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Wenn Wahnsinn eine Untertreibung ist

Die Amerikaner sind beim College-Basketball emotionaler als bei den Profis – die Fans analysieren die Setzliste wie Aktienkurse. Heute Nacht geht es um die Final Four.

Der Deutsche Moritz Wagner (links) spielt mit Michigan um die Uni-Meisterschaft (Foto: AP)
Der Deutsche Moritz Wagner (links) spielt mit Michigan um die Uni-Meisterschaft (Foto: AP)

Kurz vor dem Ende der Partie steht Moritz Wagner hinter der Ersatzbank seiner Mannschaft, um den Hals hat er ein Handtuch gewickelt. Er sieht zu den knapp 20'000 Zuschauern im Staples Center von Los Angeles und zum überdimensionalen Anzeigewürfel an der Decke. Der deutsche Basketballspieler lächelt, weil er eine Minute vor Spielschluss am Donnerstagabend weiss: Die University of Michigan wird dieses Achtelfinale gegen Texas A&M gewinnen und in der Nacht zum Sonntag (1.30 Uhr, in Deutschland auf Sport1 US zu sehen) gegen die Florida State Seminoles um die Teilnahme an dem so genannten «Final Four» spielen. «Das ist Wahnsinn», sagt Wagner danach: «Ich geniesse jeden Augenblick.»

Die Amerikaner nennen die Ausschlussrunde im College-Basketball «March Madness», den Wahnsinn im März, was eine schlimme Untertreibung ist. Im Hauptfeld des K.o.-Turniers sind 64 Unis dabei. Wer verliert, scheidet aus. Die Leute sind beim Uni-Sport emotionaler als bei den Profis: Wer eine amerikanische Uni besucht hat, der hat das Logo für immer auf seinem Herzen tätowiert. Die Fans analysieren die Setzliste wie Aktienkurse, dann tippen sie auf die Sieger; insgesamt werden die Amerikaner – darunter auch ehemalige Präsidenten wie George W. Bush oder Barack Obama – bis zum Finale am 2. April in San Antonio mehr als zehn Milliarden Dollar auf den Ausgang der Partien wetten.

Ein paar Beobachtungen um den Wahnsinn im März:

15. März: Michigan gewinnt die Erstrunden-Partie mit 61:47 gegen Montana. Wagner spielt ordentlich, wird allerdings permanent von den gegnerischen Fans ausgebuht. Es ist wichtig zu wissen, dass im amerikanischen Uni-Sport der offen zur Schau gestellte Hass und schlimme Schmähungen die höchste Form der Anerkennung sind. Wagner muss also ein ziemlich guter Spieler sein – es heisst, dass er beim NBA-Draft im Juni in der ersten Runde gewählt werden könnte.

15. März: Loyola Chicago besiegt mit einem Wurf in letzter Sekunde die favorisierte University of Miami und liefert damit die Wohlfühl-Geschichte des Wahnsinns im März. Die Uni ist zum ersten Mal seit 32 Jahren wieder in der Ausscheidungsrunde dabei, vor den Partien beten die Spieler in der Kabine gemeinsam mit der 98 Jahre alten Ordensschwester Jean Dolores-Schmidt. Die hat übrigens getippt, dass es ihre Uni immerhin bis ins Achtelfinale schaffen wird. Das ist ein frommer Wunsch, daran glaubt nicht einmal Obama, der allerdings auf den überraschenden Sieg von Loyola Chicago gegen Miami gesetzt hat.

Keiner der 17,3 Millionen Tippspieler hatte alle Partien richtig

16. März: Virginia verliert gegen die University of Maryland-Baltimore County. Zum ersten Mal in der Geschichte dieses Turniers unterliegt die an Rang eins ihrer Region gesetzte Uni gegen die Nummer 16 der Setzliste – etwa 97 Prozent aller Tippscheine sind damit hinfällig. Nach dem Spiel wird Virginia-Aufbauspieler Ty Jerome von einem Reporter gefragt, ob er sich der historischen Dimension dieser Niederlage bewusst sei. Jerome schüttelt den Kopf. Er sagt, und es kann keine traurigere Antwort eines jungen Sportlers auf eine derart bescheuerte Journalisten-Frage geben: «Ich glaube, dass jedem die historische Dimension bewusst ist – also auch mir. Danke für die Erinnerung.»

17. März: Loyola Chicago besiegt Tennessee mit 63:32. Schwester Jean sitzt im Rollstuhl an der Seitenlinie und sagt: «Ich bin bereit, noch ein paar Spiele zu sehen.»

17. März: Die University of Michigan liegt mit zwei Punkten gegen Houston zurück, doch Jordan Poole schickt seine Mannschaft mit einem Drei-Punkte-Wurf in letzter Sekunde in die nächste Runde. An der Jubeljagd auf Poole beteiligt sich auch Wagner, bis er am Spielfeldrand einen völlig konsternierten Houston-Spieler entdeckt. Er hält sofort an, umarmt den Gegner und flüstert ihm aufmunternde Worte ins Ohr. Auf Twitter schreibt ein Houston-Fan: «Es fällt mir jetzt ziemlich schwer, diesen Typen zu hassen.»

18. März: Der Sportsender ESPN verkündet, dass keiner der 17,3 Millionen Tippspieler alle Partien der ersten beiden Runden korrekt vorhergesagt hat.

Einige Unis sollen Spieler mit Sexpartys angelockt haben

20. März: Seit Jahren wird in den USA debattiert, ob die Uni-Akteure entlohnt werden sollen. Bislang erhalten sie lediglich Stipendien sowie Zuschüsse zu Wohnung, und Essen – was sich an einer Elite-Uni allerdings auf mehr als 70'000 Dollar pro Jahr belaufen kann. Die Akteure wollen künftig stärker an den Einnahmen beteiligt werden, schliesslich setzen die Sportprogramme der erfolgreichste Unis pro Jahr mehr als 120 Millionen Dollar um, also ungefähr so viel wie ein durchschnittlicher Fussball-Bundesligist.

Im vergangenen Herbst gab es mehrere Skandale: Es kam zum einen heraus, dass einige Unis ihre Spieler mit Sexpartys angelockt haben – zum anderen, dass einige Spieler über Mittelsmänner doch bezahlt worden sind. Von den in den Enthüllungen genannten Unis im Achtelfinale noch dabei: Duke und Kansas.

22. März: Loyola Chicago besiegt Nevada mit 69:68. Der Tippschein von Schwester Jean bezüglich ihrer eigenen Uni ist also dahin. Sie sagt: «Völlig egal! Aber jetzt könnten die Jungs von mir aus noch ein bisschen weiter kommen.» In der Nacht zum Sonntag spielt Loyola Chicago gegen Kansas State um den Einzug ins Halbfinale und ist nach Ansicht zahlreicher Experten nun sogar Favorit. Es ist, ja richtig, ein Wahnsinn.

22. März: Michigan besiegt Texas A&M mit 99:72, Moritz Wagner erzielt dabei 21 Punkte. Nach der Partie sagt er, dass er am Samstagabend gerne eine ähnlich prächtige Laune haben würde. Die Twitter-Einträge der Michigan-Fans sind ziemlich eindeutig: Sie lieben diesen Typen aus Deutschland. Die Twitter-Einträge der Anhänger aller anderen Unis: offen zur Schau gestellter Hass – also unfassliche Anerkennung.

23. März: Kansas gewinnt 80:76 gegen Clemson, Duke besiegt Syrakus mit 69:65. In der Nacht zum Montag spielen also Kansas und Duke um den Einzug ins Halbfinale – die beiden Unis, die in den Enthüllungen um all die Skandale genannt worden sind. Es ist, ja richtig, ein Wahnsinn.

24. März: Die Viertelfinal-Partien am Wochenende: Michigan gegen Florida State. Kansas gegen Duke. Loyola Chicago gegen Kansas State. Villanova gegen Texas Tech. Der Wahnsinn geht weiter. Fortsetzung folgt.

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