Hoher Puls vor grosser Kulisse

Bern und die Tour de Suisse – die Verbindung bietet auch an einem Montagabend beste Unterhaltung. Die Bilder der Schlussphase sind spektakulär, die Fahrer jedoch bewegen sich auf schmalem Grat.

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Der Aargauerstalden ist weder sonderlich lang noch sonderlich steil. Doch wer ihn kennt, beispielsweise als Teilnehmer des Grand Prix von Bern, der weiss genau: Unterschätzen sollte man ihn nicht. Koen de Kort scheint ihn nicht zu kennen. Das lässt sich zumindest aus der resoluten Art schliessen, in welcher sich der Radprofi aus Holland den Klösterlistutz hochwuchtet und den Schlussanstieg der dritten Tour-de-Suisse-Etappe in Angriff nimmt.

De Kort ist 34-jährig, als Anfahrer des endschnellen John Degenkolb bekannt. Der Deutsche, im Trek-Team Nachfolger Fabian Cancellaras, steht unter Druck; noch fehlt das Erfolgserlebnis. De Kort tritt in die Pedale, als gäbe es kein Morgen; nach der Hälfte der Steigung sind die Reserven aufgebraucht. Stefan Küng ist zu diesem Zeitpunkt bereits geschlagen.

Albasinis Gedanken

Rund zehn Kilometer vor dem Ziel verlor der Leader die Position hinter seinen das Feld an­führenden BMC-Kollegen. Diese registrierten den Rückfall nicht, hielten das Tempo weiterhin hoch. Worauf sich Küng auf dem Kopfsteinpflaster der Altstadt zurückzukämpfen versuchte und dabei jene Energie liegen liess, die ihm auf den letzten zwei Kilometern fehlt. Als De Kort erwähnten Antritt lancierte, war es um den 23-Jährigen geschehen.

Bern, mit reichlich Tour-de-Suisse-Erfahrung ausgestattet, vermag als Gastgeberin auch am Montagabend zu überzeugen. Der Aufmarsch fällt wie erwartet nicht ganz so üppig aus wie vor zwei Jahren, als in der Bundesstadt am Sonntag der Gesamtsieger gekürt wurde. Trotzdem sind an jeder Ecke Zuschauer auszumachen. Sie erleben spektakuläre Szenen, die Fahrer zahlreiche Richtungswechsel – der Grat zwischen Sieg und Sturz ist schmal.

«Die einen nennen es spektakulär, die anderen gefährlich», wird Michael Albasini später festhalten. Der 37-Jährige dürfte die Abfahrt auf dem Muristalden im Kopf haben, die scharfe Linkskurve auf die mit Pavé-Steinen belegte Nydeggbrücke inklusive.

Dumoulins Ausgangslage

Auf der Zielgeraden angekommen, atmen die Favoriten kurz durch, beäugen sich gegenseitig. Degenkolb ist präsent, Peter Sagan auch. Greg van Avermaet hingegen fehlt, ebenso Philippe Gilbert, der Sieger von Cham. Nikias Arndt nutzt die Gunst des Moments, setzt sich an die Spitze, pedalt 200 Meter lang im dunkelroten Bereich, ebnet dem an seinem Hinterrad klebenden Teamkollegen Michael Matthews den Weg zum Triumph.

Der Australier hält die Hochkaräter auf Distanz – womöglich auch, weil sich Letztere ins Gehege kommen, sich sogar touchieren. Degenkolb verwirft nach dem Zielstrich die Hände, seine Geste Richtung Sagan lässt sich nicht falsch interpretieren.

Die Sunweb-Mannschaft avanciert zur grossen Siegerin von Bern. Matthews übernimmt die Spitze in der Gesamtwertung, Tom Dumoulin stösst auf Platz 2 vor. Vor der Fahrt über den Col des Mosses befindet sich der Giro-d’Italia-Gewinner in hervorragender Ausgangslage.

Küng, der Entthronte, setzt die Landesrundfahrt als Helfer fort. Ihm sei vom Respekt erzählt worden, welcher dem Träger des Gelben Trikots entgegengebracht werde, lässt er verlauten. Und ergänzt lächelnd, das müsse früher so gewesen sein. «Es ist unglaublich, wie viele mir vor den Karren gefahren sind.» Er atmet schwer, gesteht, in der Schlussphase gelitten zu haben. Am Aargauerstalden, versteht sich.

Berner Zeitung

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