«Wir wollen die Besten vom Rest sein»

Früher hat sich Han Abbing mit Fussballstar Ronald Koeman Duelle geliefert; später führte er Deutschlands Nachwuchsvolleyballerinnen zum WM-Titel. Am Montag gibt der Holländer gegen Neuenburg sein Debüt als Trainer von Volley Köniz.

Ein Mann mit vielen Gesichtern: Der Könizer Teamchef Han Abbing ist ein engagierter Gesprächspartner.

Ein Mann mit vielen Gesichtern: Der Könizer Teamchef Han Abbing ist ein engagierter Gesprächspartner.

(Bild: Urs Baumann)

Holland hat sich nicht für die Fussball-EM qualifiziert. Schockiert Sie das?
Han Abbing: Ich bin 54 Jahre alt. Die grösste Narbe, die der Fussball bei mir hinterlassen hat, ist der verlorene WM-Final 1974. Holland mit meinem Helden Johan Cruyff unterlag Deutschland 1:2. Folglich kann ich das Scheitern der Holländer in der EM-Qualifikation verkraften.

Haben Sie jemals Fussball gespielt?
Ja, ganz ordentlich. Ich spielte Fussball, bis ich 19 Jahre alt war. Meine Gegenspieler hiessen damals unter anderem Ronald und Erwin Koeman. Die zwei Brüder waren aber ein wenig talentierter und haben es in ihrer Karriere weiter gebracht als ich (lacht).

Warum nennen Sie sich Han und nicht Johan?
Han ist die Kurzform und in Holland ein gängiger Vorname. In Deutschland musste ich die Schreibweise buchstabieren. Ich sagte jeweils «Hans ohne s» oder «Han wie bei Han Solo, der Figur aus Star Wars».

Wie kamen Sie zum Volleyball?
Ich habe mit 11 Jahren angefangen. Mein Vater hat schon Volleyball gespielt. Als ich älter wurde, hat sich gezeigt, dass ich zwar Talent habe, aber mit 1,81 Metern zu klein gewachsen war. Ich spielte ein Jahr lang als Zuspieler in der ersten Liga. An der Universität Groningen hatte ich das Glück, dass mich Joop Alberda trainierte. Er führte Holland 1996 zum Olympiasieg. Alberda hat mich motiviert, Volleyball-Trainer zu werden, meine Karriere geprägt.

Unter Ihrer Leitung gewann die deutsche Juniorinnenauswahl 2009 in Mexiko den Weltmeistertitel. Welchen Anteil hatten Sie am Erfolg?
Ich übernahm ein Team, das gewohnt war, nach den strikten Vorgaben der alten DDR-Schule zu trainieren. Ich bemühte mich, das Selbstvertrauen der jungen Spielerinnen zu stärken. Ich forderte die Talente auf, sich etwas zuzutrauen, kreativ zu sein, auch wenn dabei Fehler passieren. Allmählich entfalteten sich die Frauen. Ich glaube, diese Mischung aus alter DDR-Schule, gesteigertem Selbstbewusstsein und gutem Kraftathletiktraining hat zum WM-Titel geführt.

Also Zuckerbrot statt Peitsche?
Das möchte ich nicht sagen. Ich kann auch streng sein. Aber ich will den Spielerinnen nicht zu viel befehlen. Ich plädiere dafür, dass das Team gemeinsam mit mir einen Weg findet, wie wir erfolgreich sein können. Dieser Führungsstil ist gar nicht so einfach. Es ist einfacher, autokratisch zu führen. Kurzfristig mag ein solches Verhalten wirksamer sein, langfristig jedoch ist es besser, wenn die Spielerinnen Eigeninitiative übernehmen.

Weshalb haben Sie das Angebot von Volley Köniz angenommen?
In den letzten acht Jahren habe ich im Nachwuchsbereich gearbeitet. Ich wollte wieder mit einem Profiteam arbeiten. Volley Köniz ist ein sehr bekannter Verein. Mich interessieren andere Kulturen. Auf die Schweiz freue ich mich besonders. Ich war fast zehn Jahre in Deutschland tätig, ein Jahr auch in Österreich. Es gibt noch einen weiteren Grund.

Können Sie ihn uns nennen?
Ich habe gemerkt, dass die Verantwortlichen in Köniz etwas aufbauen wollen. Das Publikum soll sich wieder mit dem eigenen Team identifizieren. Dabei will ich mithelfen. Ich bin kein Trainer, der nach neun Monaten wieder seine Sachen packt.

Können Sie im Könizer Team einen Rohdiamanten schleifen?
Erika Wilson hat ausgezeichnete Anlagen, auch wenn sie schon etwas älter ist. Zoé Vergé-Dépré bringt ebenfalls vielversprechende Qualitäten mit.

Ihre Handschrift ist im Team bereits sichtbar. Sie sind daran, einzelne Spielerinnen umzuschulen. Wen zum Beispiel?
Erika Wilson. Sie ist als Mittelblockerin zu uns gekommen. Ich habe entschieden, dass sie wegen der aussergewöhnlichen Sprungkraft und einer Abschlaghöhe von 3,18 Metern als Angreiferin fungiert. Auch Laura Sirucek will ich nicht stur auf der Diagonalposition einsetzen. In ihr stecken mehr Möglichkeiten, als sie wohl selber denkt. Sie spielt sehr intelligent und kann uns womöglich in der Annahme weiterhelfen.

Nicht alle Spielerinnen sprechen Deutsch. In welcher Sprache machen Sie sich verständlich?
Wir unterhalten uns auf Englisch.

Was erwarten Sie für eine Saison?
Volero Zürich ist ein Weltklasseteam und wird in seiner eigenen Liga spielen. Wir wollen die Besten vom Rest sein. Für eine Prognose ist es noch zu früh. Köniz stellt eine neue Mannschaft. Auf uns wartet ein hartes Programm mit vielen Spielen. Wir müssen die Kräfte gut einteilen. Die Physiotherapeutin wird eine wichtige Rolle spielen. Irgendwann müssen wir etwas Gas zurücknehmen, das birgt immer ein Risiko.

Was haben Sie für ein Ziel im Schweizer Cup?
Wir wollen in den Cupfinal. Die Glücksfee wird hoffentlich nach den richtigen Losen greifen.

Was haben Sie für ein Ziel im Europacup?
Überwintern wir europäisch, kann das in Köniz eine grosse Begeisterung auslösen.

Berner Zeitung

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