Wie der Klimawandel den Marathon prägt

Warum Läufer, die Bestzeiten über 42,195 km erzielen wollen, Ökoparteien wählen sollten – und sich besser im November oder im Februar an die Startlinie stellen.

Hitze wie an der WM in Doha macht Marathonläufern zu schaffen – ideal wären 5 bis 6 Grad. (Bild: Getty Images)

Hitze wie an der WM in Doha macht Marathonläufern zu schaffen – ideal wären 5 bis 6 Grad. (Bild: Getty Images)

Christian Brüngger@tagesanzeiger

Geld führt zum Läuferglück: Rund 80 Prozent der 60'000 Zugelassenen für den grössten Marathon der Welt erkauften sich den Zugang via einen der vielen internationalen Partner der Organisatoren. Darunter sind 600 Schweizer, die am Sonntag in New York starteten. 15 Prozent kamen mittels Los rein, der Rest anhand von schnellen Bestleistungen.

Nun könnte die Strahlkraft des Branchenprimus aus einem unerwarteten Grund noch zunehmen: der Klimaerwärmung. Denn stets am ersten Sonntag im November ausgetragen, garantiert der Lauf durch die fünf New Yorker Stadtteile im Schnitt relativ moderate Temperaturen (siehe Box).

Und bevor sich vor allem die Hobbyathleten darum kümmern sollten, ob sie nun wirklich den schnellsten Schuh am Fuss haben oder das effizienteste Kohlenhydratgetränk verwenden: Wollen sie ihre Bestzeit verbessern, sollten sie sich zuerst mit der Temperatur am Wettkampfort auseinandersetzen.

Wenig macht viel aus

Schon ein relativ geringer Unterschied an Graden kann den Läufer bzw. die Läuferin massiv verlangsamen. Gemäss einer aktuellen, riesigen Zahlenanalyse des Laufportals Runrepeat anhand von 19,6 Millionen Resultaten an rund 30'000 Marathons gilt: Pro 1,7 zusätzliche Grad steigt die Marathonzeit um 85 Sekunden. Basis für den Anstieg bildet die «ideale» Temperatur, die 5 bis 6 Grad beträgt.

Darum wirkt sich nur schon der 5-Grad-Anstieg, den Läufer am Chicago-Marathon über die vergangenen 18 Jahre erfuhren, wesentlich auf ihre Zeit aus. Dabei findet Chicago stets Ende Oktober statt.

Entsprechend werden mit wärmeren Temperaturen die wenigen Marathons im Spätherbst bzw. Spätwinter für Bestzeiten-Jäger immer interessanter – und die Chance auf eine Bestzeit grundsätzlich kleiner, je mehr sich die Erde erwärmt.

Die Toleranz der Besten

Dass temperaturkundige Schnellläufer darum jetzt schon gerne weit reisen – Tokio wird als Beispiel im Februar ausgetragen – und einen grossen ökologischen Fussabdruck produzieren, gehört zu den Widersprüchen der Laufszene.

Weil Läufer unterschiedlich auf Einflüsse wie die Temperatur reagieren, gilt die erwähnte Regel von 85 Sekunden pro zusätzliche 1,7 Grad bloss als Richtwert. Was sich sagen lässt: Je trainierter ein Läufer ist, desto geringer der Temperaturfaktor.

Gemäss einer Studie der Chicago-Universität von 2017 wirkt sich ein Temperaturunterschied von 5 Grad (7 auf 12) bei Topathleten nicht auf die Zeit aus – sehr wohl aber bei Hobbyathleten. Erst bei einem Anstieg jenseits von circa 16 Grad büsst auch ein Eliteläufer. Diese statistische Aussage deckt sich mit den Wetterdaten beim Weltrekord von Eliud Kipchoge: Als er am 16. September 2018 in Berlin um 9.15 Uhr startete, mass man 14 Grad. 2:01,39 Stunden später herrschten 18 Grad.

Aus einem anderen Grund ist ein Leichtgewicht wie Kipchoge mit seinen circa 54 kg im Vergleich mit einem schwereren Läufer bevorteilt: Leichte produzieren und speichern weniger Wärme beim Rennen als Grosse. Als Folge können sie schneller oder weiter rennen, bevor sie überhitzen. Heisst wiederum: Die Durchschnittsläuferin ist bei wärmeren Temperaturen dem Durchschnittsläufer in diesem wesentlichen Aspekt überlegen.

Der Abbruch in Chicago

Höhere bis hohe Temperaturen aber führen zu weit mehr als nur langsameren Endzeiten: Das OK des Chicago-Marathons musste den Lauf vor zwölf Jahren nach drei Stunden stoppen, weil bei zunehmender Luftfeuchtigkeit und Hitze von rund 30 Grad Hunderte Läufer kollabierten.

Jüngst entschied sich das Internationale Olympische Komitee (IOK), den Olympiamarathon vom nächsten August in Tokio nach Sapporo zu verlegen, da ansonsten selbst akklimatisierte Topathleten bei den erwarteten extremen Bedingungen – Temperaturen jenseits von 30 Grad, hohe Luftfeuchtigkeit, kaum Schatten – in Lebensgefahr sein könnten.

Der finale Beweis dafür war für das IOK der WM-Marathon der Frauen jüngst in Katar: Bloss 40 der 69 Teilnehmerinnen kamen ins Ziel. Viele von ihnen erinnerten komplett ausgetrocknet an verschrumpelte Mumien.

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