Steingruber lässt Bern jubeln

Giulia Steingruber brilliert zum Abschluss der Kunstturn-EM. Am Sprung und am Boden sichert sich die St. Gallerin den Europameister-Titel. Die EM in Bern wird aus Schweizer Optik in bester Erinnerung bleiben.

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Vor Begeisterung schnellen die 6000 Zuschauer in der Postfinance-Arena in wenigen Sekunden von ihren Sitzen. Tosender Applaus. Jubelschreie. Und mittendrin strahlt Giulia Steingruber. Eben hat die 22-Jährige ihre Bodenübung vorgetragen. Erschwert hatte sie diese in den letzten Monaten, in der Qualifikation am Donnerstag jedoch noch nicht das volle Rendement demonstriert. Doch im Gerätefinal legt sie die Karten auf den Tisch, zeigt erstmals einen Doppelsalto gestreckt mit ganzer Schraube.

Die Kampfrichter honorieren die Leistung mit 15,200 Punkten. Wieder tosender Applaus, wieder Jubelschreie. Steingruber jedoch bleibt – zumindest optisch – gelassen, sie will sich zuerst die Konkurrentinnen ansehen. Und diese zeigen entweder Nerven – wie die Qualifikationssiegerin Claudia Fragapane aus Grossbritannien. Oder sie erreichen trotz guter Leistung nicht die Punktzahl Steingrubers – wie die rumänische Altmeisterin Catalina Ponor.

Es ist kurz vor 13.30 Uhr, als die St. Gallerin die Gewissheit hat, nach zwei Bronzemedaillen 2014 und 2015 am Boden erstmals EM-Gold gewonnen zu haben. «Ich wollte nochmals zeigen, dass ich gerne am Boden turne», hält sie fest. «Und das Publikum war genial, es hat mir viel Kraft ge­geben.»

Am letzten Tag der EM in Bern steht der Höhepunkt auf dem Programm: Die Gerätefinals der Frauen. Es ist der einzige Wettkampftag, an welchem sämtliche Tickets bereits im Vorfeld abgesetzt wurden. Deshalb entschlossen sich die Organisatoren Mitte Woche, die grosse Stehplatztribüne zumindest teilweise zu öffnen, um knapp 300 weiteren Besuchern Einlass zu gewähren.

Und das Publikum macht deutlich, weshalb es erschienen ist. Fähnchen werden geschwenkt, kleine Mädchen liessen sich Schweizer Wappen auf die Wangen malen, sie halten «Hopp Giulia»-Poster in die Höhe. Um 11 Uhr laufen die Finalistinnen ein, sie werden namentlich vorgestellt. Als Steingruber an der Reihe ist, wird es erstmals laut in der Halle. Die Ausgangslage ist klar: Am Stufenbarren bestehen zwar kaum Medaillenchancen, am Sprung und am Boden jedoch wird von ihr Edelmetall erwartet.

Bereits zum Auftakt strapaziert Steingruber die Nerven der Zuschauer. Ihr erster Sprung – der Tschussowitina – gelingt zwar formidabel. Doch beim zweiten, dem Jurtschenko mit Doppelschraube, muss sie nach der Landung mit einem Schritt zur Seite korrigieren. Kostet dieser den Sieg? Das Zittern erreicht seinen Höhepunkt, als die Britin Elissa Downie als achte und letzte Turnerin antritt. Sie bleibt winzige 0,05 Punkte hinter Steingruber.

Tosender Applaus. Jubelschreie. Die St. Gallerin sichert sich nach 2013 und 2014 zum dritten Mal EM-Gold im Sprung. «Vor dem zweiten Sprung war ich extrem nervös, denn manchmal erscheint immer noch die Situation von Glasgow in meinem Kopf.» Zur Erinnerung: An der WM 2015 hatte sie sich nach verunglückter Landung beim Jur­tschenko mit Doppelschraube am rechten Knie verletzt.

Im Schatten der Ausnahmeathletin liefert Ilaria Käslin als zweite Schweizerin in den Gerätefinals ebenfalls eine starke Leistung. Die Tessinerin überzeugt am Schwebebalken, doch bekundet sie Pech. Weil sie die Zeitlimite um eine Sekunde überschreitet, wird ihr ein Zehntel abgezogen. In der Endabrechnung belegt Käslin Rang vier – 0,033 Punkte hinter Ponor. «Als das zweite Piep ertönte, befand ich mich bereits beim Abgang in der Luft. Diese Sekunde tut mir schon ein bisschen weh, aber ich kann es nicht ändern», meint Käslin.

Ihr Trainer Zoltan Jordanov sagt, die Zeitüberschreitung sei der Unerfahrenheit geschuldet. «Das war unglücklich, aber sie hat es trotzdem sehr gut gemacht.» Selbiges lässt der Ungar auch über Steingruber verlauten. «Es hat sich ausbezahlt, hat Giulia am Boden ihre Olympiaübung gezeigt», meint er lächelnd. Selbstverständlich ist dies nicht: Keine 24 Stunden zuvor stand sie im Teamfinal, führte die Schweizer Equipe auf Rang 4 – es ist das beste Ergebnis in der Geschichte.

Am Sonntag trat die 22-Jährige überdies noch am Stufenbarren an, erreichte dort immerhin den respektablen 6. Platz. Es überrascht kaum, hält Steingruber nach dem Wettkampf fest: «Ich bin müde, aber glücklich.»

Es ist 13.30 Uhr, als in Bern zum zweiten Mal die Schweizer Hymne gespielt wird. Steingruber verzieht keine Miene. «Ich möchte gerne mehr Emotionen zeigen, aber es gelingt mir nicht.» Sie setzte den Schlusspunkt unter eine für die Gastgeber überaus erfolgreiche EM. Sieben Medaillen gewannen sie – und das Beste kam zum Schluss. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.06.2016, 21:57 Uhr

Keine Medaillen für die Juniorinnen

Für den Schweizerischen Turnverband war die Europameisterschaft in Bern aus sportlicher Optik die erfolgreichste der Geschichte. Insgesamt sieben Medaillen (zweimal Gold, zweimal Silber, dreimal Bronze) und 20 Diplome gewannen die Gastgeber in der Postfinance-Arena.

Kein weiteres Edelmetall steuerten am Sonntag die Juniorinnen bei. Lynn Genhart, die im Mehrkampfinal sensationell Silber gewonnen hatte, wurde am Stufenbarren Fünfte. Livia Schmid erreichte am Sprung den 7. Platz, und Leonie Meier wurde am Stufenbarren Achte.

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