Vom Krankenbett zum Kilchberg-Sieg

Schwingerkönig Matthias Sempach gewinnt erneut einen grossen Titel: Der 28-jährige Alchenstorfer triumphiert in eindrücklicher Manier am Kilchberg-Schwinget.

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15 Minuten lang kämpfte er, versuchte alles, um den 150-Kilo-Hünen auf den Rücken zu legen. Er scheiterte immer wieder, Zug um Zug. Christian Stucki blieb stehen, Matthias Sempach hatte das Nachsehen. Der Alchenstorfer musste sich mit Platz 2 begnügen, war schwer enttäuscht, rang nach Worten. Das war 2008, am 7.September, in Kilchberg.

Auf den Tag genau sechs Jahre später könnte die Gefühlslage gegensätzlicher nicht sein. Und die Wandlung vom Spitzenschwinger zum Seriensieger, welche Sempach vollzogen hat, lässt sich mit einer Zeitangabe untermauern: 7 Sekunden. So lange brauchte er am rechten Zürichseeufer, um Schlussgangkonkurrent Philipp Laimbacher, einen guten Freund, zu bodigen. Der 28-Jährige spricht von einem «verrückten Sieg», noch 24 Stunden zuvor glaubte er nicht daran, das Fest gewinnen zu können. «Ich bin ein positiv denkender Mensch. Aber am Dienstag, Mittwoch, Freitag und Samstag ist es mir nicht gut gegangen. Ich hustete, nahm Medikamente. Ich hatte Glück, spielte mein Körper doch noch mit.»

An und für sich ist Matthias Sempach der perfekte Sieger. Der gelernte Metzger und Landwirt ist heimatverbunden und patriotisch veranlagt. Er scheut nicht davor zurück, eine 1.-August-Rede zu halten, symbolisiert als bodenständiger Typ quasi die heile Schwingerwelt. Bereits um halb vier in der Früh sollen sich am Sonntag ein paar Verwegene auf dem Festgelände die Füsse vertreten, sich mit Taschenlampen die besten Stehplätze gesichert haben. Die meisten der 12500 Zuschauer verlassen ihre Position nur im Falle dringender Bedürfnisse. Das Publikum ist fachkundig, was nicht überrascht, blieb es doch fast ausschliesslich Mitgliedern von Schwingklubs vorbehalten, an Tickets zu gelangen. Die Karten konnten nicht erworben werden, weshalb OK-Chef Peter Hoff von einer «ausverschenkten Arena» spricht, die «locker viermal hätte gefüllt werden können».

Das Kräftemessen ist der Kontrast zur Modernisierung, die im Nationalsport unaufhaltsam scheint. Der Kilchberg-Schwinget ist kein von Sponsoren überladener, kein Cüpli-Anlass; der Sport steht im Zentrum. Geschwungen wird auf einem Bauernhof zwischen Kühen, Eseln und Kaninchen. In einer aufgemotzten Scheune sind Athleten beim Seilspringen zu sehen, andere pumpen sich mit Liegestützen auf. Dopingtests werden im Schweinestall durchgeführt, die Sägemehlringe befinden sich auf einer Viehweide. Es wird gejodelt und Alphorn geblasen – der Veranstalter kokettiert gar mit dem fehlenden Rahmenprogramm.

Triumphator Matthias Sempach lässt sich jedoch ebenso als Paradebeispiel bezeichnen, um den Wandel im Schwingsport aufzuzeigen. Schwingen ist für ihn weit mehr als nur ein Hobby. Der Horizont des 90-fachen Kranzgewinners reicht über den Sägemehlrand hinaus; mit Jean-Pierre Egger hat er einen renommierten Konditionstrainer, der frühere Kugelstoss-Weltmeister Werner Günthör gehört ebenso zum Betreuerstab wie Sportpsychologe Heinz Müller. Sempach arbeitet bei einem Futtermittelhersteller, wenngleich er zugibt, dass er dies an und für sich nicht tun müsste. Ein Hauptsponsor, drei Co-Sponsoren und fünf offizielle Partner unterstützen ihn – mit dem jüngsten Coup dürfte er noch attraktiver werden. Dass auch viele andere Spitzenschwinger ihr Arbeitspensum reduziert haben und faktisch als Halbprofis gelten, ist einigen Traditionalisten nicht geheuer. Einflussreiche sind bestrebt, den Boom einzudämmen. Längst ist aber viel Geld im Spiel, 200'000 Franken beträgt der Wert des Kilchberger Gabentempels. Akteure wie Sempach sind nationale Berühmtheiten; daher überrascht es nicht, sind am Sonntag 189 Medienvertreter vor Ort.

Matthias Sempach fiel nach dem Gewinn des Königtitels vor Jahresfrist in ein kleines mentales Loch, die Batterien waren leer. Während die Kollegen wieder trainierten, reiste der Oberaargauer durch Südamerika. «Mätthu hatte zwar ein schlechtes Gewissen, die zusätzliche Pause war aber ungemein wichtig», erzählt Bruder Stefan Sempach. «Seither ist sein Elan ungebrochen.» Sechs bedeutende Feste hat der Dominator heuer gewonnen. Er ist 34 «Eidgenossen» gegenübergestanden, hat deren 20 bezwungen und nur zwei Gänge verloren – ein formidabler Wert. Sempach wirkt kaum einmal verkrampft, in der Garderobe des Berner Teams in Kilchberg spielt er zwischen den Gängen gar den Clown. Selbst von den überraschend starken Innerschweizern, bei denen Philipp Laimbacher, Christian Schuler und Benji von Ah über sich hinauswachsen, lässt er sich nicht nervös machen.

Überliefert ist die Geschichte des 10-jährigen Matthias Sempach, der 1996 am Kilchberg-Schwinget ein paar Programmhefte mitgehen liess, diese an die Zuschauer verkaufte und so sein Taschengeld aufbesserte. Mit dem sechsten Berner Sieg sorgt er dafür, dass der Bernisch-Kantonale Schwingerverband zu den bis anhin führenden Nordostschweizern aufschliesst. Grossartig fühle er sich, «es ist unglaublich, einfach wunderbar», sagt Sempach, der Ende Jahr erstmals Vater wird, nach dem Schlussgang. Zwei Stunden später wirkt er erstaunlich nüchtern, fast emotionslos. «Ein Titel bringt eben Stress mit sich.» Sempach wird von diesem und jenem in Beschlag genommen – er freut sich nun auf ein paar Tage im Kreise seiner Liebsten. Seinem Team und seiner Freundin habe er vieles zu verdanken, sagt Sempach, der sogleich ein Beispiel liefert: «Als es mir letzte Woche schlecht ging, musste ich zu Hause nicht einmal das Geschirr abräumen.»

Berner Zeitung

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