Im Ruderboot quer über den Atlantik

Yves Schultheiss sucht seine Grenzen. Zusammen mit drei Freunden will der in Bern wohnhafte Ruderer den Atlantik überqueren. Das Quartett will dabei einen Weltrekord aufstellen.

Mit eigener Muskelkraft: Yves Schultheiss (in Blau) und seine Teamkollegen bei der Vorbereitung, hier noch mit einem Trainingsboot unterwegs.

Mit eigener Muskelkraft: Yves Schultheiss (in Blau) und seine Teamkollegen bei der Vorbereitung, hier noch mit einem Trainingsboot unterwegs. Bild: zvg

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«Ich rechne schon damit, seekrank zu werden», sagt Yves Schultheiss. Der in Bern wohnhafte Sozialpädagoge will «den Schrecken des Atlantiks mit einem Lächeln begegnen».

Zusammen mit drei Freunden plant der 28-Jährige, im Rahmen der Talisker Whisky Atlantic Challenge den Atlantik zu überqueren; fast fünftausend Kilometer sind es von den Kanarischen Inseln bis nach Antigua in der ­Karibik. Mit eigener Muskelkraft. «Eigentlich eine hirnrissige Idee.» Genau das reizt die ambitionierten Ruderer. Und die Übelkeit werde sich nach wenigen Tagen wieder legen, ist Schultheiss sicher.

Während des Wettkampfs funktioniert das Quartett im Extremmodus: zwei Stunden rudern, zwei Stunden erholen. Wer nicht am Paddel ist, schläft, überprüft die Navigation, desinfiziert Haut und Kleidung. Die Hygiene hat hohe Priorität – es besteht hohe Infektionsgefahr. In der Bordkabine ist es eng, dank einem Hohlraum unter Deck können die Athleten ihre Beine trotzdem strecken.

Energie aus Trekkingnahrung

Für die Energiezufuhr sorgt kiloweise Trekkingnahrung – Trockenmischungen, die mit heissem Wasser angerührt werden. «Das schmeckt ganz o. k.», findet Schultheiss. Hinzu kommen Energieriegel und wasserlösliche Proteine. Bis zu zwölftausend Kalorien pro Person, täglich. Das Wasser stammt, gefiltert, aus dem Meer. Zwei Solarpanels an beiden Enden des Boots erzeugen Strom für die Wasserpumpe. Fällt sie aus, misslingt das Unterfangen. Von einem Scheitern geht das Team Swiss Mocean aber selbstredend nicht aus, im Gegenteil.

Das selbstbewusste Ziel lau­tet: Weltrekord brechen. Yves Schultheiss, Luca Baltensperger, Laurenz Elsässer und Marlin Strub visieren an der Talisker Whisky Atlantic Challenge die Bestzeit eines Viererboots an – sie liegt bei gut 35 Tagen. Und das, obwohl nur Schultheiss bereits in der Jugendzeit wettkampfmässig ruderte.

«An Schweizer Meisterschaften würde es uns nicht in die vorderen Ränge reichen», sagt Schultheiss. Aber: «Die derzei­tigen Rekordhalter sind auch Amateure.» Wobei das Team die Freundschaft über das Erreichen des sportlichen Ziels stellt. «Wenn wir erst nach 60 Tagen ankommen, ist das auch cool», stellt Wahlberner Schultheiss klar.

Ozeanrudern ist technisch nicht mit dem herkömmlichen Sport in stillem Gewässer vergleichbar. Das Boot ist deutlich grösser und breiter, muss hohen Wellen und Orkanwinden standhalten können. Und kräftig sind alle Mitglieder des Teams Swiss Mocean. Entscheidend wird allerdings vielmehr die Leidens­bereitschaft sein.

«Tief in mir ist mir schon bewusst, dass enorme Herausforderungen auf uns zukommen. Eben gerade im mentalen Bereich», sagt Schultheiss. Den grössten Respekt hat er vor der Eintönigkeit des Unterfangens. «Es ist nicht simulierbar, wir können uns nicht darauf vorbereiten.» Jetzt aber überwiege die Vorfreude deutlich.

Erfolgversprechendes Boot

Am 12. Dezember legt das Schweizer Team auf der kanarischen Insel La Gomera ab. Mit einem Occasionboot, das die Challenge bereits einmal hinter sich gebracht hat. Die Mrs. Nelson gehörte vier Britinnen, die in der letztjährigen Austragung den Frauen-Weltrekord unterboten. Das Boot ist praktisch unsinkbar – bei starkem Unwetter müssen die vier Schweizer möglicherweise in der Kabine ausharren und warten.

Eine Neuanschaffung wäre in finanzieller Hinsicht ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. «Wir merkten, dass es ohne Sponsoren nicht realisierbar ist», erklärt Schultheiss. Dank der Crowdfunding-Plattform I Believe in You sowie diversen Sponsoren konnte Swiss Mocean die nötigen Mittel beschaffen, um den Gesamtaufwand von rund 140'000 Franken zu decken.

1966 überquerten Sir Chay Blyth und John Ridgeway erstmals den Atlantischen Ozean mit einem Ruderboot. 92 Tage waren sie unterwegs. Das Wettrennen existiert seit 1997. Zwanzig Jahre später wollen Swiss Mocean als erste Schweizer Teilnehmer des Extremwettkampfs rund dreimal schneller sein als die Pioniere. Sie suchen die Herausforderung, persönliche Grenzerfahrungen und das Leiden.

Yves Schultheiss ist der Überzeugung, «dass persönliche Freiheit unter anderem bedingt, fähig zu sein, auch fern der Komfortzone einen klaren Kopf zu wahren». Übelkeit auf hoher See lässt sich mit der nötigen Gelassenheit besser ertragen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.11.2017, 11:41 Uhr

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