Tschussowitina oder Steingruber?

Giulia Steingruber gehört in Bern zu den Medaillenanwärterinnen. Nun erschwert die 22-Jährige ihren Sprung hinsichtlich Olympia. Doch wie funktioniert das eigentlich?

Quelle: Youtube.com/Baku 2015 European Games

Marco Oppliger@BernerZeitung

Es gibt keine Zweifel: Wenn die besten Kunstturnerinnen Europas heute in der Postfinance-Arena um den Einzug in die Gerätefinals kämpfen, dann gehört Giulia Steingruber am Sprung zu den grossen Favoritinnen. Die 22-Jährige gewann 2013 und 2014 in dieser Disziplin den EM-Titel, im Vorjahr wurde sie Zweite.

Doch was auf kontinentaler Ebene top ist, reicht im Wettkampf mit den Weltbesten nicht für ganz nach vorne. Deshalb entschloss sich Steingruber, ihren Sprung im Hinblick auf die Olympischen Spiele in Rio zu erschweren.

Dem Tschussowitina – einem Überschlag mit Salto vorwärts gestreckt und eineinhalbfacher Schraube – fügt sie eine halbe Drehung um die Längsachse hinzu. Hunderte von Trainingsstunden hat die St. Gallerin bereits darin investiert. Denn die Erschwerung eines Sprungs ist mühsame Detailarbeit.

Die Bernerzeitung.ch/Newsnetz erklärt mithilfe des Seeländer Kunstturners Claudio Capelli, was beim Sprung wichtig ist:

Der Anlauf:

Maximal 25 Meter dürfen die Kunstturnerinnen bis zum Sprungbrett anlaufen. An dieser Stelle sind Kraft und Explosivität gefragt. Die Athletin steigert die Geschwindigkeit bis zum Sprungbrett kontinuierlich. Im Gegensatz zu den Stabhochspringerinnen, die ebenfalls die Kraft des Anlaufs nutzen, folgen die Turnerinnen keiner einstudierten Schrittfolge.

«Du machst das so oft im Training, irgendwann läuft dieser Anlauf automatisch ab», erklärt Capelli. Wichtig ist einzig, dass die Turnerin immer mit demselben Bein abspringt – bei Steingruber ist es das rechte.

Der Einsprung auf das Sprungbrett:

Das Sprungbrett liegt direkt vor dem Sprungtisch. Nach dem Anlauf springt die Turnerin wuchtig auf das gefederte Gerät. Wichtig ist hierbei, dass der Schwerpunkt des Oberkörpers etwas hinten liegt, damit sie mit vollem Schwung zum Sprungtisch abhebt.

Der Absprung vom Sprungbrett:

Es sind Sekundenbruchteile, in welchen die Turnerin vom Sprungbrett zum Sprungtisch befördert wird. In dieser extrem kurzen Zeit muss sie die Beine nach oben bringen und die Arme nach vorne ausstrecken, um sich vom Sprungtisch abstossen zu können. Im Fachjargon spricht man vom Abdruck.

Auf dem Sprungtisch:

Die Turnerin fliegt kopfvoran auf das Gerät zu, stösst sich dann kräftig mit den Händen ab und leitet den Überschlag mit Salto vorwärts gestreckt ein. Wichtig ist hier: Die Schultern müssen nach aussen drehen. Anschliessend gilt es sofort eine gestreckte Körperhaltung einzunehmen.

Der Kopf muss ebenfalls gestreckt sein. Damit lässt es sich besser «schrauben» – was bei Steingrubers neuem Sprung entscheidend ist. Weil sie sich zweimal um die Längsachse dreht, benötigt sie in der Luft entsprechend Rotation.

Die Landung:

Bei Steingrubers neuem Sprung die heikelste Phase. Beim Tschussowitina hat sie mehr Zeit in der Luft, kann sich deshalb früher auf die Landung vorbereiten. Zudem erfolgt diese rückwärts, also mit dem Blick gegen den Sprungtisch. «Somit siehst du den Boden, kannst also noch korrigieren, wenn die Landung nicht optimal sein sollte», erklärt Capelli.

Anders verhält es sich beim neuen Sprung. Durch die zusätzliche halbe Drehung um die Längsachse landet sie vorwärts. Es ist ein «blinde Landung», weil Steingruber den Boden nicht sieht. Entsprechend klein ist die Chance zur Korrektur. Deshalb gibt es nur ein Mittel: üben, üben, üben.

Im Training springt Steingruber deshalb oftmals direkt vom Sprungtisch mit zwei Schrauben. Dies soll dazu führen, ein Gefühl für die Flugphase respektive die Landung zu bekommen.

Der Steingruber-Sprung

Zeigt Steingruber den Überschlag mit Salto vorwärts gestreckt und zweifacher Schraube als erste Frau an einem internationalen Wettkampf, wird er in den «Code de pointage» aufgenommen und nach ihr benannt. An der EM dürfte dies kaum geschehen, weil Steingruber den Sprung erst demonstrieren will, wenn er wirklich sitzt.

Das Risiko einer Verletzung wäre sonst zu hoch. Und ihr grosses Ziel in dieser Saison sind bekanntlich die Olympischen Spiele. Der neue Sprung hat einen höheren Ausgangswert als der Tschussowitina, bei perfekter Ausführung liegt in Rio eine Medaille in Reichweite.

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