«Wir suchen Perfektion, nicht Performance»

Kein Geld, kaum Nachwuchs: Trotzdem ist Daniel Tschan (55) überzeugt, dass sein Sport Zukunft hat. Der Trainer vom Haltero-Club Tramelan ist zugleich Präsident des Schweizerischen Gewichtheberverbandes.

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Martin Bürki@tinubuerki27

Aktuell stellen noch fünf Vereine Athleten für die NLA. Verkümmert das Gewichtheben, Monsieur Tschan?
Daniel Tschan: Tatsächlich befand sich der Verband in einem Tief, als ich 2005 das Präsidium übernommen habe. Mittlerweile ist Bewegung ins Spiel gekommen: Einzelne Cross-Fit-Vereine haben uns um Aufnahme ersucht. Bei ihnen ist Gewichtheben bloss eine Disziplin von vielen. Wir bieten ihnen die Möglichkeit, an reinen Gewichtheberwettbewerben teilzunehmen. Sei es als neuer, eigenständiger Verein wie in Basel oder dass einzelne Athleten in bestehenden Clubs mitmischen.

Besteht solches Interesse auch im Berner Jura?
Ja, auch der Haltero-Club Tramelan nimmt künftig Cross-Fit-Athleten auf. Physisch sind diese Sportler top, ihnen fehlt bloss noch die Technik. Im Gewichtheben ist Technik noch wichtiger als Kraft.

Es fällt auf, dass Schweizer Gewichtheber nicht dem Klischee vom Muskelprotz entsprechen.
Wir haben eine andere Philosophie: Wir suchen Perfektion, nicht Performance. Unser Nachwuchs wird langsam aufgebaut. Im Vordergrund steht die Technik, der Bewegungsablauf. Der ist immer gleich, unabhängig vom Gewicht. Die Junioren beginnen erst mit ungefähr 17 Jahren, wenn sie mehr oder weniger ausgewachsen sind und die Technik verinnerlicht haben, auf immer mehr Gewicht hinzuarbeiten. In Russland läuft das anders: Da stemmen Minderjährige gleich viel wie die besten Schweizer. Sie werden dann auch Europa- oder Weltmeister, sind aber mit 21, 22 Jahren weg vom Fenster. Entweder weil sie körperlich kaputt sind oder weil sie die Lust verloren haben. Wir haben weniger Nachwuchs, da müssen die Aktiven länger durchhalten (lacht)!

Wo steht die Schweiz im internationalen Vergleich?
Nirgends! Wir haben keine Chance. Als Schweizer Meister kann man von Glück reden, wenn man an einer Weltmeisterschaft unter die ersten fünfzehn kommt.

Klingt nicht gerade rosig...
Man kann das aber auch nicht vergleichen. Wir Schweizer sind alles Amateure, Gewichtheben ist nicht mehr als ein Hobby. In Deutschland und Italien sind Gewichtheber profimässig organisiert und trainieren täglich. Die Verbände dort erhalten jedes Jahr Subventionen vom Staat in der Grössenordnung von fünf Millionen Franken, das eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Würden unsere Athleten so viel trainieren wie die deutschen, wären wir ebenso gut.

Erhält der Schweizer Verband auch Subventionen?
Swiss Olympic zahlt uns jedes Jahr 14'000 Franken. Das Geld ist aber dafür bestimmt, die Unkosten der Sportler zu decken, die an internationale Wettkämpfe reisen. Ab und zu werden auch Vereine honoriert, die Turniere organisieren und damit Sportförderung betreiben.

So wie der Haltero-Club Tramelan und seine «Challenge 210»?
Genau, die «Challenge» ist unsere Haupteinnahmequelle. Die Organisation wird aber hauptsächlich über Sponsoren finanziert. Und sehr viel wird in Form von Freiwilligenarbeit geleistet. Kameradschaft ist im Gewichtheben sehr ausgeprägt.

Berner Zeitung

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