Lieber Olympiagold als Weltrekord

Europas schnellste Frau über 1500 Meter, Sifan Hassan, hat einen Hauch von Glamour ans Meeting nach Langenthal gebracht. Seit die gebürtige Äthiopierin ihre Heimat verlassen hat, blüht sie auf – vor allem auf der Bahn.

Persönliche Bestzeit knapp verpasst: Sifan Hassan (rechts) kämpft sich über 1500 Meter mit letztem Einsatz ins Ziel. Pacemaker und Schweizer Meister Jan Hochstrasser schaut gespannt zurück.

Persönliche Bestzeit knapp verpasst: Sifan Hassan (rechts) kämpft sich über 1500 Meter mit letztem Einsatz ins Ziel. Pacemaker und Schweizer Meister Jan Hochstrasser schaut gespannt zurück.

(Bild: Marcel Bieri)

Es ist ein Leistungstest der besonderen Art. Die 22 Jahre alte gebürtige Äthiopierin Sifan Hassan läuft im 1500-Meter-Rennen beim Langenthaler Sommermeeting mit langen, raumgreifenden Schritten Jan Hochstrasser hinterher. Der Schweizer Meister über diese Distanz macht Tempo für Hassan.

Europas schnellste Frau über dreidreiviertel Bahnrunden hat im Stadion Hard nur eines im Sinn. Sie will ihre Bestzeit verbessern. Das bedeutet: Sie muss schneller laufen als 3:56,05 Minuten. Im Ziel blickt die 1500-Meter-Europameisterin von Zürich und EM-Zweite über 5000 Meter auf die Anzeigetafel. 3:56,33 Minuten leuchten auf.

Hassan verfehlt die persönliche Bestmarke um lediglich 29 Hundertstel. Die Zeit wäre allerdings nicht anerkannt worden, weil Hassan in einem gemischten Feld angetreten war. Die Enttäuschung hält sich aber in Grenzen. Die Afrikanerin, die aus dem Trainingslager in St.Moritz anreiste, hat ihre Gefühle genauso unter Kontrolle wie beim Interviewtermin vor dem Rennen.

Flucht in die Niederlande

Am Nachmittag vor dem Wettkampf lässt sich Sifan Hassan nicht aus der Reserve locken. Sie will nur bruchstückhaft aus ihrem bewegten Leben erzählen. Ihre Jugendjahre verbringt sie im Hochland von Adama, in einer Stadt, die auf einer Meereshöhe von 1712 Metern liegt. Mit 12 Jahren zügelt sie in die Hauptstadt nach Addis Abeba. Anfänglich fühlt sie sich zum Volleyball hingezogen. Mit Freude bewältigt sie auch jeden Tag den Schulweg rennend in 20 Minuten.

Trotzdem: In diesem Moment deutet wenig auf eine vielversprechende Karriere als Mittelstreckenläuferin hin. Im Alter von 15 Jahren verlässt die junge Afrikanerin ihre Heimat. Sie kommt als Flüchtling in die Niederlande. Weshalb sie Äthiopien verlassen hat, bleibt im Dunkeln. «Ich möchte nicht darüber sprechen. Es ist kompliziert», sagt Hassan apodiktisch.

Entlocken lässt sie sich einzig, dass ein Teil der Familie noch am Horn von Afrika lebt, den Kontakt halte sie jedoch nicht aufrecht. Sie fühle sich inzwischen ohnehin als Niederländerin, ergänzt Sifan Hassan, deren Vorname in ihre Muttersprache übersetzt «for you» bedeutet.

Seit zwei Jahren besitzt Hassan den niederländischen Pass. Mit ihrem Geburtsland scheint sie abgeschlossen zu haben. «In Arnheim, wo ich in einem Athletenkomplex in einer eigenen Wohnung lebe, fehlt es mir an nichts», sagt Hassan. Um gleich ein Beispiel zu nennen: Ingredienzien für äthiopische Spezialitäten wie Injera, ein Sauerteigfladen, der mit verschiedenen Fleisch- und Gemüsesaucen verspeist wird, könne sie in Arnheim problemlos kaufen. In den Niederlanden wurde die talentierte Läuferin von Beginn weg gezielt gefördert. Rasch machte sie unter ihren Coachs grosse Fortschritte. Vor einem Jahr etablierte sich Hassan in der Beletage der Mittelstreckenläuferinnen.

Weltrekord als Triebfeder

Die Augen der zierlichen Athletin beginnen zu leuchten, als sie auf das 1500-Meter-Rennen beim Diamond-League-Meeting in Monaco vor einem Monat angesprochen wird. Die Äthiopierin Genzebe Dibaba lief in 3:50,07 Weltrekord, Hassan wurde mit fast sechs Sekunden Rückstand (3:56,05) Zweite.

Nur 15 Frauen absolvierten die dreidreiviertel Bahnrunden in der Geschichte schneller als Hassan. «Dibaba lief die letzte Runde in einem wahnsinnigen Tempo. Ich konnte ihrem Antritt nicht folgen und habe das Rennen wenig später abgehakt. Ich hatte vor dem Wettkampf nicht gewusst, dass Dibaba den Weltrekord angreifen wollte. Dass ich trotzdem persönliche Bestzeit und niederländischen Rekord lief, hat mich erst später gefreut. Zuerst war ich verärgert, weil ich das Rennen nicht gewonnen habe», sagt Hassan, die sich nach der Karriere für Kinder einsetzen möchte, denen es im Leben nicht so gut geht.

Hassan weiss nun, dass sie bedeutend schneller laufen kann. Im Hinblick auf die nächsten Höhepunkte – die Weltmeisterschaft in Peking (22. bis 30.August) und die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro – kann dies eine wichtige Erkenntnis sein. Hassan relativiert jedoch: «In Peking und in Rio wird vermutlich taktisch gelaufen. Da spielt die Zeit eine untergeordnete Rolle.»

Die Frage, was ihr denn lieber wäre, Olympiagold zu gewinnen oder Weltrekord zu laufen, zaubert der 1,70 Meter grossen und 49 Kilogramm schweren Athletin ein Lächeln ins Gesicht. «Olympiagold. Eine solche Auszeichnung gewinnt man nur einmal im Leben. Einen Weltrekord hingegen kann man jede Woche aufstellen.»

Berner Zeitung

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