«Ich bin mit mir im Reinen»

Fabian Kauter spricht im Interview vor dem Weltcup in Bern über die Leere nach den Olympischen Spielen. Der 31-jährige Lokalmatador sagt, warum er zeitweise die Freude am Sport verloren hat. Und warum er doch nicht zurücktreten will.

Erleichtert: «Die letzten sechs Jahre als Profi waren einerseits ein Dürfen, aber auch ein Müssen», sagt Fabian Kauter.

Erleichtert: «Die letzten sechs Jahre als Profi waren einerseits ein Dürfen, aber auch ein Müssen», sagt Fabian Kauter.

(Bild: Manuel Zingg)

Fielen Sie nach den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro im August in ein Loch?Fabian Kauter: Absolut. Es waren vier Jahre, in denen ich auf ein einziges grosses Ziel hingearbeitet habe. Und dann erfüllten sich die Erwartungen sowohl im Einzel wie auch im Team nicht. Die Enttäuschung war gross, sie ist immer noch da.

Wann denken Sie daran?Wenn ich Bilder sehe oder darauf angesprochen werde. Ich werde deswegen nicht depressiv. Ich habe es akzeptiert. Aber ein negatives Restgefühl ist geblieben.

Das Loch scheint tief gewesen zu sein.Es war sehr brutal. Weil mehr dringelegen wäre. Anderseits: Hätte ich eine Medaille geholt, hätte ich mich wohl noch einmal vier Jahre dem Fechten verschrieben.

Das wollten Sie nicht mehr?Ich geniesse es, mehr Ruhe zu haben, flexibler zu sein, nicht jeden Tag strukturieren zu müssen. Die letzten sechs Jahre als Profi waren einerseits ein Dürfen, anderseits auch ein Müssen.

An einen Rücktritt dachten Sie nicht?Nein, dafür mag ich das Fechten viel zu sehr.

Aber aus dem Nationalteam sind Sie ausgetreten. Warum?Einerseits war ich 13 Jahre lang dabei. Es ist wichtig, auch mal den Jungen eine Chance zu geben. Anderseits habe ich keine Lust mehr auf die Verantwortung, die ein Teamfechter trägt. Ist man im Kader, muss man Trainings an mehreren Standorten in der Schweiz wahrnehmen. Aber: Die Türe zur Equipe möchte ich nicht ganz schliessen.

Das bedeutet konkret?Wenn es heisst: Wir brauchen dich für die WM 2019 oder die Olympischen Spiele 2020 in Tokio, und ich bin immer noch in Form, dann kann ich mir eine Rückkehr vorstellen. Dafür muss aber sehr viel stimmen.

Dient Ihnen Ihr Bruder als Vorbild? Er kehrte nach langer Pause Anfang dieses Jahres in den Weltcup zurück.Ich fand immer cool, wie er es handhabt. Er hat in den letzten Jahren nicht viel gefochten, der Spass stand im Vordergrund. Und doch war er seit der Rückkehr ­nahe an den Weltbesten dran. Das war cool zu sehen, denn wir sind vom Typ her ähnliche Fechter. Falls ich künftig an den Turnieren chancenlos bin, werde ich ­sofort die Reissleine ziehen. Dem Fechten würde ich aber auch dann verbunden bleiben.

Wie?Ich könnte mir vorstellen, Junioren zu trainieren.

Die olympische Medaille fehlt in Ihrem Palmarès.Ich habe nie dafür gefochten, dereinst daheim vor der Vitrine stehen und die Auszeichnungen bestaunen zu können. Ich bin mit mir im Reinen.

Wie sieht Ihr Alltag nun aus?Der wird jetzt von meiner Firma (die Crowdfunding-Plattform www.ibelieveinyou.ch; die Red.) bestimmt. Sie ist mein Baby, eine Herzensangelegenheit. Im Vorfeld der Olympischen Spiele musste ich mich mehr zurücknehmen, als mir lieb war. Zudem habe ich nun bei der Trainings­gestaltung freie Hand.

Trainieren Sie deutlich weniger?Nicht unbedingt, aber anders. Ich gehe ins Gym und ins Boxen, fechte teilweise nur noch einmal in der Woche. Ich glaube dennoch, ich bin parat.

Am Samstag treten Sie beim Weltcup in Bern im Einzel an. Mal abgesehen vom dritten Platz 2013 endeten die Auftritte oft enttäuschend. Welche Erwartungen haben Sie heuer?Ich ging noch nie so entspannt ins Turnier. Es wird wohl so sein: Entweder verliere ich den ersten Match, oder ich gewinne das Turnier. (lacht) Ich traue mir alles zu. Es wäre so oder so okay. Das tut mir gut.

Inwiefern?In den letzten zwei Jahren fühlte ich mich stets unter Zugzwang. Als Spitzensportler muss man ­damit umgehen können. Es kann aber auch zu viel sein. Zuweilen war es mir nicht mehr wohl, gewisse Dinge gingen verloren.

Was denn?Das Spiel mit dem Gegner. Ihn mit Psychotricks zu verunsichern, in seinen Kopf vorzudringen. Das ist das, was ich liebe an dieser Sportart. Diese Leichtigkeit ist mir in den letzten Jahren abhandengekommen.

«Ich freute mich gar nicht mehr auf das Turnier in Bern. Weil ich zu viel Druck verspürte.»

Lag der Fokus zu sehr auf den Teamwettkämpfen und der damit verbundenen direkten Qualifikation für Rio?Womöglich. Ich freute mich etwa gar nicht mehr auf das Turnier in Bern. Weil ich zu viel Druck verspürte. Ein Beispiel: Jetzt (das Interview fand am Dienstag statt) wäre ich bereits im Tunnel, würde meine Rituale ausführen.

Die wären?Ich wusste immer genau, wie ­viele Tage vor dem Wettkampf ich meine Finger- und Fussnägel schneiden musste, damit sie die ideale Länge haben. Das habe ich lange ausgetestet. Ich habe immer acht Tage vor dem Turnier die Fingernägel gekürzt und vier Tage vorher die Fussnägel. Sonst hätte ich ein schlechtes Gefühl gehabt. Ich weiss, viele halten mich nun für einen Spinner.

Können Sie weitere Rituale ­nennen?Das wäre zu peinlich. (schmunzelt) Aber ich habe sie alle über Bord geworfen. Ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal die Fingernägel geschnitten habe.

Sie sind ein Kopfmensch. Womöglich fechten Sie ohne Druck besser als zuvor?Das haben mir in den letzten ­Tagen einige Personen gesagt. Mag sein.

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