Kampf gegen die Ungeduld

Der Ende Juni schwer verunfallte Schwingerkönig Matthias Glarner steht dem Berner Team in Interlaken unterstützend zur Seite. In zwei Monaten will er das Training im Sägemehl aufnehmen.

Will in zwei Monaten wieder mit dem Training beginnen: Schwingerkönig Matthias Glarner.

Will in zwei Monaten wieder mit dem Training beginnen: Schwingerkönig Matthias Glarner.

(Bild: Andreas Blatter)

Philipp Rindlisbacher

Geträumt vom Unfall hat Matthias Glarner nie. Aber es vergeht kein Tag, an dem er nicht an jenen Moment des 27. Juni denkt, als er in Hasliberg während eines Fotoshootings aus zwölf Metern Höhe von einer Gondel stürzte, sich schwere Becken- und Sprunggelenkverletzungen zuzog. Immer vor dem Einschlafen geht ihm das Geschehene durch den Kopf. «Dann bin ich dankbar dafür, dass ich 1000 Schutzengel hatte.»

In Interlaken sitzt Glarner phasenweise auf der Medientri­büne. Er wirkt glücklich, aber an­gespannt. Während Cousin Simon Anderegg im Einsatz steht, kaut er an seinen Fingernägeln. Als Kilian Wenger gegen Joel Wicki in Bedrängnis gerät, bearbeitet er mit dem Löffel den Kaffeebecher; nach dem Auftaktsieg von Christian Stucki über Daniel Bösch ballt er energisch die Faust.

Es sei brutal, nicht mitmachen zu dürfen. «Ich hätte in die Ferien reisen und mich ablenken können. Aber ich wollte meine Kollegen unterstützen.» Beim Einmarsch am Morgen begleitet der 31-Jährige die Berner Delegation; später geht er in die Garderobe, applaudiert, motiviert, tröstet. «Ich sehe mich als Teil dieses Teams», hält er fest.

«Das ist schon bitter»

Vor einigen Tagen meldete sich eine bekannte Unternehmung bei dieser Zeitung. Die Firma wollte für die Montagsausgabe ein Glückwunschinserat platzieren, sollte Matthias Glarner am Unspunnen-Schwinget einen Kranz gewinnen. Das Anliegen war ernst gemeint, allerdings wenig durchdacht. Einerseits gab es in Interlaken kein Eichenlaub zu gewinnen, andererseits darf der Haslitaler derzeit nicht einmal an einen Auftritt im Sägemehlring denken.

Neben ausgiebiger Physiotherapie trainiert Glarner zwar bereits wieder in Oberkörper- und Rumpfbereich, fährt auf dem Hometrainer – «leider darf ich nur 20 Minuten lang». Sein linkes Bein aber ist viel dünner geworden, im Kraftraum muss der 14-fache Kranzfestsieger zurückhaltend zu Werke gehen. «Ich halte 4 Kilogramm schwere Hanteln in den Händen. Vor einem Jahr waren es 120-Kilo-Hanteln», hält er fest. «Das zu akzeptieren, ist manchmal schon bitter.»

An und für sich aber läuft die Rehabilitation perfekt. Die Nachkontrolle am Donnerstag im Inselspital verlief zufriedenstellend. Die Ärzte sagen, die Aufnahme des Schwingtrainings Anfang November sei möglich. Glarner sagt, er wolle Ende Oktober sein Comeback geben. Derzeit kämpft er vor allem gegen die Ungeduld. In Interlaken gibt Matthias Glarner Interviews und Autogramme zuhauf. Er posiert immer wieder für Selfies. Ruhige Minuten sind an zwei Händen abzuzählen. Immer wieder verspricht er, im kommenden Frühling an den Hallenfesten dabei zu sein. «Da habe ich absolut keine Zweifel.»

Am Sonntag wird im «Sport­panorama» ein Beitrag über den Schwingerkönig ausgestrahlt, das Schweizer Fernsehen hat ihn in den Wochen nach dem Unfall begleitet. Psychisch hat er den Sturz verarbeitet. Er schläft ruhig ein, nachdem er abends daran gedacht hat. Worauf er bereits von künftigen sportlichen Glanztaten träumt.

Berner Zeitung

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