Väterchen Frost empfängt Köniz

Köniz-Trainer Guillermo Gallardo sorgt hinter dem Ural für Gesprächsstoff. In Jekaterinburg fallen den Volleyballerinnen die Augen zu.

Drei Frauen im Schnee: Sarina Schafflützel, Antonina Bisserowa-Poljakowa und Anika Schulz (von links) posieren vor der Skyline in Jekaterinburg.

Drei Frauen im Schnee: Sarina Schafflützel, Antonina Bisserowa-Poljakowa und Anika Schulz (von links) posieren vor der Skyline in Jekaterinburg.

(Bild: Thomas Wälti)

Als der Bus mit den Könizer Volleyballerinnen in Jekaterinburg den Flughafen verlässt, fällt am Strassenrand eine Tafel auf: «Chanty-Mansijsk – 1088 Kilometer» steht in kyrillischer Schrift geschrieben. Willkommen im russischen Riesenreich. Auch der Eisfischer neben dem schneebedeckten Prospekt entbehrt auf dem Weg ins Stadtzentrum nicht einer gewissen Symbolik. Volley Köniz muss über sich hinauswachsen, wenn es heute (13.30 Uhr, MEZ) einen grossen Volleyballfisch an Land ziehen will. Im Achtelfinalrückspiel des CEV-Cups wartet mit dem russischen Traditionsverein Uralotschka Jekaterinburg ein vermutlich übermächtiger Gegner. 0:3 verlor Köniz im Hinspiel gegen den 8-maligen Champions-League-Gewinner.

Als der Bus am Wahrzeichen Jekaterinburgs, der Blutskathedrale, vorbeifährt, schlafen die meisten Könizerinnen. Sie interessieren sich nicht für das Gotteshaus, wo 1918 die Zarenfamilie Romanow ermordet wurde. Die Bernerinnen sind müde nach der Reise von Köniz in die 3700 Kilometer Luftlinie entfernte Millionenstadt hinter dem Uralgebirge. 3:25 Stunden dauerte der Nachtflug mit der Aeroflot von Zürich nach Moskau, 2 Stunden jener von der russischen Hauptstadt nach Jekaterinburg, wo die Uhren anders ticken. 5 Stunden beträgt der Zeitunterschied zur Schweiz.

Den Spielerinnen kriecht die Kälte das Hosenbein hoch, als sie sich von der Flughafenhalle zum Busterminal verschieben. Minus 10 Grad zeigt das Thermometer an, und es soll kälter werden. Der starke Wind wirbelt den Schnee auf. Nach der Ankunft im eigenen Hotel von Gastgeber Uralotschka wird den verschlafenen Gästen ein Mittagessen serviert. Es gibt gemischten Salat, Pilzsuppe und Poulet an einer würzigen Peperonisauce. Nach der Mahlzeit legen sich die Spielerinnen abermals aufs Ohr – nicht aber Trainer Guillermo Gallardo: Der 43 Jahre alte Argentinier beauftragt die Rezeptionistin, ihm für 30 Minuten den Fitnessraum zu reservieren. Nach dem Videostudium trainiert Köniz im 5000 Zuschauer fassenden Sportpalast von Uralotschka.

«Ich habe kein Problem mit dem Jetlag», sagt Tonja Bisserowa-Poljakowa. Um mit einem Schmunzeln anzufügen: «Mein 13 Monate alter Sohn Alexander lässt mich zu Hause auch nie durchschlafen.» Die 29 Jahre alte Ukrainerin fungiert in der viertgrössten Stadt Russlands gewissermassen als Delegationsleiterin. Stets ist die aufmerksame Aussenangreiferin zur Stelle, wenn es ein sprachliches Problem zu lösen gilt. Gallardo allerdings erstaunt die Reisegruppe, weil er sich mit ein paar Brocken Russisch selber durchschlagen kann. Und geht das Gespräch für einmal nicht mehr weiter, hilft ihm sein entwaffnender Charme.

Gallardo ist Realist genug, um einzusehen, dass Volley Köniz heute wohl von der europäischen Bühne abtreten wird. Seinen «Mädels», wie er seine Spielerinnen liebevoll ruft, würde er wenigstens einen Satzgewinn gönnen. «Das wäre gut für das Selbstvertrauen.» Der Übungsleiter betont, dass ihm die Spiele am Wochenende gegen Neuenburg und im Cup gegen Schaffhausen mehr bedeuten als der heutige Vergleich gegen den 25-fachen Landesmeister. Dennoch erzählt Gallardo eine Anekdote, die vermuten lässt, dass er den Achtelfinal gegen Uralotschka noch nicht abgehakt hat. Die Geschichte ereignete sich vor zwei Jahren. Gallardo traf im CEV-Cup mit den Roten Raben Vilsbiburg auf das russische Weltklasseteam Krasnodar. Nachdem der Bundesligist im Hinspiel 1:3 verloren hatte, schickte Gallardo in Südrussland die zweite Garnitur aufs Feld – und siehe da: «Wir gewannen 3:2, verloren den Golden Set (ein zusätzlicher Satz bis 15 Punkte, die Red.) gegen den russischen Vizemeister jedoch 15:17. Der Sport lebt von Überraschungen.»

Eine Überraschung erleben heute auch die Könizerinnen: Guillermo Gallardo teilt ihnen mit, dass er als Nationaltrainer das rumänische Frauenteam in der WM-Qualifikation betreuen wird. Das Ausscheidungsturnier findet vom 3. bis 5.Januar 2014 in Ankara statt. Die favorisierte Türkei, Rumänien mit der angeschlagenen Könizer Aussenangreiferin Ioana Nemtanu, Zypern und die Ukraine kämpfen um ein WM-Ticket. Gallardo rückt mit der rumänischen Auswahl bereits am 23.Dezember in ein Trainingslager ein. Bis zu Gallardos Rückkehr am 6.Januar wird Assistenztrainer Luca Tarantini die Geschicke von Volley Köniz lenken.

Berner Zeitung

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