Wille und ein Motivationsschreiben

Jeannine Gmelin will im WM-Final ihr Traumjahr krönen. Ein Blick auf den Menschen in der Athletin.

Auf WM-Gold-Kurs: Jeannine Gmelin.

Auf WM-Gold-Kurs: Jeannine Gmelin.

(Bild: Keystone Robert Perry)

Wenn Jeannine Gmelin heute um 11.19 Uhr in Plowdiw in den WM-Final startet, tut sie dies als Favoritin. Im ­Olympiafinal von Rio wurde sie letztmals bezwungen, in den letzten 25 Monaten hat sie alle Rennen gewonnen. Heute kann sie zum zweiten Mal Weltmeisterin im Skiff werden.

Die 28-Jährige aus Uster verfolgt ihre Ziele mit einer selten gesehenen Konsequenz. Drei Personen aus ihrem Umfeld sagen, wie sie die Spitzenruderin abseits der Rennstrecke erleben.

«Schon früher war ihr Hang zum Perfektionismus vorhanden»

Angelina Gmelin, Schwester:«Jeannine ist ruhig, entspannt, still, ich bin viel extrovertierter, mehr der Luftibus. Wir schreiben uns fast jeden Tag oder telefonieren. Wir schicken uns oft lustige Videos, vor allem Hundevideos. Sie kann sich dann oft kaum halten vor Lachen, und ich muss lachen, wenn ich ihr Gesicht sehe. Schon früher, als wir im Training gemeinsam ruderten, war ihr Hang zum Perfektionismus vorhanden. Sie hat damals schon viel Wert auf Technik und Konzentration gelegt, ich habe einfach gemacht. Die Fähigkeit, sich zu fokussieren, hat einen riesigen Anteil an ihren Erfolgen, wenn sie etwas macht, dann konzentriert sie sich nur darauf und mit riesiger Geduld. Woher sie die nimmt? Keine Ahnung. Ich kenne nicht viele Frauen, die so gut allein sein können wie sie. Sie gibt nie auf, ich habe noch nie gehört, dass sie sagte: «Ich kann nicht mehr.» Im Kopf ist sie extrem stark. Unsere Beziehung hat sich schon verändert, aber nicht wegen des Ruderns, sondern weil ich älter geworden bin. Sie ist immer noch die gleiche ausgeglichene Jeannine. Wir zwei Mädchen sind sehr eng, unsere zwei Brüder auch. Seit einigen Jahren kann ich mit ihr auch gut über Frauenthemen reden.»

«Man musste sie mehr bremsen als stossen»

Franz Fischer, Verantwortlicher Sport in der Spitzensport-RS:«Ich habe Jeannine im Juni 2014 beim Selektionsgespräch für die Spitzensport-RS kennen gelernt. Der Verband hatte sie nachnominiert, eigentlich waren wir für die RS 3/14 schon voll ausgebucht. Sie ist mir da schon aufgefallen mit ihrem unerschütterlichen Willen, sie war eine der wenigen, die man mehr bremsen als anstossen musste. Schon im April hatte mich ihr Motivationsschreiben aufhorchen lassen. Da schrieb sie unter anderem: Es war eine sehr erfolgreiche RS, unter anderen mit Roman ­Röösli, Markus Kessler und Fiorin Rüedi. Jeannine machte das Training mit den Jungs mit, und ist auch jeden Tag mit dem Velo von Lyss nach Magglingen und zurück gefahren. Ich kann mich erinnern, wie sie die Hände voller Blasen hatte und doch weitermachte. Seit 2016 ist sie Zeitmilitärsoldatin, mich hat vor allem immer beeindruckt, dass sie nie zufrieden ist. Was heute gut ist, muss morgen noch besser werden. Obwohl sie für eine Spitzenruderin klein ist, führte sie dies nie als Ausrede an. Wenn es ein Problem gibt, sucht sie eine Lösung. Sie ist ein Paradebeispiel für eine Botschafterin.»

«Sie ist sehr bodenständig, nicht abgehoben»

Bruno Thürig, CEO Obwaldner Kantonalbank:«Wir haben gerade ein neues Leitbild für unsere Mitarbeitenden entwickelt, und als ich Jeannine vor kurzem kennen lernte, habe ich gemerkt, dass jeder dieser Werte genau auf sie zutrifft: dynamisch, leistungsorientiert, identifiziert, engagiert, von der Sache überzeugt. Es passt wunderbar. Bei diesem Engagement geht es nicht nur um die Sportlerin Jeannine, sondern um die Person Jeannine. Es hat uns enorm beeindruckt, wie sie den Standort Obwalden vertreten hat. Sie ist völlig authentisch und eine ideale Botschafterin. Wir vertreten nicht nur die Interessen der Bank, sondern auch den Kanton. Sie kann den Standort nach aussen tragen. Sie ist die erste Weltmeisterin, die wir unterstützen, aber sie ist sehr bodenständig, nicht abgehoben, wir kommen nicht in eine andere Welt. Die Verhandlungen verliefen sehr schnell und unkompliziert. Mein Stellvertreter kam im Juni mit einem Artikel in der zu mir. Wir haben uns dann in einem Gespräch mit Jeannine vergewissert, dass sie auch als ­Person zu uns passt, und danach haben wir in der Geschäftsleitung innert 24 Stunden entschieden, dass wir diese Sponsoringpartnerschaft eingehen. Sie soll sich voll aufs Rudern konzentrieren. Wenn sie Zeit aufbringen kann, werden wir sie für die eine oder andere Kundenveranstaltung einsetzen oder Mitarbeiteranlässe. Sie selber hat auch schon die Idee gebracht, sie werde die Kaffeepause mit den Mitarbeitern verbringen.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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