Wie Christian Stucki vom Grünschnabel zum Evergreen wurde

Vor 15 Jahren feierte er die Siegpremiere, am Sonntag will Christian Stucki zum sechsten Mal am «Seeländischen» triumphieren. Die Verbundenheit mit dem Heimfest ist gross.

Makellos: Am «Seeländischen» 2017 in Meinisberg gewinnt Christian Stucki sämtliche Gänge mit der Note 10.

Makellos: Am «Seeländischen» 2017 in Meinisberg gewinnt Christian Stucki sämtliche Gänge mit der Note 10. Bild: Andreas Blatter

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Simon Ammann war noch kein Harry Potter und schon gar kein Herr der (Olympia-)Ringe. Roger Federer hatte noch kein Grand-Slam-Turnier gewonnen. Aber Christian Stucki war im Mai 2001 bereits Kranzschwinger. Gerade 16 geworden, wurde er am «Seeländischen» in Kallnach Fünfter, die Treichel vom Erfolg am Heimfest hängt nach wie vor zu Hause in Lyss.

Mittlerweile 33, stöbert Stucki mehr schlecht als recht in den vagen Erinnerungen. Ein Grünschnabel sei er damals gewesen, «einer, der einfach ein wenig geschwungen hat, ohne grosse Ambitionen», erzählt der Hüne. «Aber natürlich war ich schon damals grösser und schwerer als die meisten Konkurrenten.»

Nun, 17 Jahre später, ist Stucki noch immer dabei, wieder am «Seeländischen», gilt er am Sonntag in Dotzigen als Topfavorit. Als «irrsinnig» bezeichnet er den Verlauf seiner Karriere, vor allem die lange Dauer hatte er sich nicht ausgemalt. Und: «So bald will ich nicht aufhören.»

Das kultige Interview

Um die Dimensionen zu verstehen, hilft ein Blick auf die einstige Gegnerschaft. Wie Stucki kämpften an jenem Frühlingstag in Kallnach Silvio Rüfenacht, Schwingerkönig von 1992, aber auch Samuel Feller, mittlerweile als eidgenössischer technischer Leiter tätig. Längst haben die beiden aufgehört, Stucki seinerseits ist bei 120 Kränzen und 41 Festsiegen angelangt, ist vor kurzem als erster Schwinger zum Laureus-Botschafter ernannt worden.

Als Person des öffentlichen Interesses hat er unzählige Interviews gegeben, wobei kaum eines so kultig ist wie eines der ersten. Nach dem Premierenkranz wurde er vom Bieler Regionalfernsehen TeleBielingue ins Studio eingeladen. Schulbub Stucki stand also da, ein Kopf grösser als der bedauernswerte Moderator, 125 Kilogramm schwer, blond-orange ­gefärbte Haare, blau geblümtes Hemd.

Und vor allem: Überaus schüchtern und verlegen. «Zum päägge» sei dieses Video, sagt Stucki, der – Youtube sei Dank – deswegen noch heute von Kollegen aufgezogen wird. Modetechnisch habe ihn damals niemand beraten, erzählt Stucki schmunzelnd. «Jeder hat schliesslich seinen Fauxpas zugut.»

Der andere Fokus

Er sei professioneller und älter geworden, meint Stucki, ein wenig schlauer auch. Hatte er an den Festen früher mit diesem und ­jenem posiert, jeden gegrüsst, mit jedem gesprochen, schirmt er sich mittlerweile zumindest ein wenig ab. Hatte er Interviews früher mit dem Vermerk «Schrib was de wotsch» beendet, fragt er heute, ob er vor dem Druck «churz cha drüberluege». Stucki ist aggressiver geworden, zielstrebiger, «ich weiss mehr denn je, dass ich Erfolg haben will».

Geblieben ist die Verbundenheit mit seinem Heimfest. Fünfmal (2003, 2009, 2010, 2011 und 2017) hat er am «Seeländischen» obenaus geschwungen, keinen anderen Wettkampf häufiger für sich entschieden. Der Fokus sei jeweils ein anderer als vor den übrigen Gauverbandsfesten.

Stucki ist Seeländer durch und durch, bezeichnet sich als «Väterchen für die Junioren», wird irgendwann mal eine Funktionärsrolle einnehmen. Gross sei der Zusammenhalt, sagt Stucki, der zwischen 2010 und 2012 im Schlussgang des Heimfestes jeweils gegen Trainingskollege Florian Gnägi antrat.

Beim ersten Aufeinandertreffen bodigte er Gnägi wenige Sekunden vor Schluss, 2012 war er es, der in der letzten Minute den Kürzeren zog respektive sich fallen liess. Mit dem Verdacht der Absprache war es nicht weit her; darauf angesprochen, lächelt Stucki und meint, so was gehöre sich doch nicht. Und fügt sogleich an, dass man schon geschaut habe, dass ein Seeländer gewinnen werde.

Die Sache mit dem Velo

Christian Stucki ist ein Evergreen des Schwingsports geworden. Er befindet sich in der 19. Saison als Aktiver, und er staunt, wie sehr sich die Szene entwickelt hat seit seinem Debüt auf Kranzfeststufe, 2000 in Bellmund, natürlich an einem «Seeländischen».

1900 Zuschauer waren damals zugegen, am Sonntag werden es rund dreimal so viele sein. In Dotzigen, unweit von Diessbach gelegen, wo er aufgewachsen ist, wird Stucki «wohl die Hälfte des Publikums kennen». Den bakteriellen Infekt im Hals, dessentwegen er aufs «Bern-Jurassische» verzichten musste, ist auskuriert, nach knapp dreiwöchiger Schwingpause ist der Unspunnen-Sieger wieder fit.

Womit wir beim richtigen Stichwort wären: Im legendären TV-Interview machte der Moderator beim jungen Stucki Koordination und Kondition als Schwachpunkte aus, worauf der Forstwart-Lehrling entgegnete, er fahre immerhin stets mit dem Velo zur Arbeit. Auf die Frage, ob er dies noch immer tue, antwortet der zweifache Familienvater mit einem kurzen «Jää chasch dir vorsteue». (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.06.2018, 11:40 Uhr

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