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Leben Spitzensportler kürzer?

Vom Football bis zur Tour de France – führt so viel Plackerei zu einer geringeren Lebenserwartung? Die Antwort ist eindeutig.

Selbst für Footballer ist die Lebenserwartung überdurchschnittlich – sofern sie nicht auf einer extremen Risikoposition spielen. Bild: Brent Just (Getty)
Selbst für Footballer ist die Lebenserwartung überdurchschnittlich – sofern sie nicht auf einer extremen Risikoposition spielen. Bild: Brent Just (Getty)

Wenn sich die Radprofis während der Tour de France mit Konkurrenten und höllischen Temperaturen abplagen, fragt man sich als Zuschauer bange: Kann das aufgehen? Sind diese Strapazen über drei Wochen gesund – ja, haben diese Parforceleistungen nicht gar Einfluss auf die ­Lebenserwartung dieser extremen Ausdauerathleten? Was sich viele fragen, treibt auch Wissenschaftler um. Sie haben über eine Vielzahl an Sportarten ebendiese Schlüsselfrage zu beantworten versucht. Die Antworten der Forscher sind überraschend, differenziert und manchmal auch unbefriedigend.

Rudern: Die Anfänge von 1873

Es brauchte einen britischen Arzt und früheren Ruderer der Prestigeuniversität von Cambridge, um der Frage der Lebenserwartung eine erste wissenschaftliche Arbeit zu widmen: John Edward Morgan hiess der Mann. Er untersuchte, wie sich das Leben der Athleten aus Cambridge und Oxford entwickelte. 294 frühere Ruderer aus den Jahren 1829 bis 1869 verfolgte Morgan. Sein ­Fazit: Diese (Ex-)Sportler lebten im Schnitt zwei Jahre länger als der britische Mann.

Seit dieser ersten Arbeit wurden Hunderttausende Sportler auf ebendiese Frage analysiert. Eine grosse Sammelstudie kam vor drei Jahren heraus – mit einem riesigen Datensatz: 465 575 Athleten umfasst sie und ist doch extrem einseitig. Denn trotz dieses Datenschatzes ­schienen die Wissenschaftler eines zu vergessen: dass auch Frauen durchaus Elitesport betreiben. Gerade einmal 1,2 Prozent aller Daten stammen von Frauen. Was man darum auch immer über die Lebenserwartung von Topathleten weiss, es bezieht sich in überwältigendem Ausmass auf Männer.

Rad: Das Glück der Pedaleure

Zurück zu den Radprofis. Anhand der Wissenschaft lässt sich sagen: Radprofis können ruhig schlafen. Sie werden im Schnitt klar älter als der normale Mann – zumindest trifft die Aussage auf Fahrer aus Frankreich, Italien und Belgien zu. Zu ihnen liegen Informationen vor (wobei man davon ausgehen kann, dass die Grundaussage wohl für alle stimmt).

Die Wissenschaftler untersuchten, wie lange 834 Tour-de-France-Fahrer der Jahre 1930 bis 1964 lebten. Andere Studien mit französischen und italienischen Tour-Absolventen späterer Jahre kamen zu einer sehr ähnlichen Aussage: Im Schnitt lebten die früheren Profis acht Jahre länger als durchschnittliche Männer. In absoluten Zahlen: 81,5 zu 73,5 Jahren.

Grundaussage aller Studien: Profi sollte man sein

Die Radspezialisten sind die positiven Ausreisser unter den Sportlern. Zumindest konnte bei keinem anderen untersuchten Sport nachgewiesen werden, dass dessen Vertreter ähnlich viel älter werden als Normalos. Trotzdem muss man die Unterschiede relativieren, weil die Fallzahlen pro Studie oft klein sind – und letztlich die Gründe für das länger Leben multifaktoriell. Dazu später mehr. Was sich anhand aller Studien aber sagen lässt: Alle Spitzensportler werden im Schnitt älter als normale Männer – abgesehen von zwei Ausnahmen.

In absoluten Zahlen kann man die Differenz bezüglich ­Lebensjahre nur unzureichend angeben, weil die Angaben innerhalb der Studien variieren. Einig sind sich die Forscher, dass frühere Ausdauerathleten am längsten leben – gefolgt von Spielsportlern und Kraftsportlern. Besonders umfangreiche Zahlen liegen für finnische (Ex-)Athleten vor: Frühere Ausdauersportler wurden im Schnitt 79,1 Jahre alt (Durchschnitt 72,9), Teamsportler 78,8 und Kraftathleten 75,6. Es handelt sich dabei um Finnen, die in den Jahren 1920 bis 1965 aktiv waren. In anderen Studien reduziert sich das Länger-Leben von Sportlern auf minimal 2,8 Jahre.

Doper und Fussballer:Leben sie kürzer?

Wenn Bodybuilder dopen, wirkt sich dieses Arbeiten mit Chemie negativ auf ihre Lebenserwartung aus. In anderen Sportarten scheint das Dopen die durchschnittliche Lebenszeit nicht zu verkürzen. So zumindest sind die Studienergebnisse zu interpretieren. Finnische Bodybuilder hatten auf jeden Fall ein ­erheblich höheres Risiko, in ­jungen Jahren zu sterben, als Nicht-­Bodybuilder. Zu einer zwar ­weniger dramatischen, aber ­gleichen Aussage kommt eine Studie betreffend deutscher Bundesliga-Fussballer. Sie ­sollen im Schnitt weniger alt werden. Die wenigen Arbeiten aus anderen Ländern widersprechen ­dieser Aussage, zeigen im Gegenteil, dass Topfussballer länger ­leben als der durchschnittliche Mann.

American Football:Position entscheidet

In den letzten Jahren sorgten ­Todesfälle prominenter Football-Spieler für Schlagzeilen: Weil sie relativ früh verstarben – und oft an schweren Hirnschäden litten. Viele US-Studien aber verdeutlichen: Footballer leben im Schnitt länger als Durchschnittsamerikaner – sofern sie nicht in der Defensive Line spielen, wo sie oft harte Tacklings produzieren und verkraften müssen. Diese Athleten leben weniger lang.

Oft sind sie sehr schwer und leiden später unter Folgekrankheiten. Im Schnitt wiesen diese Spieler ein 52 Prozent höheres Risiko als der Durchschnittsamerikaner auf, an einem Herzproblem zu sterben. Die schwersten NFL-Spieler (primär aus der Defensive Line) hatten eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, vor ihrem 50. Lebensjahr zu sterben, wie ihre Teamkollegen in anderen Positionen.

US-Basketball:Sport relativiert Hautfarbe

Zu den spannendsten Ergebnissen in der Altersforschung von Spitzenathleten zählen die Arbeiten zu den Basketball-Profis aus den USA. Diese zeigen, dass Sport den sogenannten Rassen-Gap minimieren kann. Im Schnitt leben weisse Amerikaner nämlich länger als dunkle (um die 6 Jahre). Dunkle Basketball-Profis jedoch lebten im Schnitt länger als weisse Nicht-Profis – und näherten sich der Lebenserwartung von ehemaligen weissen Profis bis auf 1,5 Jahre an. Die Aussage offenbart, dass Sport nur ein Treiber betreffend ­Lebenserwartung ist. Ein anderer wichtiger Faktor ist das ­Geschlecht: So leben Profisportlerinnen im Schnitt immer ­länger als Profisportler.

Die Gründe: Vielfältig und unklar

Trotz vieler Einsichten können die Arbeiten zum Thema eines nicht bzw. nur unzureichend ­erklären: warum Topathleten länger leben. Die Standardantwort ist darum, dass viele Gründe dazu führen. Sport zu treiben – im Idealfall das ganze Leben –, gehört dazu. Aber auch die Gene, das Geschlecht, der soziale Status oder das Vermögen haben Einfluss auf die Lebenserwartung. So kann sich eine Person, die durch den Sport Millionen verdiente, in vielen Ländern eine andere medizinische Versorgung leisten als eine Person mit viel geringerem Einkommen.

Welchem Faktor nun aber welcher Anteil zukommt, vermögen die Forscher nicht zu sagen. Trotzdem bleibt die Grundaussage: Profis leben – von wenigen Ausnahmen abgesehen – länger als Nicht-Profis.

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