Wider die Klischees

Noël Studer, der jüngste Grossmeister der Schweizer Schachhistorie, hat sich seinen Traum erfüllt und lebt als Profi. Dabei hat der ­21-Jährige auch Hindernisse zu überwinden.

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Noël Studer durchbricht das Klischee des nerdigen, eigenbrötlerischen Schachgenies, das den ganzen Tag grübelnd vor dem karierten Brett oder dem Computer sitzt. Der 21-Jährige mag Fussball, fährt gern Ski oder liebt es, im Sand bei einer Partie Beachvolley Bälle auszugraben.

Wenn er spricht, haftet seinen Worten nichts Abgehobenes oder Belehrendes an. Studer kommt wie der coole Student von nebenan daher, den man spontan ans nächste Gartenfest einladen würde.

Der Gümliger hat es nicht nötig zu prahlen, obschon er ein Hochbegabter ist in Sachen Schach. Schon im Alter von 20 Jahren erreichte er den Status des Grossmeisters. Kein Schweizer schaffte dies früher. Überhaupt ist dies vor dem Schweizer Meister von 2016 nur drei weiteren Landsleuten gelungen.

Der Selbstvermarkter

«Ungefähr im Einschulungsalter machte mich mein Vater mit den Schachregeln vertraut», sagt Studer. Der Dreikäsehoch fand Ge­fallen am komplexen Spiel, besuchte einen Schachkurs und trat kurze Zeit später einem Club bei, wo er seriös zu trainieren begann. Schnell fiel das Talent auf, bald stellten sich Erfolge ein.

Mit 12 Jahren reiste er allein an die Junioren-WM. «Das war ein riesiges Erlebnis», erklärt Studer. Er besuchte das Sportgymnasium im Neufeld, wechselte später in die Sportförderungsklasse des Gymnasiums Hofwil, «wo ich Frei­räume erhielt, um zu trainieren».

Studer verbesserte sich stetig, triumphierte sowohl bei der U-16- als auch zweimal bei der U-18-Schweizer-Meisterschaft, wurde 2013 in Maribor Vizeeuropameister im Team. Nach der Matura entschied sich Studer, auf Schach zu setzen. Ein mutiger Entscheid, der zum selbstbewussten, smarten Typ passt.

«Mein Leben als Schachprofi erfüllt mich, es ist schön, das machen zu können, was mich schon lange inspiriert hat», sagt Studer. Freilich kämpft er auch mit Schwierigkeiten. So bezeichnet er die finanzielle Situation als «Kampf», dem er sich indes stellt. Studer ist umtriebig.

Er knüpft Kontakte mit potenziellen Sponsoren, gibt Vorträge, lässt sich für Projekte einspannen. Das macht ihn interessant, als einziger Schweizer Schachspieler kommt er in den Genuss von Unterstützung der Fritz-Gerber-Stiftung, die begabten Jugendlichen hilft.

Auch von der Stiftung Fritz Bosch erhält er monetären Support. Zudem beherrscht er die Klaviatur der sozialen Medien. Auf Facebook folgen ihm über fünftausend Menschen, mit denen er interagiert. «Das sind Erfahrungen, die mich weiterbringen», sagt Studer. Dabei musste er auch lernen, sich nicht zu viele Termine aufzu­halsen und Prioritäten zu setzen, um den Fokus nicht zu verlieren.

Harte Arbeit

Schachprofi zu sein, bedeutet nämlich auch, hart zu arbeiten. Partien bis ins letzte Detail ana­lysieren, Stärken der Gegner her­ausfiltern, stundenlange Sessions am Computer.

Auch Einheiten im Fitnessstudio oder beim Mentaltrainer gehören dazu, zudem arbeitet Studer, der sich als offensiven Spieler bezeichnet, der, egal, gegen welchen Gegner, den Sieg sucht, an der Ausdauer. «Schachspieler haben immer Saison. Du kannst immer irgendwo ein Turnier spielen. Das birgt Gefahren», sagt er.

Studer erfuhr es am eigenen Leib, spielte zu oft, nahm andere Termine wahr, gönnte sich wenig Pausen. «Ich bin derzeit nicht topfit, kämpfe seit dem letzten Sommer mit Verspannungen», sagt Studer. Bis im September, wenn in Georgien die Schacholympiade ansteht, will er wieder zu hundert Prozent fit sein.

Studer, der in der Deutschen Bundesliga mit Bayern München gerade aus der höchsten Liga abgestiegen ist, weiss, dass er wohl nie Weltmeister werden kann. «Dafür fing ich zu spät an mit Schach.

Aber bis zu den besten fünfzig Spielern der Welt bekomme ich immer meine Chancen», sagt er. Der Titel des Europameisters wäre was. Irgendwann. «Man muss sich hohe Ziele setzen», sagt Studer und erfüllt somit doch noch ein Klischee. Das des ehrgeizigen Spitzensportlers. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.05.2018, 11:49 Uhr

Konzentration ist alles: Grossmeister Noël Studer prüft die Stellung und bereitet einen Zug vor. (Bild: Keystone )

Bundesturnier Ittigen

Im Haus des Sports in Ittigen findet von morgen bis Sonntag das Bundesturnier statt. «Der Titel fehlt in meinem Palmarès», sagt Noel Studer. Der Gross­meister ist der am besten klassierte Schweizer, angeführt wird die Teilnehmerliste indes von drei Ausländern: Der Internationale Meister Nikita Petrow (Russland) sowie die Grossmeister Michail Kasakow (Ukraine) und Mihajlo Stojanovic (Serbien) weisen mehr ELO-Punkte (die Wertungszahl, welche die Spielstärke bewertet) auf als Studer, sind im Bundesturnier aber nicht titelberechtigt.

Studer wird in Ittigen auch im Rahmenprogramm im Rampenlicht stehen. Am Samstag (18.30 Uhr) gibt er eine Simultanvorstellung an fünfzehn Brettern gegen Behördenvertreter, Ehrengäste und Sponsoren. Am Sonntag (14 Uhr) wird er in einem Podiumsgespräch über sein Dasein als Profi Auskunft geben. lüp

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