen – noch bevor diese akut wird.

Nach der Pressekonferenz steigt Gut ins Auto, nimmt die Strasse Richtung Oberalp und weiter ins Pitztal. Dort folgen die letzten Trainings vor dem Saisonstart auf dem Gletscher in Sölden. Darauf freut sie sich, schwärmt von den winterlichen Bedingungen, die sie kürzlich während einer Trainingswoche dort vorgefunden hat. Ihre Augen glänzen, wenn sie vom Riesenslalom am Samstag spricht: «Dank meines Podestplatzes beim Weltcupfinal auf der Lenzerheide kann ich als eine der ersten sieben starten. So eine schöne Piste hatte ich noch nie.» Viel Vorstellungsvermögen braucht es nicht, um rauszufinden, was sie mit dieser Vorlage machen will. Klar: schnell Ski fahren.

Tages-Anzeiger

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