«Mein Vater schaut vom Himmel aus zu»

Sauber-Pilot Charles Leclerc hat vor einem Jahr seinen Vater verloren. Einen Tag später reiste er nach Baku – und siegte. Wie das möglich war.

«Dieser Speed, dieses Adrenalin» – Charles Leclerc liebt die Formel 1 und ist ein Glücksfall für Sauber. Foto: Eric Vargiolu (DPPI, AFP)

«Dieser Speed, dieses Adrenalin» – Charles Leclerc liebt die Formel 1 und ist ein Glücksfall für Sauber. Foto: Eric Vargiolu (DPPI, AFP)

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Einen 6. Rang gab es für das Sauber-Team letztmals 2015. Dann fahren Sie in Baku Ihr viertes Formel-1-­Rennen überhaupt und werden Sechster. Wie haben Sie das erlebt?
Es war schlicht ein grossartiges Wochenende. Wir spürten in den ersten drei Grands Prix, dass das Potenzial eigentlich da ist, aber ich habe nie alles zusammengebracht. Das war frustrierend. Dann kam Baku, es passte alles, es gab acht Punkte. Das ist unglaublich, wenn man bedenkt, woher wir kamen.

Sie kommen aus der Formel 2. Und Sie suchen weiter den Aufstieg. Bei Ferrari werden Sie bereits als ­Nachfolger von Kimi Räikkönen ­gehandelt. Sind Sie Ihrem Traum nun etwas näher?
Ich bin erst vier Rennen gefahren, es wäre dumm von mir, schon jetzt über so etwas nachzudenken. Das ist noch viel zu weit weg. Aber das rote Auto hatte schon immer meine volle Aufmerksamkeit, seit ich mein erstes Formel-1-Rennen sah. Und es bleibt mein Traum, irgendwann einmal bei Ferrari zu fahren. Aber ich muss mich noch in vielen Bereichen verbessern und mich noch sehr oft beweisen, bis es vielleicht soweit ist.

Wie schwierig ist es, sich als Ferrari-Nachwuchspilot auf die Aufgabe bei Sauber zu konzentrieren?
Es gibt noch so viel zu lernen, dass das nicht schwierig ist. Sauber ist das richtige Team für mich. Ich mache meine ersten Schritte auf der grossen Bühne ausserhalb des Scheinwerferlichts. In einem Top-Team müsste ich sofort liefern. Bei Sauber wusste ich dagegen, dass es schwierig werden würde. Es war auch wichtig für mich, zu Beginn der Saison komplizierte Rennen zu haben.

Weshalb?
Weil mich das dazu drängt, noch härter zu schuften, als wenn ich einen ganz ­einfachen Start gehabt hätte in der Formel 1. Ich muss ständig arbeiten, besser werden. Ich weiss, dass wir noch nicht so weit sind, dass wir jedes Wochenende um Punkte kämpfen können. Niemand sollte hier in Montmeló eine Wiederholung des Wunders von Baku erwarten. Aber ich weiss jetzt auch, dass ich eine Chance mit beiden Händen packen kann, wenn sie sich mir bietet.

Wie hat Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene auf den Exploit reagiert?
Er hat mir herzlich gratuliert. Er kennt mich ja nun schon seit zwei Jahren und meiner Zeit in der GP3. Es war auch schön für ihn, dieses Rennen von mir in Baku zu sehen.

Wie sehr beschäftigt Sie, dass Sie solche Momente nicht mit Ihrem Vater Hervé teilen können, der im vergangenen Jahr verstarb?
Ich denke immerzu an meinen Vater, nicht nur in solchen Momenten. Ich denke an ihn vor jedem Training, vor jedem Rennen, immer. Aber ich bin mir sicher, dass er vom Himmel aus zuschaut, und ich hoffe, dass er stolz ist auf mich. Ich tue alles dafür, ihn stolz zu machen.

«Ich will es gut machen – für ihn. Ich möchte ihn so ehren, wie er es verdient hat.»Charles Leclerc

Wie schwierig ist es, bei solchen Gedanken den Fokus fürs ­Renn­fahren zu finden?
Das muss ich ja nun schon seit fast einem Jahr. Ich glaube, dass ich in den Gedanken an ihn mittlerweile eine Stärke gefunden habe, die ich zuvor nicht hatte, eine Portion Extra-Motivation, weil ich es gut machen will – für ihn. Ich möchte ihn so ehren, wie er es verdient hat.

Sie gingen den Weg stets gemeinsam. Nun blieb es ihm verwehrt, seinen Sohn auf der höchsten Stufe fahren zu sehen. Schmerzt das?
Natürlich hätte ich ihn lieber hier. Aber so ist es, ich kann nichts ändern. Es war auch sein Traum, mich eines Tages in der Formel 1 zu sehen. Nun habe ich es hingekriegt – und er sieht es von oben.

Sie reisten kurz nach seinem Tod zum Formel-2-Rennen nach Baku – und siegten. Wie war das möglich?
Das war eines der schwersten Rennen meiner Karriere. Mein Vater starb einen Tag, bevor ich das Flugzeug Richtung Aserbeidschan bestieg. Nach solch einem Verlust den Fokus wiederzufinden, war sehr schwierig. Auf der anderen Seite war es schon immer so: Sobald ich in ein Auto stieg, zählte nur noch, wie ich die perfekte Runde fahren kann, wie ich mich verbessern kann. Ich hatte im Kopf: Ich will alles geben. Für ihn.

Es war der zweite grosse Schicksalsschlag, nachdem Sie zwei Jahre zuvor mit Jules Bianchi einen engen Freund verloren hatten. Stellten Sie sich nach dessen Unfall beim GP von Japan die Sinnfrage?
Nein, es würde ja nichts an dem ändern, was passiert ist.

Sahen Sie den Motorsport nicht mit anderen Augen?
Klar war es ein riesiger Schock. Jules war eine ganz spezielle Person in meinem Leben. Dass ich hier sitze, habe ich auch ihm zu verdanken, er hat mir die Türen geöffnet. Vor allem 2010, als ich hätte aufhören müssen, hätte er nicht mit seinem Manager Nicolas Todt geredet (Sohn von Jean Todt, Präsident des Welt-Automobilverbands FIA). Dieser nahm sich meiner an, und es ging weiter. Als Jules starb, durchlebte ich schwierige Zeiten. Aber ich dachte nie daran, meine Karriere zu beenden. Ich weiss, dass die ­Gefahr dazugehört. Und ich mag den Sport zu sehr, um auf ihn zu verzichten.

Weshalb?
Dieser Speed, dieses Adrenalin – es gibt nicht viele Sportarten, die einem so etwas geben können. Hinter dem Lenkrad zu sitzen, ist das, was ich mag. Ich ­geniesse es, in jeder Kurve das Limit zu suchen, die Perfektion, deshalb liebe ich diesen Sport.

Sie wuchsen in Monaco neben der prestigeträchtigsten Strecke der Formel 1 auf. Welches ist Ihre erste Erinnerung an dieses Rennen?
Ich war noch keine vier Jahre alt, als ich von der Terrasse meines besten Freundes aus die Autos vorbeirasen sah. Das war direkt über der ersten Kurve, der Sainte Dévote.

«Ich war noch keine vier Jahre alt, als ich von der Terrasse aus die Autos vorbeirasen sah.»Charles Leclerc

Und der Traum war geboren.
Ich wünschte mir immer, auch einmal in einem solchen Auto sitzen zu dürfen. Als ich dann Rennfahrer wurde, wuchs der Traum von der Formel 1, auch, weil ich sie jedes Jahr in Monaco sah. Es fühlt sich einfach nur grossartig an, dass ich das nun erreicht habe.

Sie leben noch immer in Monaco. Wäre es nun, da Sie Fahrer bei Sauber sind, nicht einfacher, in der Schweiz zu wohnen?
Ich bin sehr glücklich mit meinem Land, ich liebe Monaco, meine Familie lebt da. Die Entscheidung, wo ich wohne, fällt mir nicht schwer.

In zwei Wochen treten Sie in Ihrer Heimat als Formel-1-Fahrer auf. Was bedeutet Ihnen das?
Es ist eine unfassbare Ehre. Praktisch alles in Monaco dreht sich um den Grand Prix. Dort zu starten, in der höchsten Liga, das wird ein unglaubliches Erlebnis für mich.

Es wird der nächste Stadtkurs sein. Liebäugeln Sie mit einem ähnlichen Ergebnis wie zuletzt in Baku?
Ich mochte Stadtkurse schon immer. Ich hoffe natürlich, dass es in meinem Heimrennen ähnlich gut läuft. Doch der Charakter der Strecken ist unterschiedlich. So schnelle Passagen wie in Baku, die unserem Auto entgegenkommen, gibt es in Monte Carlo nicht. Dort spielt der Fahrer die zentrale Rolle. Vielleicht ist das aber gar nicht schlecht für mich. (schmunzelt)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.05.2018, 10:58 Uhr

Charles Leclerc

Mit 4 Jahren völlig losgelöst

Ohne die Familie Bianchi wäre es wohl ganz anders gekommen mit Charles Leclerc. Nur schon, weil er nicht bereits als 4-Jähriger seine ersten Runden gedreht hätte auf der Kartbahn, die Philippe Bianchi gehörte, einem Jugendfreund seines Vaters und Papa von Jules, dem 2015 verstorbenen Formel-1-Fahrer. Das Gefühl des Gasgebens liess den Buben nicht wieder los. 2005, mit 7 Jahren, bestritt Leclerc seine erste Saison im Kartsport – und wurde französischer Meister. Er gewann fast alles, was es zu gewinnen gab. 2010, als Papa Leclerc das Geld ausgegangen war und die Karriere des Sohnes auf der Kippe stand, half ihm der acht Jahre ältere Jules Bianchi, indem er ihn bei Manager Nicolas Todt unterbrachte.

Die Jagd nach Siegen ging weiter. 2016 gewann Leclerc die GP3 und wurde ins Junioren-Programm von Ferrari aufgenommen. 2017 feierte er den Gesamtsieg in der Formel 2. Die Triumphe führten ihn in die Formel 1 zu Sauber, das von Ferrari mit Motoren beliefert wird. (rha)

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NameTeamZeit
1.Lewis HamiltonMercedes 1:21:27.430
2.Valtteri BottasMercedes +14.063
3.Kimi RaeikkoenenFerrari +36.570
4.Max VerstappenRed Bull +52.125
5.Daniel RicciardoRed Bull +1:05.955
6.Nico HuelkenbergLotus Renault +1:08.109
7.Sebastian VettelFerrari +1:33.989
8.Esteban OconForce India+ 1 Runde
9.Sergio PerezForce India+ 1 Runde
10.Felipe MassaWilliams+ 1 Runde
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Stand: 17.07.2017 07:35

Formel 1: WM-Stand Fahrer

NameTeamP
1.Lewis HamiltonMercedes72861
1.Lewis HamiltonMercedes381
3.Sebastian VettelFerrari72871
3.Sebastian VettelFerrari278
4.Kimi RaeikkoenenFerrari72871
4.Kimi RaeikkoenenFerrari150
5.Valtteri BottasMercedes72867
5.Valtteri BottasMercedes136
6.Felipe MassaWilliams72867
6.Felipe MassaWilliams121
Mehr...
Stand: 11.04.2016 10:40

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