In Neuseeland entschied Schere, Stein, Papier

Zum Abschluss seiner Karriere blickt der 80-fache Kranzgewinner Matthias Siegenthaler in Anekdoten auf seine 18 Jahre im Sägemehlring zurück.

Abschied in der Heimat: Die Schwingerkollegen Kilian Wenger (Mitte) und Heinz Habegger (rechts) präsentieren in Fankhaus Matthias Siegenthalers Kranzsammlung.

Abschied in der Heimat: Die Schwingerkollegen Kilian Wenger (Mitte) und Heinz Habegger (rechts) präsentieren in Fankhaus Matthias Siegenthalers Kranzsammlung.

(Bild: Andreas Blatter)

In die Schwinghosen stieg er nicht mehr – vielmehr hängte er sie an den Nagel. Am Abendschwinget im Truber Weiler Fankhaus, unweit vom elterlichen Bauernhof gelegen, wurde Matthias Siegenthaler am Samstag verabschiedet. Der 33-Jährige schüttelte viele Hände; er erhielt Geschenke und war sich nicht zu schade, den rund 1000 Zuschauern «Kafi fertig» zu servieren.

Das «Oberländische» Ende Mai an der Lenk (Rang 7) wird sein letztes Schwingfest bleiben. Siegenthaler zog den Schlussstrich, weil das Knie zur Dauerbaustelle geworden ist. Ein Dutzend Mal hat er sich operieren lassen müssen. 80 Auszeichnungen (davon 3 eidgenössische) ergatterte sich der nicht nur im Bernbiet beliebte Emmentaler, er reüssierte an 8 Kranzfesten. Der zweifache Familienvater, mittlerweile in Hondrich wohnhaft, wird der Szene als technischer Leiter des SK Trub erhalten bleiben. Vor der Ehrung in seiner Heimat nahm er sich Zeit für einen persönlichen Karriererückblick.

Der schönste Sieg: «Mein Triumph am Schwarzsee 2014 – es war der grösste Erfolg in meiner Karriere. Wobei ich etwas Glück hatte: Der Schlussgang zwischen Christian Stucki und ­Simon Anderegg endete gestellt, ich konnte profitieren.»

Der beste Gang: «Ganz klar: Der Sieg 2014 am ‹Bern-Jurassischen› gegen Stucki. Wir sind gleich alt, schon als 10-Jährige waren wir gegeneinander angetreten, gewonnen hatte ich nie. Chrigu sah bereits wie ein Mann aus, als ich noch ein richtiger Bub war. Der ­Erfolg im Schlussgang oben in Raimeux war deshalb ein unglaublich emotionaler Moment.»

Die schlimmste Niederlage: «Das war der 4. Gang am Kilchberg-Schwinget 2014 gegen Christian Schuler. Ich hatte ihn gebodigt, die TV-Bilder beweisen das, und sogar Schuler gab später zu, auf dem Rücken gewesen zu sein. Aber die Kampfrichter werteten das Resultat nicht, später verlor ich den Kampf und verpasste den Schlussgang. Ich beschwerte mich nicht, fühlte mich aber betrogen. Daran hatte ich eine Zeit lang zu kauen. Und in den Medien wurde dieser Gang ziemlich ausgeschlachtet. Vom ‹Skandal›, vom ‹Beschiss› wurde berichtet.»

Die wertvollste Leistung: «2014 bezwang ich innert weniger Wochen Matthias Sempach, Christian Stucki und Daniel Bösch – oder besser gesagt: den amtierenden Schwingerkönig, den amtierenden Kilchberg-Sieger und den amtierenden Unspunnen-Champion. Mit zwei Festsiegen und neun Kränzen war es ohnehin meine beste Saison.»

Der wichtigste Teamkollege: «Matthias Sempach! Es hat mich beeindruckt, wie viel er unternommen hat, um erfolgreich zu sein. Und wie souverän er mit ­seinen Neidern umgegangen ist. Sempach hat sich früh sehr hohe Ziele gesetzt, vielleicht sogar zu hohe, er fiel ein-, zweimal auf die Nase. Aber nicht zuletzt dank ihm wurde mir klar: Ich muss mehr machen, damit ich etwas erreiche. Mit Mätthu und seinem Bruder Stefan reiste ich im Winter vor dem «Eidgenössischen» 2013 in Burgdorf ins Trainingslager nach Neuseeland.

In Kaponga nahmen wir an einem von 20 ausgewanderten Schweizern organisierten Fest teil. Jodeln, Handörgeli, Steinstossen, Schwingen – nichts fehlte. Es gab acht Teilnehmer, wobei die Einheimischen kaum Ahnung vom Schwingen hatten. Stefan gewann und erhielt ein Stierenkalb als Preis, mit dem wir uns den Trip zurück nach Auckland finanzierten. Ach ja: Den Sieger hatten wir unter uns dreien zuvor mittels Schere, Stein, Papier ausgemacht.»

Der prägendste Moment: «Der erste eidgenössische Kranz 2007 in Aarau war für mich als zweifachen Saisonsieger eindeutig ein Muss. Weil ich Wert auf Rituale lege, fuhr ich an einem Tag achtmal mit dem Velo den Belpberg hoch, am «Eidgenössischen» gibt es ja auch acht Gänge. Es lief mir am Fest aber überhaupt nicht; danach war ich so enttäuscht, dass ich nicht im Mutz, sondern in kurzen Hosen zur Rangverkündigung in der Arena erschien. Dies sah natürlich doof aus und kam nicht sonderlich gut an. Für mich war es ein Wendepunkt bezüglich Einstellung: Ich wurde danach in allen Belangen professioneller. Zuvor hatte ich kaum Ahnung von Trainingslehre gehabt.»

Der bitterste Rückschlag: «Ich hatte viele Verletzungen. Mehrmals, wenn ich das Gefühl hatte, voll angreifen zu können, wurde ich gleich wieder gebremst. Zuerst streikte die Hüfte, dann der Rücken, vor allem aber das rechte Knie wurde zu meiner Problemzone. Im Frühling 2015 verletzte ich mich, es war quasi der Anfang vom Ende. Die Leidensgeschichte hielt bis zuletzt an.»

Das kurioseste Fest: «2015 fand das Südwestschweizer Teilverbandsfest mitten in Genf statt, wo Schwingen kaum bekannt ist. Die Organisatoren gewährten freien Eintritt; am Morgen meinte der Speaker, man solle sich deswegen vor Taschendieben in Acht nehmen. Am Mittag korrigierte er ­seine Durchsage und meinte: ‹Zur Information, die Taschendiebe sind längst da.› Es war nicht un­bedingt ein Fachpublikum.»

Die speziellste Anekdote: «Mit Mario Thürig, Gerry Süess und Reto Nötzli durfte ich die Schweiz 2014 in Südkorea am Ssireum-Festival vertreten. Ssireum ist eine Art koreanisches Wrestling; auch Delegationen aus Spanien, den USA, Kasachstan, Senegal und der Mongolei wurden eingeladen, welche wie wir Schweizer eine spezielle Kampfsportart betreiben. Bei den Amerikanern war ein Kerl dabei, der 235 Zentimeter gross war. Und von den Mongolen waren alle über 200 Kilogramm schwer. Wir waren die ‹bringen Kerle›, konnten die anderen im Ring kaum bewegen. Ich verlor in der ersten Runde gegen einen Spanier, Typ Stucki Chrigu.»

Berner Zeitung

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