Lehrstück in Sachen TV-Rechte

Von der heute Mittwoch in Frankreich beginnenden Handball-WM gibt es in der Schweiz keine TV-Bilder. Und selbst in Deutschland gibt es nur ­­Live­streams auf der Website eines Verbandssponsors.

«Wenn nicht Journalisten das Geschehen filtern, sondern PR-Leute, dann hat das nichts mit objektiver Berichterstattung zu tun», warnt Sportreporter Erich Laaser.

«Wenn nicht Journalisten das Geschehen filtern, sondern PR-Leute, dann hat das nichts mit objektiver Berichterstattung zu tun», warnt Sportreporter Erich Laaser.

Reto Pfister

«Es läuft auf eine Totalkatas­trophe hinaus», sagte Bob Hanning, der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB) vor einer Woche. Er meinte damit nicht, dass den Deutschen an der heute beginnenden WM in Frankreich ein sportlicher Absturz droht. Hanning bezog sich auf das drohende Szenario, dass keine bewegten Bilder zu sehen sein könnten.

Dies konnte verhindert werden: Die Deutsche Kreditbank (DKB), einer der DHB-Hauptsponsoren, zeigt die WM im Internet-Livestream. Die Übertragungen werden nur in Deutschland zu sehen sein, in der Schweiz nicht. Die Wirren um die WM-Übertragung können als Lehrstück dafür dienen, wie eine Rechtevergabe nicht ablaufen sollte.

Nur im entsprechenden Land

Der Internationale Handballverband hat die TV-Lizenzen für die Weltmeisterschaften 2015 und 2017 an die katarische Agentur Be in Sports vergeben. Vermutlich ist viel Geld geflossen. Beim Weiterverkauf in den einzelnen Ländern beharrten die Katarer daher auf der Vorgabe, dass die Übertragungen nur in dem Land zu sehen sind, in welchem ein Sender die Lizenz erworben hat.

Die Schweiz hat seit langer Zeit an keiner WM mehr teilgenommen, demzufolge war auch niemand am Erwerb der Rechte interessiert. Der Blick der hiesigen Handballinteressierten richtete sich daher nach Deutschland. Naheliegend wäre eine Übertragung bei ARD und ZDF gewesen. Etwas mehr als 20 Prozent der Bevölkerung empfängt die Sender via Satellit; eine Verbreitung nur innerhalb Deutschlands lässt sich so nicht garantieren.

ARD und ZDF hätten diese Personen von der Übertragung ausschliessen müssen. Dies kam nicht infrage, auch nicht für andere frei empfang­bare Kanäle. Eine Einigung mit einem Pay-TV-Sender kam ebenfalls nicht zustande. Blieb als letzter Ausweg die Ausstrahlung durch den Sponsor.

Sponsor als Medium

Dies wird einerseits sehr begrüsst. Auch die DKB muss sich jedoch an die Vorgabe halten, keine Bilder ins Ausland, etwa die Schweiz auszustrahlen. Anderseits setzte es auch Kritik ab, weil ein Sponsor die Rolle eines elektronischen Mediums einnimmt. «Wehret den Anfängen. Wenn nicht Journalisten das Geschehen filtern, sondern PR-Leute, dann hat das nichts mit objektiver Berichterstattung zu tun», sagte Erich Laaser der Deutschen Presse-Agentur: «Das ist ein Präzedenzfall.»

Auch beim Weltverband ist man sich mittlerweile bewusst, dass dies keine optimale Lösung darstellt. Wettbewerbsdirektor Patric Strub sagte am Dienstag, dass man hoffe, für die WM 2019 ein ähnliches Szenario vermeiden zu können.

Berner Zeitung

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