Könige schwelgen in Erinnerungen

Rudolf Hunsperger, David Roschi, Adrian Käser, Silvio Rüfenacht und Kilian Wenger – die fünf noch lebenden Berner Schwingerkönige blicken auf ihre Erfolge zurück.

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David Roschi (Oey): «Schon im Sommer dachte ich jeden Tag ans ‹Eidgenössische›. Oft sprach ich mit meinem Sohn Ruedi darüber, der ebenfalls schwingt, sich vor kurzem aber den Kiefer brach. Ich denke nicht, dass er in Burgdorf um den Kranz schwingen kann. Das Fest werde ich vor Ort verfolgen, aber nur als Fan – eine offizielle Funktion habe ich nicht. Ich werde viele Hände schütteln, kennen mich doch viele Leute. Immerhin bin ich der zweitälteste noch lebende Schwingerkönig.

Es ist 41 Jahre her, seit ich in La Chaux-de-Fonds gewonnen habe. Ich war 25 und wurde auf einen Schlag populär. Man kann diese Zeit aber nicht mit der Gegenwart vergleichen. Es ging viel ruhiger zu und her, die Medien machten weniger Theater. Dass heute rund ums Schwingen eine Show inszeniert wird, passt mir nicht. Auch die Manager, die sich einmischen, braucht es auch nicht. Natürlich war in den Siebzigerjahren auch massiv weniger Geld im Spiel. Aber auch ich habe vom Königstitel profitiert, noch heute erhalte ich hie und da ein Gratisticket für irgendeine Veranstaltung.

Ich führte während 30 Jahren ein eigenes Geschäft – viele Kunden kauften bei mir ein, weil ich nun mal der Schwingerkönig von 1972 bin. Das Niveau war zu meiner Zeit nicht tiefer als heute. Nun wird vor allem auf Krafttraining gesetzt, viele Schwinger sind prächtige Athleten. Aber das Techniktraining kommt bei einigen wohl etwas zu kurz. Viele Schwünge von früher werden heute gar nicht mehr angewendet, was ich schade finde.

Aufgezeichnet: phr

Rudolf Hunsperger (Zollikofen): «Der Titel Schwingerkönig verändert das Leben eines Schwingers nachhaltig. Es kommen Dinge auf dich zu, die du nicht hast voraussehen können. Ich erlebte das als 20-Jähriger nach dem Titel 1966. Für die damalige Zeit war der Medienrummel gross, auch wenn die Bilder in der Zeitung und im Fernsehen noch schwarzweiss waren. Ein halb nackter Hunsperger auf dem Sofa in einer Homestory wäre aber ein Skandal gewesen. Was der Schwingerkönig im medialen Bereich heute zu bewältigen hat, kann er schlicht nicht alleine. Er braucht ein gutes Umfeld, das ihm beratend zur Seite steht und nicht nur die zu verdienenden Franken im Titelgewinn sieht. Der König muss sich ja weiterhin auf seinen Sport konzentrieren und seriös trainieren können. Kann er das nicht, ist die Karriere in Gefahr.

Es ist ein gewaltiger Moment, wenn dir nach dem Sieg im Schlussgang 30'000 Zuschauer zujubeln. Weil 1966 die Rivalität zwischen Bernern und Ostschweizern derart gross war und fast – ich sag es ungern – so etwas wie Krieg zwischen diesen Schwingregionen herrschte, war das in Frauenfeld mehr als nur ein grosser Festsieg, Der Erfolg und die Titelverteidigung 1969 wirken bis heute nach. Klar: Ich als 190 Zentimeter grosser und weit über 100 Kilogramm schwerer Brocken hinterliess damals beim Bummel durch die Berner Altstadt bleibendere Eindrücke, als wenn Fliegengewicht Fritz Chervet als Europameister der international anerkannten Sportart Boxen dasselbe tat. In der heutigen, schnelllebigeren Zeit ist das anders. Darum muss der Schwingsport darauf achten, dass er seine Seele trotz steigender Professionalität behalten kann.»

Aufgezeichnet: peg

Adrian Käser (Alchenstorf): «Burgdorf 2013 – darum dreht sich seit Monaten sehr viel in meinem Leben. Ich bin Vertreter im Gabenkomitee und führte Baustellenbesichtigungen auf dem Areal durch. Als Präsident des Schwingklubs Kirchberg musste ich mit den anderen Vorstandsmitgliedern die Tickets an die Mitglieder verteilen. Bei meinen Kollegen und mir meldeten sich auf einmal Leute, von denen wir über 10 Jahre lang nichts gehört haben. Jeder wollte am «Eidgenössischen» dabei sein. Der Klub zählt rund 500 Mitglieder, uns stehen aber längst nicht so viele Tickets zur Verfügung. Es wird sicher einige geben, die nicht gut auf mich zu sprechen sind. Leider kann ich das nicht ändern.

Mit meiner Familie lebe ich in Alchenstorf, nur acht Kilometer vom Festgelände entfernt. Für meinen Sohn Remo war die Teilnahme das Ziel, was er erfreulicherweise erreicht hat. Seine Leistungen werde ich in der Öffentlichkeit aus neutraler Perspektive beurteilen müssen – während des «Eidgenössischen» bin ich als Co-Kommentator fürs Schweizer Fernsehen im Einsatz. Diese Arbeit macht mir viel Spass, näher kann man am Geschehen nicht dabei sein.

Lust, selber in die Zwilchhosen zu steigen, habe ich keine mehr; seit meinem Rücktritt 1999 sind ja schon einige Jahre vergangen, und ich spüre das eine oder andere Wehwehchen. Als ich im Alter von 18 Jahren Schwingerkönig wurde, war das der Wahnsinn. Um mich entstand ein riesiger Wirbel. Heute wird jeder König zur bekannten Persönlichkeit, egal wie alt er ist. Schwingen ist viel populärer geworden. Finanziell profitieren die Athleten stärker, zu meiner Zeit war das Sponsoring verboten. Es kommt vor, dass mich einer der «Bösen» um einen technischen Rat fragt. Ich helfe immer gerne. Die Berner haben eine starke Mannschaft, ihnen traue ich viel zu. Aber eben – als Kommentator muss ich unparteiisch sein.»

Aufgezeichnet: phr

Silvio Rüfenacht (Hettiswil): «Nach dem Titel ist mir wenig Zeit zum Feiern geblieben. Der Montag nach dem Sieg bestand aus Ausschlafen, Medienterminen und dem Einrücken im Tenü Grün in die Offiziersschule. Viele Privilegien hatte ich im Militär als Schwingerkönig aber nicht, eine Woche nach dem Festsieg musste ich die Sonntagswache übernehmen. Aber, und da darf ich der Armee ein Kränzchen winden, für wichtige Termine und Trainings habe ich die nötige Freizeit bekommen.

Auch etwas mehr als 20 Jahre nach dem Titelgewinn erinnern sich die Leute noch daran. Ich werde, wenn ich meinen Namen nenne, oft gefragt: «Sind Sie nicht der Schwingerkönig?» Selbst im fernen Zürich, und auch dann, wenn ich geschäftlich unterwegs bin. Das macht Freude, auch wenn mir der Rummel um meine Person nie wichtig war. Mit Ruedi Hunsperger vergleichen will ich mich nicht. Hunsperger hat den Königstitel dreimal gewonnen, ist eine Ikone des Schwingsports. Aber der sportliche Erfolg hat auch für mich viele schöne Erlebnisse mit sich gebracht. So konnte ich viermal beim Super-10-Kampf mitmachen. Eine tolle Sache, trifft man doch die Sportgrössen des Landes jeweils in ganz lockerer Atmosphäre.

Um den künftigen Schwingerkönig wird der Rummel bestimmt grösser sein als noch zu meiner Zeit. Tauschen möchte ich mit dem König von 2013 aber nicht unbedingt. Klar, zu den finanziellen Vorteilen dank den lukrativen Werbeverträgen hätte ich damals als 24-Jähriger nicht Nein gesagt. Aber das Geld war nur eine schöne Nebensache. Der Sport, und damit auch die in Franken nicht messbare Ehre, Schwingerkönig sein zu dürfen, standen immer im Vordergrund.»

Aufgezeichnet: peg

Kilian Wenger (Aeschi): «Die Momente vor 3 Jahren in Frauenfeld, als ich Schwingerkönig wurde, bleiben unvergessen. Dennoch habe ich in den letzten Monaten versucht, diese Erinnerungen zu verdrängen und die Spannung für Burgdorf aufzubauen. Ab und zu schaue ich mir immer noch die Aufzeichnung des fünften Gangs gegen Jörg Abderhalden oder des Schlussgangs gegen Martin Grab an – einfach so, wenn ich es brauche, für die Stimmung, manchmal auch vor einem Schwingfest. Von den noch lebenden Berner Schwingerkönigen kenne ich natürlich jeden – und jeder hat mich auf seine Weise beeindruckt. Ich darf sagen, dass alle richtig durchtrainierte Athleten waren, als sie den Königstitel holten. Dies ist die Voraussetzung dafür, an einem «Eidgenössischen» bestehen zu können. Natürlich steht mir David Roschi am nächsten – er ist wie ich ein Niedersimmentaler, kennt mich, seit ich mit dem Schwingen angefangen habe. Unser Verhältnis ist speziell.

Auch wenn sich der Sport stark gewandelt hat, kann ich von den früheren Berner Schwingerkönigen einiges abschauen: die Art, wie sie geschwungen haben und am Boden nachsetzen konnten. Wenn ich Aufzeichnungen von früher ansehe, muss ich manchmal auch schmunzeln, weil auch mal zwei, drei Meter über den Sägemehlrand hinaus weitergeschwungen wurde. Roschi erzählte mir einst, er hätte einmal einen Gang fast unter dem Kampfrichtertisch verloren.»

Aufgezeichnet: rek

Berner Zeitung

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