Zug um Zug nach oben

Noël Studer ist der jüngste Grossmeister der Schweiz. Der 20-Jährige aus Muri bei Bern ist seit zwei Jahren Profi. Er will seinem Sport zu Popularität verhelfen.

Simon Scheidegger@theSimon_S

Noël Studer sitzt an einem Tisch und erzählt. Von sich, seiner Faszination für Schach, seinen bisherigen Erfolgen, Zielen, Wünschen, Träumen. Während fast zweier Stunden nimmt sich der 20-Jährige Zeit; im Wissen, dass er am nächsten Tag in die Ferien fliegen wird, die ersten seit Oktober.

Studer hat eine erfolgreiche, aber auch stressige Zeit hinter sich. Denn mit einem Mal stieg das mediale und öffentliche Interesse markant an, Studer gab Interviews für diverse Zeitungen und Magazine, auch Radiostationen wollten auf einmal etwas vom Schachprofi aus Muri bei Bern. Dies kam freilich nicht aus dem Nichts. Im April erfüllte Studer in Karlsruhe als bisher jüngster Schweizer die dritte und letzte Norm für den Titel des Grossmeisters. «Darauf habe ich lange hingearbeitet», sagt Studer.

Kasparows Trainer

Entfacht wurde Studers Faszination für Schach, als es ihm sein Vater vor zehn Jahren zeigte und die Regeln erklärte. Zwei Jahre später, als 12-Jähriger, nahm er erstmals an einer Schweizer Meisterschaft teil. In den Folgejahren entwickelte sich das königliche Spiel für Studer zu einem intensiven Hobby.

Der Wunsch, Schach zu seinem Beruf zu machen, reifte erst während seiner Ausbildung am Gymnasium Hofwil, in welchem er Teil der Sportförderungsklasse war und dementsprechend mehr Zeit fürs Trainieren erhielt. An der U-18-WM 2014 hatte er lange Zeit Chancen auf den Titel, und da merkte Studer, dass er auch international mithalten kann.

Seit zwei Jahren setzt der amtierende Schweizer Meister, der für die SG Zürich in der NLA spielt, nun voll auf den fas­zinierenden Denksport. Studer trainiert sechs Stunden täglich, konfrontiert sich am Brett mit Problemstellungen und sucht nach Lösungen. Zudem feilt er an seinen Eröffnungen und macht Fitnesstraining. Unterstützt und angeleitet wird er dabei von Josif Dorfman, der einst auch Garri Kasparow in den legendären WM-Partien gegen Anatoli Karpow betreut hat.

Rückstand auf die Spitze

Studer ist äusserst wortgewandt und veranschaulicht seine Aussagen gerne mit Vergleichen zu anderen Sportarten. So sagt er zum Beispiel: «Im Moment ist mein Spiel so, wie wenn ein Fussballteam immer mit den gleichen elf Spielern antritt und stets über dieselbe Seite angreift. Ich muss vielseitiger und variabler werden.» Oder: «Tennisprofi Milos Raonics Schwäche ist die Rückhand, deshalb spielen seine Gegner immer wieder dorthin. Das ist im Schach dasselbe. Man muss die Schwäche des Gegenübers ausfindig machen.»

Weltmeister zu werden, sei sein grosser Traum, sagt Studer. Er würde dies jedoch nie als ein Ziel formulieren. «Ich setze mir keine Grenzen. Ich arbeite so, als ob ich Weltmeister werden möchte, und dann schaue ich, was ich damit erreiche.» Studer weiss, dass es sehr schwierig werden dürfte, in die Weltelite vorzudringen, denn obwohl er als jüngster der nunmehr vier Schweizer den Titel des Grossmeisters errang, hat Stu­der im internationalen Vergleich einen Rückstand, der sich nur schwer aufholen lässt.

Spieler, die in die Weltspitze vorstossen, erfüllen die Grossmeisternormen viel früher. Weltmeister Magnus Carlsen beispielsweise wurde der GM-Titel bereits als 13-Jähriger verliehen. Studer hat sich jedoch in der Weltrangliste kontinuierlich hochgearbeitet, momentan hält er bei 2498 Elo-Punkten und ist damit die Nummer 792 der Welt. Der Weg nach oben ist noch weit. Die Top 4 der Weltrangliste haben die Grenze von 2800 Elo-Punkten überschritten, und um in die Top 100 vorzustossen, sind aktuell 2655 Elo-Punkte nötig.

Dass Studer jedoch das Potenzial hat, auch Topspieler in Schach zu halten, hat er bewiesen, als er vor drei Jahren die aktuelle Weltnummer 43 Arkadij Naiditsch (ein gebürtiger Lette, der für Aserbaidschan spielt) besiegte. Ob Studer den Schritt in die Weltspitze schafft, hängt nicht zuletzt auch von finanziellen Faktoren ab.

Sekundanten verpflichten

Topspieler engagieren Helfer, sogenannte Sekundanten, die sich um die Analyse der Gegner und die geeignete Taktik kümmern. Studer tauscht sich regelmässig mit Trainer Dorfman aus, einen Grossteil dieser Arbeit muss er indes selbst bewältigen. «Wenn ich auf Topniveau mitspielen möchte, werde ich irgendwann ein Team brauchen», sagt er. Studer setzt sich allerdings nicht unter Druck.

Er hofft vielmehr, dass er mit seinen Erfolgen dazu beitragen kann, dass Schach populärer wird, Schachspieler als Sportler und nicht als Exoten angesehen werden. «Ich bin überzeugt, dass sich etwas ändern kann. Aber dazu muss ich eine Vorbildfunktion ausüben.»

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