«Ich habe noch nicht abgeschlossen»

Mit Noemi Zbären verpasste eine der talentiertesten Schweizer Athletinnen die beiden letzten Saisons fast ganz. Was sie aus den drei Verletzungen in zwei Jahren gelernt hat.

Ein Kreuzbandriss und zwei Muskelfaserrisse stoppten Noemi Zbären. Nun ist sie zurück im Training. Foto: Christian Pfander

Ein Kreuzbandriss und zwei Muskelfaserrisse stoppten Noemi Zbären. Nun ist sie zurück im Training. Foto: Christian Pfander

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Jahrelang ging es für Noemi Zbären nur in eine Richtung: steil bergauf. Die heute 24-Jährige war Junioren-Europameisterin und gewann an der Nachwuchs-WM Silber. 2015, in ihrer besten Saison, blieb Zbären über 100 m Hürden 15-mal unter 13 Sekunden und stellte mit 12,71 ihre Bestzeit auf. In Peking dann, an der WM der Elite, war sie die Jüngste im Schweizer Team und als 6. auch die Erfolgreichste.

Der Kreuzbandriss im linken Knie im Frühling 2016 war der Anfang ihrer Leidensgeschichte. Das Comeback ein Jahr später war zwar ansprechend, danach aber setzte sich die Langnauerin wegen der WM-Limite immer mehr unter Druck. Nach einem Muskelfaserriss im rechten Oberschenkel musste sie im Juli 2017 die Saison abbrechen. Im letzten Winter erlitt sie dieselbe Verletzung im linken Oberschenkel. Die Ursachen dieser Blessuren gründen auf einer Dysbalance im Hüftbereich, die auf die eingeschränkte Beweglichkeit des linken Knies seit dem Kreuzbandriss zurückzuführen ist.

Sie haben im Juli die Saison vorzeitig beendet. Wie geht es Ihnen heute?
Nach dem Saisonabbruch habe ich mit dem Training ausgesetzt, so konnte ich meinem ­Körper Zeit geben, sich ganz zu erholen. Heute habe ich keine Schmerzen mehr, es geht mir gut.

Es war der dritte Tiefschlag innerhalb von zwei Jahren für Sie. Wie sind Sie damit umgegangen?
Ich würde nicht von einer Erlösung sprechen. Aber ich wusste anschliessend, wie es weitergeht. Und weil ich Schmerzen hatte, wusste ich auch, dass es nicht länger ein täglicher Kampf sein würde. Für den Kopf war das eine willkommene Pause, weil er nach einer schweren Zeit müde war.

Was haben Sie danach ­gemacht?
Ich ging arbeiten, ich habe mehr Zeit im Labor verbracht. Und es gab eine Phase, in der ich gar keinen Sport trieb, damit alles wieder in Balance kommen konnte. Für einmal waren andere Dinge wichtig.

Ein Kreuzbandriss, zwei ­Muskelfaserrisse – die beiden letzten Jahre verliefen für Sie nicht nach Plan.
Ich wusste einfach nicht, was es bedeutet, wenn es einmal nicht läuft. Die Phase nach dem Kreuzbandriss war schwierig, weil mir bewusst war: Nun bist du erst einmal für neun Monate nicht zu gebrauchen respektive musst viel arbeiten, damit du überhaupt wieder auf das Niveau kommst, um so wie vorher trainieren zu können. Doch ich wollte zurück zum Hürdenlaufen. Wenn es dann jedoch immer wieder Dinge gibt, die deine Planung über den Haufen werfen, überlegst du dir schon: Komme ich da überhaupt wieder raus?

Haben Sie an Rücktritt ­gedacht?
Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, was ich genau will. Ist es mir der Sport wert, so viel zu investieren, Schmerzen in Kauf zu nehmen, um dorthin zu gelangen, wo ich hin will? Zuerst dachte ich: Wieso tust du dir das an? Aber: Ich habe noch nicht ­damit abgeschlossen, dafür gefällt mir das Hürdenlaufen einfach zu gut.

Haben Sie sich durch die ­Leidensgeschichte verändert?
Ich habe herausgefunden, was ich ändern muss, damit es für mich stimmt. Ich denke, dass ich persönlich nochmals einen Schritt vorwärtsmachen konnte. Vielleicht hatte ich mir vorher nicht die Zeit genommen, zu erkennen, was ich überhaupt brauche – auch mental, um bereit zu sein für solche Leistungen.

«Wenn es nicht nach Plan läuft, überlegst du dir schon: Komme ich da wieder raus?»

Wie steht es um die Dysbalance im Hüftbereich?
Ich konnte aus der Reha-Phase etwas mitnehmen, ich bin nicht in der gleichen Situation wie im April. Mit dem Knie geht es wirklich super im Moment, aber ich habe einfach mehr Zeit gebraucht, um mich an die Umstände anzupassen. Es gibt immer noch Unterschiede zwischen meiner linken und meiner rechten Seite, aber sie basieren nicht mehr auf meiner Knieverletzung. Es geht eher darum, in welchen Muskeln ich wie viel Kraft habe, wobei die linke Seite immer noch etwas schwächer ist. Das muss ich zuerst ausgleichen, bevor es mit dem eigentlichen Wintertraining losgeht.

Sie müssen den ganzen Bewegungsablauf anpassen, können nicht mehr so über die Hürden laufen wie zuvor. Das tönt ­kompliziert.
Es gibt ein paar technische Anpassungen, die ich vornehmen muss. Ich werde wohl relativ ­viel Training in den Aufbau investieren. Das Ziel ist, dass ich diese Anpassungen in den normalen Bewegungsablauf einfliessen lassen kann und dabei nicht mehr überlegen muss.

Wie sieht Ihr Plan für die ­nächsten Monate aus?
Die vergangenen Wochen verbrachte ich damit, mir zu überlegen, was ich genau will, und was ich dafür brauche. Jetzt beginnen wir mit ein paar neuen Sachen, damit ich im Oktober problemlos ins Wintertraining einsteigen kann.

Was heisst das genau?
Neben dem Ausgleich im Kraftbereich werde ich auch im psychisch-mentalen Bereich gewisse Dinge anpassen und ernährungstechnisch einige Inputs umsetzen.

Haben Sie externe Hilfe ­geholt?
Im mentalen Bereich, ja. Wobei diese Zusammenarbeit erst jetzt richtig beginnt.

Gibt es weitere Anpassungen im Trainingsalltag?
Wir haben angeschaut, was funktionierte, und weshalb ich 2015, als ich an der WM Sechste wurde, sehr gute Leistungen lieferte. Und auch was wir 2017 im Aufbau vielleicht falsch gemacht haben. Ich werde künftig sicher nicht neun Trainingseinheiten pro Woche absolvieren, weil ich mit fünf schon sehr weit gekommen bin. Es ist für mich besser, wenn ich mehr Zeit für die Regeneration habe, anstatt täglich zweimal zwei Stunden zu trainieren.

2019 findet die WM statt, 2020 Olympia. Wie präsent sind diese Anlässe für Sie?
Die Olympischen Spiele in Tokio sind ein Ziel, das habe ich bereits vor zwei Jahren gesagt, als ich Olympia in Rio wegen des Kreuzbandrisses verpasste. Aber es wird sicher nicht so sein, dass ich nächstes Jahr bereits wieder 12,71 Sekunden laufen kann. Ich möchte jedoch wieder in diesen Bereich vordringen. Die Frage ist, wie schnell das machbar sein wird.

Im vergangenen Jahr haben Sie sich wegen der WM-Limite unter Druck gesetzt, wohl zu viel gewollt, was zu einem Muskelfaserriss führte. Wird Ihnen das nicht mehr passieren?
Das ist schwer zu sagen, solange man sich nicht in dieser ­Situation befindet. Wenn man nahe an etwas dran ist, was spricht dagegen, dieses Ziel zu verfolgen? Ich habe das Gefühl, dass ich viel lernen konnte und mich auch persönlich weiterentwickelt habe. Das wird es mir hoffentlich erleichtern, eine solche Situation richtig anzupacken, sollte sie sich wieder ergeben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2018, 23:24 Uhr

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