Plötzlich Weltklasse

Kanada ist im Wintersport eine Grossmacht. Nun sorgen die Kanadier auch im Beachvolleyball für Furore. In diesem Jahr spielen gleich mehrere Teams an der Weltspitze mit – trotz fehlender finanzieller Unterstützung.

Marco Oppliger@BernerZeitung

Es ist zum Verzweifeln. Joana Heidrich und Nadine Zumkehr versuchen in diesem dritten Gruppenspiel alles, um Sarah Pavan/Heather Bansley zu bezwingen. Doch sie scheitern immer wieder an Pavan – dieser 1,96 Meter grossen Blockerin. So sind es die Kanadierinnen, welche direkt in den Achtelfinal einziehen, derweil die Schweizerinnen den Umweg über den Sechzehntelfinal nehmen müssen. Überraschend ist dies keineswegs.

So erfolgreich wie in diesem Jahr waren kanadische Teams auf der World Tour noch nie. Bei den Frauen stehen mit Bansley/Pavan (2), Jamie Lynn Broder/Kristina Valjas (4) und Taylor Pischke/Melissa Humana Paredes drei Teams in den Top 15 der Weltrangliste; bei den Männern spielen Josh Binstock/Sam Schachter (7) sowie Ben Saxton/Chaim Schalk (13) vorne mit.

Zum Vergleich: Die USA – gemeinsam mit Brasilien die dominierende Nation im Beachvolleyball – sind bei den Frauen mit einem, bei den Männern mit zwei Duos in den Top 15 vertreten.

Heute lacht niemand mehr

Steve Anderson nahm sich die erfolgreichen kanadischen Wintersportler zum Vorbild, als er 2013 seine Stelle als Beachvolleyball-Headcoach beim kanadischen Verband antrat. Gemäss einem Artikel auf der offiziellen Internetseite des «Canadian Olympic Team» hat der US-Amerikaner zu Beginn seiner Tätigkeit das ganze Kader versammelt und dann in die Runde gefragt: «Wann seid ihr zum letzten Mal mit der Einstellung aus einem Flugzeug gestiegen, dass ihr ein World-Tour-Turnier gewinnen werdet?»

Als Reaktion darauf erntete er schallendes Gelächter. Doch Anderson liess sich nicht verunsichern und hakte nach. Eishockey sei doch eine kanadische Sportart, meinte er zu den lachenden Athleten, «und jede Mannschaft steigt mit der Erwartungshaltung aus dem Flugzeug, zu gewinnen. Ich dachte, diese Einstellung gelte für alle kanadischen Sportler.»

Heute würde bei entsprechender Frage gewiss kein Athlet mehr lachen. Zum Saisonauftakt siegten Broder/Valjas am Open in Fouzhou (China) – es war die erste Medaille für ein kanadisches Frauenduo auf der World Tour überhaupt. Mittlerweile sind die Kanadierinnen in diesem Jahr bei vier Podestplätzen angelangt, je zwei für Broder/Valjas und Bansley/Pavan. Zudem wurden Binstock/Schachter beim Major-Turnier in Porec (Kro) erst im Final vom holländischen Spitzenduo Brouwer/Meeuwsen gestoppt.

Was lange währt

Als Hauptgrund für den momentanen Erfolg der kanadischen Teams nennen Bansley und Pavan die Kontinuität. Sie spielen die dritte gemeinsame Saison. «Wir wissen, wie die andere funktioniert», hält die Blockerin fest. «Viele Nationen wechseln ihre Teams ständig. Doch diejenigen, die nun Erfolg haben, spielen bereits länger zusammen.» Im Beachvolleyball müsse man vor allem wissen, was die Partnerin in welcher Situation brauche und wie man miteinander kommuniziere. «Das ist sehr komplex.»

Trotz allem Erfolg, Beachvolleyball ist in Kanada eine Randsportart. Angesprochen auf die finanzielle Unterstützung, lacht Pavan und antwortet dann: «Was ist das?» Die Kosten für Reisen, Hotels, Verpflegung und die Coachs zahlen die Athletinnen aus der eigenen Tasche. «Das ist eine weitere Motivation, gut zu sein und entsprechend Preisgeld zu gewinnen», hält Bansley fest. Es ist nur logisch, dominieren in einem Land, in welchem die Winter lange und vor allem eiskalt sind, Wintersportarten – allen voran Eishockey. Doch gerade junge Leute würden sich je länger, je mehr für Beachvolleyball interessieren, sagt Bansley.

Die Verantwortlichen hoffen, die Popularität durch die Ausrichtung der Pan-American-Games in diesem Sommer in Toronto weiter zu steigern. Dieser Anlass findet jeweils ein Jahr vor den Olympischen Sommerspielen statt. «Aber das Wichtigste diesbezüglich bleibt natürlich, dass sich eines unserer Teams für Rio qualifiziert – und dort auch gut spielt», sagt Bansley. Olympia 2016 ist das grosse Ziel des Duos. Derzeit spricht einiges dafür, dass nächsten Sommer an der Copacabana mehrere kanadische Teams antreten werden.

Berner Zeitung

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