Abplanalp gibt auch im Nachwuchs Vollgas

Stefan Abplanalp hat als Trainer mit seinen Athletinnen sowohl den Gesamtweltcup als auch Olympia- und WM-Medaillen gewonnen. Jetzt ist der 45-jährige Meiringer voller Elan als Cheftrainer des Regionalen Leistungszentrums Haslital Brienz tätig.

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Peter Berger@PeterBerger67

Wie haben Sie sich eingelebt? Gut, ich bin schnell angekommen. Ich sagte mir immer, wenn ich einmal wieder zurück an der Basis arbeiten will, dann wäre es am schönsten, wenn ich das in meiner Heimat tun könnte. Mit dem Skirennzentrum, das mein langjähriger Trainerkollege Reto Schläppi leitet, sind professionelle Trainingsbedingungen gewährleistet. Das gibt mir die ­Gewissheit, dass man hier auf einem hohen Niveau arbeiten und etwas bewegen kann.

Konnten Sie schon etwas ­bewegen? Wir konnten die Rahmenbedingungen im Bereich Schule und Leistungssport verbessern. Die Schulsportstunden können nun zum grössten Teil für das Konditionstraining genutzt werden. In Unterbach haben wir im früheren Schulhaus einen Kraftraum eingebaut. So haben wir mit der dazugehörenden Turnhalle nun ein Sommertrainingszentrum.

Den Weltcupzirkus vermissen Sie nicht? Das eine oder andere Gesicht vermisst man schon. Aber es ist auch schön, die sozialen Kontakte in der Heimat wieder zu stärken. Der Zeitpunkt für eine Rückkehr war ideal. Ich sehe jetzt die Familie öfter.

Vorher betreuten Sie Profis, jetzt Kinder zwischen 12 und 16 Jahren. Ist das nicht ein Kulturschock? U-12 bis U-16 ist die erste Stufe im Leistungssport. Klar arbeite ich nicht mehr mit den Besten an Finessen, sondern auf der Ausbildungsebene. Natürlich, wenn man auf höchstem Niveau mit Athleten um den Weltcupsieg gekämpft hat und jetzt mit U-16-Athleten zu tun hat, ist das eine andere Herausforderung. Aber genau das suchte ich. Das Fachliche bleibt dasselbe, Sozialkompetenz braucht es auf jeder Stufe. Anpassen muss man die Sprache, bei den Jungen ist man zudem noch mehr der Erzieher.

Und wie kommen Sie damit zurecht? Ich muss selber wieder viel lernen. So hatte ich Mühe, J&S-Anmeldungen auszufüllen. Oder bei Aufgeboten machten mich die Trainerkollegen darauf aufmerksam, dass ich vergessen hätte, die Trinkflasche und die Sonnencreme aufzulisten (lacht). Aber dafür kann ich mit meiner Erfahrung den Athleten helfen, den Weg nach oben zu verkürzen. Ich kann ihnen zeigen, wie sie richtig trainieren, wie sie Leistung erbringen können, wie sie Rennen zu fahren haben, und schliesslich, wie man Rennen gewinnt. All das muss man lernen. In diesem Spannungsfeld arbeitet man auch mit den Profis.

«Mit meiner Erfahrung kann ich den Athleten helfen, den Weg nach oben zu verkürzen.»

Kommt da der Spassfaktor nicht zu kurz? Selbstverständlich gehört auf der Nachwuchsebene Spass dazu. Bloss richtig Spass machen erst Siege. Für die einen bedeutet dies erste Ränge, für andere Podest- oder Top-10-Plätze, wieder für andere einfach persönliche Fortschritte. Gewinnen heisst, seine Ziele zu erreichen. Und diese sind so zu setzen, dass sie für die Kinder attraktiv und erreichbar sind.

Sie tönen sehr engagiert. Der Ehrgeiz hat mich sofort wieder gepackt. Ich möchte auch auf dieser Stufe meine DNA hinterlassen, helfen, die Sportkultur zu fördern. In Österreich oder Norwegen sind andere Systeme vorhanden.

Inwiefern? Da richtet sich die Schule bei einem 12- bis 16-Jährigen nach dem Sport. Hier ist das mit dem neuen Lehrplan 21 eine riesige Herausforderung. Weil wir starke Athleten der Jahrgänge 2005/2006 haben, wurde ich mit meiner Idee an der Oberstufe Meiringen vorstellig. Und dank der Lehrerin und Talentförderin Therese Meerstetter gibt es nun eine fast reine Sportklasse. Das erleichtert vieles.

Nennen Sie ein Beispiel. Wie schon erwähnt, können wir die Sportlektionen der Skifahrer als Konditionstraining einsetzen. So haben wir in unserem Tal eigentlich das gleiche Modell wie in Österreich oder Norwegen. Unser Rahmenkonzept hat aber den Vorteil, dass unsere Athleten nicht in Internaten, sondern zu Hause schlafen. Ich finde wichtig, dass Kinder im Alter zwischen 12 und 16 Jahren noch zusammen mit den Eltern, Geschwistern oder dem Ätti am Mittagstisch sitzen und das Familienleben geniessen können.

Wie sieht der Zeitplan aus? Das Ziel ist, kurz- bis mittelfristig etwas aufzubauen, das nachhaltig ist. Dann sehen wir, wie es funktioniert. Ich schliesse nicht aus, dass ich irgendwann wieder Weltcupathleten trainieren werde. Doch momentan gefällt mir mein Arbeitsfeld sehr gut.

Wie ist die Zusammenarbeit mit den anderen RLZ im Oberland? Wir arbeiten eng zusammen, auch mit dem BOSV. Klar will ich im Haslital etwas bewegen und mithelfen, dass wir wieder schnelle Berner Oberländer haben wie einst Martina Schild, Bruno Kernen und Michael von Grünigen. Doch wichtig ist auch, dass wir kein regionales Schubladendenken haben. Am Ende müssen wir alle einander helfen, dass die Schweizer Athleten an die Weltspitze kommen. Auf unserer Stufe geht es darum, dass wir die Athleten so ausbilden, dass sie es in ein Kader von Swiss-Ski schaffen.

Viele Oberländer gibt es derzeit nicht. Aus unserer Region sind es momentan die leider verletzte Katja Grossmann und Marco Kohler. Aber insgesamt waren es in den vergangenen fünfzehn Jahren wenige. Vor allem fehlen diejenigen, die den Sprung nach ganz vorne schaffen. Derzeit ist Joana Hählen die einzige Oberländerin im Nationalkader.

Worauf führen Sie das zurück? Das Spannungsfeld zwischen Leistungssport und Ausbildung gilt es zu optimieren, die richtigen Rahmenkonzepte zu gestalten. Ein wichtiger Punkt für mich ist, dass man an die Bereitschaft während der beruflichen Ausbildung appelliert. Von den Lehrlingen wird oft der Sechser in der Berufsschule und der Podestplatz verlangt. Ich sage, manchmal reicht auch die Note 5, wenn das Talent deutlich erkennbar ist.

Wie erkennt man das? Das erkläre ich gerne an einem fiktiven Beispiel: Mit Lindsey Vonn und Julia Mancuso trainierte ich zwei fantastische Athletinnen, die aber total unterschiedlich sind. Ich gebe beiden drei Äpfel und sage: Jongliert damit. Julia kann das innerhalb von zwei Minuten. Lindsey benötigt 4 Stunden, dann kann sie es auch. Nächste Aufgabe: vier Äpfel, ein Auge schliessen und auf dem Rollbrett balancieren. Mancuso beherrscht das in 4 Stunden, dann legt sie alles beiseite. Vonn benötigt 24 Stunden, um auf dem gleichen Level zu sein. Beide sind talentiert, aber unterschiedlich. Die Frage ist nun, wie weit Mancuso gekommen wäre, wenn sie den gleichen Aufwand wie Vonn betrieben hätte. Das Resultat ist Mikaela Shiffrin, die noch einmal besser ist. Es geht darum, einem Talent zu zeigen, was nötig ist, damit es ein Superstar werden kann.

Berner Zeitung

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