Züge und Zunder

Mit Hou Yifan spielt die Nummer 1 der Frauen-Weltrangliste am Bieler Traditionsturnier. Die Chinesin will vermehrt gegen Männer antreten – aber nicht mehr an der WM teilnehmen.

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Über vier Stunden lang werden Figuren hin und her geschoben. Je nach Denkintensität spielen die Pupillen der Kontrahenten verrückt. Einige stehen auf und treten vom Tisch weg, gedankenversunken; sie scheinen um sich herum nicht viel wahrzunehmen.

Es ist ruhig am Montag im Bieler Kongresshaus; während sich die zehn Grossmeister im Einladungsturnier anlässlich des 50. Schachfestivals ein erstes Mal duellieren, gilt: Jede Silbe ist eine zu viel. Auch Hou Yifan hält sich in der Partie gegen den Russen Alexander Morosewitsch ans Credo. Doch als die Chinesin im Februar in Gibraltar spielte, war die Hölle los.

Der Skandal von Gibraltar

Zum letzten Vergleich gegen ihren indischen Konkurrenten war die 23-Jährige mit halbstündiger Verspätung erschienen. Sie entschied sich für eine Anfängerzugfolge, produzierte absichtlich drei weitere Fehler – und gab nach fünf Zügen auf. Nie zuvor hatte ein Grossmeister ein Duell derart schnell verloren.

Das Echo war gewaltig: Die «Washington Post», die «New York Times» und «The Sun» berichteten. Zu lesen war von Yifan, der Skandalnudel, von einer Spielerin, die zu mächtig geworden sei, von einer Krise im Schachsport.

Yifan protestierte auf diese Weise gegen das Vorgehen des Veranstalters, der sie in neun Runden gegen sieben Frauen hatte antreten lassen, obwohl deutlich weniger Frauen als Männer am Turnier teilnahmen. Die Organisatoren wiesen darauf hin, dass die Auslosung maschinell erfolgt sei – was angesichts der zahlreichen Frauenpaarungen unwahrscheinlich erschien.

Yifan protestierte gegen das Vorgehen des Veranstalters, der sie in neun Runden gegen sieben Frauen hatte antreten lassen.

Nun, Hou Yifan ist keine Querulantin, darauf legt sie im viertelstündigen Gespräch Wert. Wer sich mit der freundlichen jungen Frau unterhalten hat, käme auch nicht auf diese Idee. Sie erzählt von ihrem Studium über internationalen Beziehungen, der Wichtigkeit von Diplomatie im Sport und in der Gesellschaft. Und doch sagt die vierfache Weltmeisterin, welche den Titel 2010 im Alter von 16 Jahren als Jüngste in der Geschichte gewann: «Wenn etwas Grundlegendes nicht in Ordnung ist, dann greife ich durch.»

Yannick Pelletier äussert sich zum 50. Jubiläum des Schachfestivals.
Video: sda

Der Rückzug von der WM

Frauen würden nicht anders spielen als Männer, meint Hou Yifan, «wir tun es einfach weniger gut». Warum dem so sei, könne sie nicht schlüssig erläutern. «Die Physis ist eine wichtige Komponente, wenn man fünf Stunden lang hochkonzentriert sein muss. Und Frauen handeln manchmal zu emotional, zu wenig strategisch.»

Yifan aber fordert Chancengleichheit. «Frauen müssen vermehrt gegen Männer spielen dürfen. Nur so können sie sich in der Weltrangliste verbessern.» Sie habe deshalb nicht für sich alleine protestiert, meint die Nummer 82 im gemischten Ranking.

Es war nicht das erste Mal, dass sich Yifan, die sich in Biel Zeit nimmt, ihre Partien mit Zuschauern zu analysieren, exponierte. Und in der Szene für mächtig Zunder gesorgt hat. Vor Jahresfrist gab sie bekannt, nicht mehr an der Frauen-WM teilzunehmen, nachdem sie den Weltverband Fide wiederholt auf den ihrer Meinung nach unsinnigen Modus (ein K.o-Turnier mit 64 Teilnehmerinnen) hingewiesen hatte.

Vor Jahresfrist gab Yifan bekannt, nicht mehr an der Frauen-WM teilzunehmen.

«Das ist eine Lotterie: Man spielt zwei Partien. Geht die erste verloren, ist die Gefahr gross, dass man ausscheidet. Es hat zuletzt Siegerinnen gegeben, die nicht annähernd so gut waren wie die Weltbesten.» Yifan fordert eine Anpassung an den Modus der Männer (Qualifikationsturniere und ein Kandidatenturnier, dessen Sieger den Champion herausfordern darf). Den Boykott will sie nicht aufheben, im Wissen, dass ein Titel ohne ihre Teilnahme nicht viel wert ist.

Die Kritik an der Heimat

Im Seeland hingegen spielt Hou Yifan gerne. Von der Stadt hat die Branchenleaderin einiges gesehen; sie ist nicht eines jener Schachgenies, welche den ganzen Tag hindurch (und zuweilen noch im Schlaf) an König, Dame und Bauern denken. «Dann würde ich verrückt werden», sagt die Siegerin der Schacholympiade 2016, die gerne Joggen und Schwimmen geht, den Austausch mit anderen Kulturen schätzt.

Mit Erstaunen spricht sie davon, wie viele gute Spieler es in der Schweiz gebe. Und sie spart nicht mit Kritik am Riesenreich, hält fest, in ihrer Heimat werde zu wenig in den Schachsport investiert. Yifan ist in China nicht besonders populär. «Einige kennen meinen Namen, aber kaum mein Gesicht. Das hilft bei der Sponsorensuche nicht.»

Helfen könnte ein Sieg in Biel. Sollte sie sich gegen die neun männlichen Rivalen durchsetzen, wären ihr die Schlagzeilen in der Schachwelt einmal mehr gewiss.

Berner Zeitung

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