«Ich stehe unter Zugzwang»

Claudio Capelli verpasst wegen Problemen mit der Bizepssehne in der rechten Schulter die EM in Bern. Im Gespräch äussert sich der 29-Jährige aus Lätti zu seinem letzten Ziel, Schmerzen und dem bevorstehenden Karrierenende.

Gibt nicht auf: Claudio Capelli will zum Karrierenende noch einmal an Olympischen Spielen turnen.

Gibt nicht auf: Claudio Capelli will zum Karrierenende noch einmal an Olympischen Spielen turnen. Bild: Keystone

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In einem Wort: Wie würden Sie Ihren derzeitigen Gemüts­zustand beschreiben?
Claudio Capelli: (überlegt lange) Nur ein Wort? Das ist schwierig.

Erweitern wirs auf einen Satz . . .
. . . Es ist schade, klappt es nicht mit der EM, das macht mich schon ein bisschen traurig.

Wann entschieden Sie definitiv, auf die EM in Bern zu verzichten?
Ich habe zwar Fortschritte gemacht, aber alle wussten, dass es für die EM sehr knapp werden würde, selbst wenn die Heilung der Schulter optimal verlaufen wäre. Vorletzte Woche konnte ich wegen der Schmerzen wieder nur begrenzt trainieren, da wusste ich, dass es für Bern nicht reichen würde.

Sie konnten nach längerer Pause erst Anfang März wieder an den Geräten turnen . . .
. . . Ja. Und am Reck beispielsweise kann ich noch nichts machen. An den Ringen werde ich wegen der Schulter sowieso nicht mehr turnen können. Ich darf nichts forcieren, weil ich meine Olympiateilnahme nicht aufs Spiel setzen will. Auch deshalb verzichte ich auf die EM. Ich wollte nicht zu früh Vollgas geben und mir dadurch den Rest des Jahres kaputt machen.

Sie ziehen Rio also Bern vor?
Olympische Spiele sind für einen Sportler das Grösste. Aber natürlich ist es bitter, dass ich ausgerechnet die EM in Bern, quasi zu Hause, verpasse. Denn in den letzten zwölf Jahren habe ich an jeder EM teilgenommen.

Im Februar reiste das Team für ein Trainingslager nach Rio, Sie mussten in Magglingen bleiben, Ihr Alternativprogramm abspulen. War das schwierig?
Ja. Ich stehe generell unter Zugzwang, weil ich sehe, wie meine Teamkollegen Fortschritte machen, ich dagegen nur langsam vorankomme. Die Physiotherapeuten haben mir ein gutes Programm zusammengestellt, ich absolvierte dieses im Swiss Olympic Medical Center. Damit kam ich in den letzten Wochen ein bisschen weg von der Halle. Das war gut, weil ich mich so nicht komplett verrückt machen lassen konnte, wenn ich die anderen turnen sah und selbst nicht durfte.

Sie erwähnten die Schmerzen. Sind diese zu einem Dauer­begleiter geworden?
Gerade letzte Woche habe ich eine Kortisonspritze erhalten, damit lässt es sich um einiges angenehmer trainieren. Ich glaube nicht, dass es ohne diese Behandlung gehen würde.

Für den normalen Bürger tönt das unglaublich.
Gerade für die Schulter ist Kunstturnen halt ein sehr intensiver Sport. Im Alltag verspüre ich überhaupt keine Schmerzen. Ich mache diese Behandlung wirklich nur, weil ich mein letztes Ziel nicht aufgeben wollte.

Wie hoch sehen Sie heute Ihre Chancen für eine Olympiateilnahme?
Wir haben im Moment ein sehr starkes Team, aber nur fünf Turner schaffen es ins Olympiakader. Die anderen konnten nun durchtrainieren, haben viele Fortschritte gemacht. Ich darf mir am Qualifikationswettkampf im Juni sicher keinen Fehler erlauben, muss bis dahin topfit sein. Ich denke, die Chancen stehen 50:50.

Die Schweizer Kunstturner sind so stark wie seit Jahren nicht mehr. Das könnte Ihnen nun zum Verhängnis werden . . .
. . . Das ist so. Aber genau dieses starke Team haben wir immer gewollt. Heute können wir um EM-Medaillen turnen, sind international vorne dabei. Das ist für mich und das Schweizer Kunstturnen etwas Schönes. Ich habe an vielen Grossanlässen turnen dürfen, das macht mich stolz.

Sie haben sich 2016 schon länger als letztes Karrierejahr gesetzt. Haben Sie Angst davor, die Bühne durch die Hintertüre – also ohne Olympia – verlassen zu müssen?
Selbst wenn ich nicht verletzt wäre, könnte es wegen des starken Teams sein, dass ich es nicht ins Olympiakader schaffe. Ich habe abgesehen von der WM in Naning (Capelli war damals verletzt, die Red.) alle Grossanlässe in den letzten zehn Jahren bestritten. Könnte ich ausgerechnet in meinem letzten Jahr als Turner an keinem Wettkampf teilnehmen, wäre das sehr bitter.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 06.04.2016, 08:00 Uhr

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