Offenes Ohr, geschlossenes Kapitel

Als Sohn eines Schwingerkönigs hat Ruedi Roschi nicht immer einen leichten Stand gehabt. Der Oberländer hat sich dank neuem Umfeld der Berner Spitze angenähert – fast unbemerkt.

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Der Vater hatte es immer gesagt. Aber der Bub mochte nicht recht hinhören. Natürlich nicht, in den Flegeljahren, auch später nicht, nachdem er bereits von zu Hause ausgezogen war. Papa riet: «Mach weniger Krafttraining, geh häufiger in den Schwingkeller.» Der ­Junior entgegnete: «Mein Weg ist der richtige.» Heute sagt er: «Ich glaubte ihm nicht, ich wollte ihm nicht glauben. Aber ich weiss mittlerweile, dass er recht hatte.»

Der Bub, das ist Ruedi Roschi, 27, Kranzschwinger aus Thun. Der Vater, das ist David Roschi, 71, Schwingerkönig von 1972 aus Oey. So unterschiedlich die Karrieren, so ähnlich der Charakter: anständig, zuvorkommend, bescheiden. Die Anfrage fürs gemeinsame Fotoshooting lehnt Roschi senior ab, er mag sich nicht in den Vordergrund drängen. Über den Sohn erzählt man sich, er sei ein zu lieber Kerl, habe als Jungschwinger stets ein schlechtes Gewissen gehabt, wenn der Gegner nach dem Kampf ein paar Bobos verspürt habe.

Der wegweisende Anruf

Es ist lange das Problem von ­Ruedi Roschi gewesen, der fehlende Killerinstinkt, die zu geringe Aggressivität im Sägemehl. Auch deshalb hat es Jahre gedauert, bis er seinen ersten «Eidgenossen» bodigte, vergangene Saison am Unspunnen-Schwinget in Interlaken. Nicht erst nach dem Sieg über Benji von Ah hat es klick gemacht im Kopf; die mentale Blockade, die Verkrampfung im Kopf ist weg. Rang 3 belegte Roschi am eidgenössischen Anlass, im Trubel um Sieger Christian Stucki und Schlussgangteilnehmer Curdin Orlik ging seine Leistung freilich unter.

7 Kränze holte er in der vergangenen Saison, an drei Regionalfesten schwang er obenaus. Und auch heuer hat er als Zweiter am «Emmentalischen» sowie mit Platz 4 am «Mittelländischen» überzeugt. Den Aufstieg vom Mittelschwinger in die erweiterte Spitze hat der gelernte Zimmermann geschafft. Roschi aber, und da ist sie wieder, die Bescheidenheit, will davon nichts wissen. «Von der Spitze bin ich noch weit entfernt.» Unbestritten ist, dass der Oberländer einen Schritt vorwärtsgemacht hat. Aufwärts ging es ausgerechnet nach dem Tiefpunkt.

Am «Eidgenössischen» 2016 in Estavayer war es Roschi mehr schlecht als recht gelaufen. Nach sechs Gängen schied er aus, ­einige Tage später erhielt er einen Anruf des Emmentalers Matthias Siegenthaler. Dieser bot ihm einen Platz in der Trainingsgruppe von Physiotherapeut Michel Olivari an, in welche neben Siegenthaler unter anderen Bernhard Kämpf, Curdin Orlik und Willy Graber integriert sind. Der Wechsel nach Bolligen habe sich gelohnt, meint Roschi, «ich trainiere gezielter, auf allen Ebenen».

Der ständige Vergleich

Neues Team hin oder her – Papa David ist auch auf den Sport bezogen eine wichtige Bezugsperson geblieben. Nicht selten analysiert der einstige Brünig-Sieger die Gänge mit seinem Filius, er attestiert ihm das Potenzial, «Eidgenosse» zu werden. Und er ist sich bewusst, für Ruedi dann und wann eine Bürde darzustellen. «Schon als Kind wurde er immer mit mir verglichen. Dies kann belastend wirken, das habe ich früher bei den Söhnen von Ruedi Hunsperger und Karl Meli erlebt.» Derweil hat Ruedi Roschi stets betont, nicht unter der Situation zu leiden. Wobei er zugibt, im Unterbewusstsein dann und wann etwas zusätzlichen Druck verspürt zu haben. «Aber das Kapitel mit den Vergleichen habe ich geschlossen.»

Roschi, der mit der Schwester des Innerschweizer Spitzenschwingers Christian Schuler ­liiert ist, gehört am Sonntag am «Oberländischen» an der Lenk (siehe Kasten) zumindest zum erweiterten Favoritenkreis. «Mein Potenzial abrufen» nennt er sein Ziel, wobei er an den Festsieg nicht mal denken mag. Wie es geht, hat der Vater vorgemacht: Von 1972 bis 1974 gewann dieser das «Oberländische» gleich dreimal in Serie. Es war eine Zeit, in der die Athleten noch Strohballen statt Hanteln schleppten, wie ­David Roschi erzählt.

Dann und wann greifen Jung und Alt scherzhalber noch zusammen, aber nur noch in der Stube im Elternhaus im Diemtigtal, wenn keiner hinsieht. «Ich höre ihm besser zu als früher», sagt Ruedi schmunzelnd. Und der Vater entgegnet schmunzelnd: «Vielleicht habe ich gewisse Dinge früher falsch gesagt.»

Berner Zeitung

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