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«Spiel ist Spiel, und Freund ist Freund»

Seit Jahres­beginn führt Dimitrij Ovtcha­rov die Weltrangliste im Tischtennis an – vor allen Asiaten. «Meine Leistungen werden mittlerweile auch in China anerkannt», sagt der Deutsche.

Vermehrt im Scheinwerferlicht: Dimitrij Ovtcharov ist seit Jahresbeginn die Nummer 1 der Welt.
Vermehrt im Scheinwerferlicht: Dimitrij Ovtcharov ist seit Jahresbeginn die Nummer 1 der Welt.
Robertus Pudyanto (Getty Images)

Sie sind seit Anfang 2018 die Nummer 1 der Welt. Wo steht diese Leistung in Ihrer persönlichen Erfolgsrangliste?Dimitrij Ovtcharov: Ich habe das Glück, viele tolle Erfolge gefeiert zu haben; ich denke da zum Beispiel an die Olympiamedaille und die Europameistertitel. Aber die Nummer 1 zu werden, stufe ich am höchsten ein. Ich kann kaum in Worte fassen, was mir dies bedeutet, und es noch kaum glauben, dass ich den Sprung an die Spitze der Weltrangliste geschafft habe. Es macht mich sehr stolz, die Nummer 1 zu sein. Es ist auch ein Erfolg für alle, die mich jahrelang unterstützt haben, und er gibt uns viel Auftrieb.

Inwiefern hat sich Ihr Leben verändert? Ich persönlich habe ein etwas anderes Gefühl, weil ich etwas geschafft habe, was mir niemand mehr wegnehmen kann. Zudem hat die Resonanz zugenommen, in Deutschland, aber vor allem in Asien, allerdings nicht erst seit Anfang Jahr. Mein erster Platz im World Cup und meine Siege gegen Lin Gaoyuan sowie Fan Zhendong wurden in China schon wahrgenommen. Das Interesse an meiner Person ist in den letzten Monaten massiv gestiegen.

Obwohl Tischtennis in Deutschland eine kleine Sportart ist, werden Sie also nicht mehr gefragt, was Ihr richtiger Beruf sei. Diese Frage habe ich früher häufig gehört, mittlerweile kommt es aber nur noch ganz selten vor. Es sprechen mich nun regelmässig Leute an und sagen «Toll gemacht». Das ändert aber nichts daran, dass Tischtennis in Deutschland anders als in Asien eine Randsportart ist.

Haben Sie mal ausgerechnet, wie viele Stunden Sie pro Jahr an der Platte stehen oder wie viele Bälle Sie schlagen? (lacht) Nein, das habe ich mir noch nie überlegt. Aber es sind unzählige Ballkontakte.

Wie sieht ein normaler Trainingstag aus? Ich bringe meine Tochter gegen 8 Uhr in den Kindergarten und fahre gleich weiter zur Halle. Nach einem 30-minütigen Aufwärmen folgen plus/minus zwei Stunden Tischtennis. Danach übe ich 20 Minuten Aufschläge, und am Schluss erhalte ich eine kurze Massage. So um 13 Uhr bin ich zu Hause, wo ich esse und mich erhole. Gegen 16 Uhr fahre ich wieder los, und dann beginnt das Ganze von vorn. Zwischen halb acht und acht bin ich abends daheim, das Training nimmt also den ganzen Tag in Anspruch.

Es gibt Leute, die monieren, Sie verdankten die Nummer 1 in erster Linie dem neuen Ranglistensystem. Wie gehen Sie mit dieser Kritik um? Ich empfinde das nicht als Kritik. Nach dem alten Ranglistensystem würde ich auf Position 2 stehen. Ich wäre also so oder so sehr nahe an der Nummer 1, weil ich 2017 mit Abstand am meisten Turniere gewonnen habe. Neu haben wir wie in Tennis und Badminton eine 12-Monats-Rangliste. Ich denke, das ist durchaus fair.

Ist es Ihnen wichtig, auch den Chinesen zu beweisen, dass Sie zu Recht oben stehen? Nach meinem Sieg im World Cup hiess es von einigen, ich hätte ­keinen der Top-Chinesen geschlagen und daher unverdient gewonnen. Nach dem German Open, an dem ich die derzeit besten Chinesen bezwungen hatte, mussten sie ihre Meinung revidieren. Nur gegen Olympiasieger Ma Long habe ich noch nie gewonnen, doch der leidet derzeit an einer Handgelenksverletzung. Meine Leistungen werden mittlerweile auch in China anerkannt, respektiert und gewürdigt. Es sagt heute fast keiner mehr, dass ich zu Unrecht ganz oben stehe.

An globalen Events bekleideten Sie in der Vergangenheit stets die Rolle des Chinesen-Jägers. Was bedeutet es für Sie, plötzlich der Gejagte zu sein? Im Endspiel des Grand Final in Astana (Ovtcharovs Sprung an die Rankingspitze stand schon fest / die Redaktion) schien Fan Zhendong völlig befreit aufzuspielen. Der ganze Druck war plötzlich bei mir, das war schon eine besondere Situation, an die ich mich zuerst gewöhnen muss. Ich werde aber meinen Prinzipien treu bleiben und im Training weiterhin alles für den Erfolg tun. Dann muss ich mir nichts vorwerfen, wenn ich mal ein Spiel verliere.

Am Top-16-Turnier in Montreux treten Sie erstmals überhaupt als Nummer 1 an. Genau!

Was dürfen die Schweizer Zuschauer von Ihnen erwarten? Ich mag es, in der Schweiz zu spielen. Meine Frau und ich sind sehr gern dort, deshalb habe ich in den letzten Jahren immer das Swiss Open bestritten. 2017 holte ich in Lausanne den Titel. Ich hoffe, dass viele deutsche Zuschauer nach Montreux kommen werden und ich von einem kleinen Heimvorteil profitieren werde. Ich möchte eine gute Leistung erbringen und das Turnier für mich entscheiden. Aber mir ist klar, dass auf mich keine einfache Aufgabe wartet.

In Europa ist Landsmann und Freund Timo Boll Ihr stärkster Gegner. Welchen Einfluss hatte er auf Ihre Karriere? Einen grossen. Zwischen 2007 und 2012 trainierten wir sehr viel zusammen, ich übernachtete oft bei ihm zu Hause. Ich profitierte von seiner Aura, seinem Spiel­verständnis und vor allem vom harten Training mit ihm. Er war damals noch viel besser als ich, das half mir, mich zu entwickeln, rasch vorwärtszukommen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

2017 holten Sie die drei wichtigsten Titel ausgerechnet mit Finalsiegen gegen Boll. Sind Partien gegen Ihn etwas Besonderes für Sie? Klar, diese Matchs sind für uns beide speziell. Ich hätte jeweils lieber gegen einen anderen den Final bestritten; es tat mir etwas leid, Timo schlagen zu müssen. Aber wir sind Profis, wenn wir die Box betreten und der Wettkampf losgeht, gibt jeder sein Bestes – da muss man die Freundschaft ausblenden. Nach dem Turnier können wir über unser Duell reden, aber Spiel ist Spiel, und Freund ist Freund.

Sie haben mal gesagt, man verdiene im Tischtennis zu wenig... ... ich habe mich nicht beklagt, dass man im Tischtennis generell zu wenig verdient, sondern auf der World Tour. Nimmt man am Japan Open teil, muss man in den Viertelfinal kommen, damit die Teilnahme kein Verlustgeschäft ist. Aber von über dreihundert Spielern schaffen es nur acht in den Viertelfinal.

Wer im Tischtennis nach vorn kommen will, muss Millionen von Bällen schlagen. Wie ist es möglich, dass der Japaner Tomakazu Harimoto mit 14 Jahren schon die Weltnummer 11 ist? Dies Frage kann ich Ihnen nicht beantworten; so etwas hatte ich nicht für möglich gehalten. Bisher habe ich ihn zwar immer bezwungen, aber es ist unglaublich, wie gut der Junge schon ist. Kürzlich wurde er japanischer Meister. Sein Niveau ist unfassbar – man weiss nicht, wohin das noch führen soll.

Gibt es eine Regel, die Sie ändern würden, wenn Sie die Macht dazu hätten? Ich finde unseren Sport sehr schön, so wie er ist. Wir haben in den letzten Jahren genug Regeländerungen erlebt.

Es wird diskutiert, das Netz um einen Zentimeter zu erhöhen. Was halten Sie davon? Überhaupt nichts!

Im Tischtennis existiert der Ausdruck «Schlägerdoping». Wie muss man sich das vorstellen? Der Ausdruck ist zu hart; ich würde es eher «Schlägertuning» oder «Nachbearbeitung des Schlägers» nennen. Es soll Spieler geben, die ihren Schläger mit Babyöl einreiben. Ob das etwas bringt, kann ich nicht beurteilen.

Sie haben den Ruf, ein extrem harter Arbeiter zu sein. Können Sie nach zwanzig Jahren intensiven Trainings überhaupt noch besser werden? Diese Frage habe ich mir nach den Olympischen Spielen in Rio auch gestellt. Doch letztes Jahr machte ich einen grossen Schritt vorwärts, indem ich mein Spiel etwas ökonomischer gestaltete. Ich spiele mit weniger Power und Körpereinsatz, dafür mit mehr Intelligenz – das hat sich sehr positiv ausgewirkt. Ich versuche nun, mein Spiel auch 2018 in diese Richtung weiterzuentwickeln.

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